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TU-Darmstadt-Präsident Prömel "Wir könnten die Universität auch ruinieren"

Ihr Autonomiestatus hat der TU Darmstadt gleichermaßen Freiheit, aber auch Risiken gebracht - jetzt will Präsident Hans Jürgen Prömel noch Dienstherr werden.

14.08.2009 00:08
Das neue Gesetz schafft Freiräume: Versuche im Chemielabor. Foto: Bilderberg

Herr Professor Prömel, das Land Hessen hat Ihre Universität vor viereinhalb Jahren in die Freiheit entlassen. Wie fällt Ihre Bilanz als erste autonome Hochschule Deutschlands aus?

Sehr positiv. Seit das TUD-Gesetz am 1. Januar 2005 in Kraft trat, konnten wir viele Dinge umsetzen. Berufungen beispielsweise können wir deutlich flexibler und schneller handhaben.

Wie schnell?

Wir haben einige Berufungsverfahren schon in sechs bis acht Wochen hinbekommen. Das ist allerdings die Ausnahme. Vorher wäre unter einem halben Jahr überhaupt nichts möglich gewesen. Im Durchschnitt konnten wir die Berufungsdauer um vier bis fünf Monate verkürzen.

Und was hat die Uni von der neuen Geschwindigkeit?

Wir konnten unser Profil in Bereichen schärfen, in denen wir schon erfolgreich waren. Zum Beispiel mussten wir für das Cluster "Smart Interfaces" und eine Graduiertenschule für Computational Engineering*, die wir durch die Exzellenzinitiative eingeworben hatten, mehrere Wissenschaftler berufen. Für sie lagen auch Konkurrenzangebote anderer Universitäten vor. Aber wir waren einfach schneller.

Sie sind jetzt auch Ihr eigener Bauherr.

Wir können selbst bauen und auch in diesem Bereich Dinge beschleunigen. In weniger als einem Jahr haben wir für "Smart Interfaces" aus eigenen Mitteln ein neues Forschungsgebäude gebaut, damit die neu angestellten Wissenschaftler eigene Büro- und Laborräume beziehen können.

Das Gesetz gibt Ihnen zudem die Möglichkeit, neue Studiengänge einzurichten und alte einzustampfen - oder sie zu verlängern, wie es Bologna-Kritiker gerade für den Bachelor fordern.

Die TU Darmstadt gehört zu den ersten Universitäten, die alle Studiengänge vollständig auf Bachelor und Master umgestellt haben - und zwar konsequent auf das Modell drei plus zwei Jahre. Zu längeren Bachelorzeiten überzugehen, wird bei uns derzeit nicht diskutiert. Wenn man noch nicht die ersten Kohorten durch die Studiengänge geschleust hat, sollte man nicht gleich wieder anfangen, alles ändern zu wollen.

Ihr Vorgänger Johann-Dietrich Wörner hat 2005 vorgerechnet, dass Hessen der TU schon deutlich mehr zuschießen müsste, wenn das Autonomie-Modell ein Erfolg werden soll. Wie stehen Sie heute finanziell da?

Dass die deutschen Hochschulen unterfinanziert sind, ist ein generelles Problem. Das ist so und das hat sich in den letzten Jahren auch nicht wesentlich verbessert. Das Verhältnis von Drittmitteln zur Grundfinanzierung hat sich deutlich zu Lasten letzterer entwickelt. Der TU Darmstadt steht jährlich ein Grundbudget von 230 Millionen Euro zur Verfügung - enthalten sind auch alle Investitionsmittel, etwa für Gebäude. Zudem erwirtschaften wir Drittmittel von über 90 Millionen Euro.

Nicht gerade wenig. Wäre es denkbar, dass sich das Land komplett aus der Finanzierung zurückzieht?

Autonom zu sein, heißt nicht, dass wir völlig unabhängig sind. Das Land zieht sich nicht aus der Finanzierung raus. Die Grundfinanzierung muss dabei aber so stark sein, dass wir auch die Freiheit haben, Drittmittel abzulehnen, wenn wir meinen, dass sie nicht in unser Profil passen. Tatsächlich aber sehe ich in Deutschland ein bisschen die Tendenz, dass Hochschulen gerade dort in die Autonomie entlassen werden, wo wenig Geld vorhanden ist. Ich habe selbst erlebt, dass man den Hochschulen, die autonom wurden, im Gegenzug das Budget um fast 20 Prozent gekürzt hat.

Und das schreckt die Hochschulen nicht ab?

Seit rund fünf Jahren gibt es einen eindeutigen Trend in Richtung Autonomie. Die TU Darmstadt war einer der Vorreiter, andere Universitäten haben nachgezogen und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Ich glaube nicht, dass das Rad noch einmal zurückgedreht wird.

Das Gesetz, das Ihnen die Unabhängigkeit zusichert, läuft Ende des Jahres aus. Was würden Sie bei einer Neuauflage ändern?

Der größte Knackpunkt, der auch auf unserer letzten Universitätsversammlung kontrovers diskutiert wurde, ist die Dienstherren-eigenschaft, die uns der Gesetzgeber jetzt einräumen möchte - nach meiner Wahrnehmung würde der Autonomieprozess damit auch konsequent zu Ende gedacht. Zudem wollen wir vom Land noch einige Garantien. Bislang sind die jährlichen Investitionen, die im bisherigen TUD-Gesetz mit 20 Millionen Euro festgeschrieben sind, zu schmal bemessen.

Bleiben wir noch mal bei der Dienstherreneigenschaft. Was würde sich dadurch verbessern? Sie haben ja zugesagt, dass sich für Ihre Mitarbeiter eigentlich nichts ändern soll und Sie eine Tarifgemeinschaft mit dem Land Hessen eingehen wollen.

Bisher konnten wir zwar im Einzelfall mit Professoren Verträge aushandeln und schließen, wir konnten sie aber nicht zu Professoren der TU Darmstadt machen. Zu Beamten ernennt sie immer noch die Wissenschaftsministerin. Als Dienstherr würden wir uns in den Tarifverbund des Landes begeben. Als einzelne Universität wären wir überfordert, eigene Tarifverträge abzuschließen. In einer Tarifgemeinschaft aber würden wir am Verhandlungstisch sitzen und könnten wissenschafts- und universitätsspezifische Dinge verhandeln, die Unimitarbeitern zugute kämen.

Die Jusos sähen Sie nicht so gern als Dienstherr und fürchten ein starkes Gehaltsgefälle zwischen Professoren und nicht-wissenschaftlichen Mitarbeitern. Und dass die Uni keine "staatliche" Hochschule mehr sein will, wurde auf der letzten Universammlung ebenfalls problematisiert.

Dass hier Ängste bei den Studierenden aufkommen, hat mich gewundert; teilweise habe ich sie auch als irrational empfunden. Die, die sie jetzt formulieren, sind nicht jene, die noch vor vier, fünf Jahren darüber diskutiert haben, sondern um einiges jünger. Wir sind ja schon seit 2005 keine staatliche Einrichtung mehr, bleiben aber natürlich eine Universität des Landes Hessen und nehmen - von diesem finanziert - Aufgaben des Landes wahr. Einige der Studierenden wollen da einen Schritt zurück. Ich kann mir vorstellen, dass in Zeiten der Wirtschaftskrise bei einigen auch der Mut, nach vorne zu gehen, etwas kleiner ist als noch vor ein paar Jahren.

Wie wirkt sich denn die neue Selbstständigkeit auf Ihr eigenes Amt aus?

Das Amt eines Universitätspräsidenten hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Autonomie ist ein Grund dafür, vielleicht ein wesentlicher. Die Konkurrenz unter den Universitäten ist ein anderer. Mit Sicherheit hat die Verantwortung zugenommen. Allein die Tatsache, dass die TU Darmstadt selbst Bauherrin ist, ist eine immense Verantwortung. Wir haben ein Bauvolumen im Hundert-Millionen-Euro-Bereich. Damit kann man schon eine Universität nach vorne bringen oder auch ruinieren. Da gibt es keinen doppelten Boden.

Und im Umgang mit Kollegen?

Auch die Qualitätssicherung bei Berufungen liegt jetzt vollständig bei der Universität, also muss der Präsident an verschiedenen Stellen Nein sagen, wenn er den Eindruck hat, eine Entscheidung nicht verantworten zu können. Das war vorher die Rolle des Ministeriums, da konnte man den Schwarzen Peter wunderbar wegspielen. Jetzt muss ich mehr unangenehme Entscheidungen treffen und in der Universität vertreten. Aber die muss auch lernen, dass das letztendlich für sie von Vorteil ist. Unsere Gestaltungsmöglichkeiten sind heute viel größer.

Die Ex-Präsidentin der Uni Hamburg, Monika Auweter-Kurtz, hat vielleicht auch so argumentiert. Alleinige Entscheidungsgewalt kommt aber offenbar nicht immer gut an. Wie kommunizieren Sie Ihre Entschlüsse?

Ich werde hier keinen Kommentar zu Frau Auweter-Kurtz geben. Was mich anbelangt, bemühe ich mich, sehr transparent mit Entscheidungen umzugehen. Ich sage, warum wir etwas tun und wie, versuche klare Spielregeln zu formulieren und nur in Ausnahmefällen von diesen abzuweichen. Auch wenn ich eine Berufung nicht akzeptiere, versuche ich, meine Gründe transparent zu machen. Es darf nie einen Anschein der Willkür geben. Zum TU Darmstadt-Gesetz hat das Land den Präsidenten um eine Stellungnahme gebeten, mir war jedoch wichtig, den Gesetzentwurf mit der Universitätsversammlung gemeinsam zu diskutieren. Wir haben dann eine in großen Teilen einvernehmliche Stellungnahme formuliert.

Interview: Yvonne Globert

*Am Darmstädter Center of Smart Interfaces (CSI) erforschen Wissenschaftler flüssig-feste Grenzflächen, die etwa zur Verbesserung oder Steuerbarkeit von Masse-, Impuls- oder Wärmetransfer entwickelt werden.

Als Computational Engineering (CE) bezeichnet man die rechnergestützte Modellierung, Analyse und Simulation in den Ingenieurwissenschaften.

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