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Trotz ersten Todesfalls „Superkeim kein Grund zur Panik“

Trotz des ersten Todesfalls sehen Experten keinen Grund zur Panik. Sie warnen aber vor "Schnäppchen"-Operationen in fernen Ländern.

16.08.2010 18:52
Birgitta vom Lehn
Computergeneriertes Bild des Darmbakteriums Escherichia Coli, das mit der Resistenzvariante NDM-1 für Schlagzeilen sorgt. Foto: Janssen Cilag

Wie gefährlich ist der neue „Superkeim“ aus Indien, den britische Wissenschaftler bei 37 Menschen in Großbritannien festgestellt haben? Das vermutlich erste Todesopfer auf dem europäischen Kontinent wurde am Wochenende aus Belgien gemeldet: Ein in Brüssel lebender Pakistani war nach seinem Besuch in der Heimat erkrankt und an der NDM-1-Infektion gestorben. Der Mann musste sich in Pakistan ein verletztes Bein behandeln lassen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts gibt es auch in Deutschland „erste, bisher einzelne Nachweise für NDM-1 bildende Bakterien“. Das Institut weist jedoch darauf hin, dass es trotz „der Multiresistenz der Erreger in begrenztem Umfang noch therapeutische Alternativen“ gebe, zum Beispiel Tigezyklin und Colistin. Dabei handelt es sich allerdings um ältere Antibiotika, die aufgrund ihrer Nieren- und Nervenschädlichkeit nur noch ungern verwendet werden.

Der Veröffentlichung im Fachblatt „Lancet Infectious Diseases“ zufolge handelt es sich um Enterobakterien, die ein Gen für ein besonderes Enzym besitzen, das nach Indiens Hauptstadt als New-Delhi-Metallo-Betalactamase (NDM-1) benannt wird. Dieses Enzym hat bislang nahezu alle Therapieversuche mittels herkömmlicher Antibiotika scheitern lassen. Das Gen verfüge zudem über „alarmierendes Potenzial“, sich leicht auf anderen Bakterienpopulationen zu übertragen und weiter zu verbreiten. Einzelfälle seien auch in Australien, Kanada, Schweden, den USA und Niederlanden entdeckt worden. Die Gefahr, dass NDM-1 sich zu einem „weltweiten Gesundheitsproblem“ auswachse, sei groß und eine koordinierte internationale Überwachung erforderlich, schreiben die Autoren.

Vor Panikmache warnt indes Klaus-Dieter Zastrow, Chefarzt des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an den Berliner Vivantes Kliniken und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene: „Der Keim ist nicht völlig neu. Es handelt sich um einen normalen Darmkeim, nichts Exotisches.“ Zastrow vergleicht NDM-1 mit dem Bakterium „MRSA“ – einem Klinikkeim, gegen den das Antibiotikum Methicillin immun geworden ist und der in Krankenhäusern deshalb gefürchtet ist, sich aber seit Jahren immer weiter ausbreitet.

Im Vergleich zu MRSA, so Zastrow, sei NDM-1 aber auf Feuchtigkeit angewiesen, um sich verbreiten zu können. Er müsse also erst einmal mit einer offenen Wunde in Kontakt kommen. Das schränke die Verbreitungsgefahr im Vergleich zum Trockenkeim MRSA deutlich ein: „Trockenkeime halten sich wochenlang auf Böden und an Türgriffen. Dem ist viel schwerer beizukommen, die Ausbreitungsgefahr folglich größer.“

Da es sich bei den NDM-1-Betroffenen nach Lancet-Angaben nur um Medizintouristen handeln soll, die sich in Indien und Pakistan Schönheitsoperationen unterzogen haben, sei, so Zastrow, die viel größere Frage: „Wie kommt es bei Schönheitsoperationen zu einer Verseuchung mit Darmkeimen? Wir kennen solche Infektionen hierzulande doch nur bei Darmoperationen. Man kann die Leute nicht genug warnen, so etwas in Indien oder sonst wo billig machen zu lassen.“

An die Vernunft der Menschen appelliert auch Professor Werner Mang, Schönheitschirurg an der Bodenseeklinik in Lindau: „Die Ärzte in jenen Ländern sind zwar meist gut ausgebildet. Aber Hygiene und Materialien bleiben auf der Strecke.“ So würde der Operateur „schon mal eben auf die Toilette gehen während der OP, das ist da nichts Besonderes“. Dafür sind die Eingriffe spottbillig: Während für eine Brustimplantat-OP hierzulande rund 4000 Euro an Honorar für den Chirurgen fällig werden und noch einmal 3000 Euro für Material, autorisierte Klinik und zertifiziertes Personal inklusive umfassende Hygienemaßnahmen aufgebracht werden müssen, bieten thailändische und indische Kliniken solche Eingriffe für schlappe 1900 Euro an – inklusive Flug. „Auf Kosten der Gesundheit wird da geschludert“, sagt Mang.

Pro Jahr lassen sich seinen Angaben zufolge 20 bis 30 Patienten in der Bodenseeklinik nachbehandeln, weil vorangegangene Eingriffe im Ausland schief gelaufen sind. „Die Frauen fangen sich Hepatitis und andere Infektionen und kommen mit schlimmsten Komplikationen zurück. Abgestorbene Brustwarzen sind da noch eine harmlose Variante.“

Die Gefahr, sich im Zuge der Globalisierung mit gefährlichen Keimen zu infizieren, steigt. Darin sind sich alle Fachleute einig. Trotzdem warnt Zastrow vor „Endzeitstimmung“.

Auch glaubt der Mediziner nicht, dass die Pharmaindustrie „geschlafen“ habe bei der Entwicklung neuer Antibiotika, wie manche bereits munkeln: „Ich glaube, die ackern alle wie verrückt daran. Denn das wäre ja schon ein Riesengeschäft, wenn gegen multiresistente Keime wirksame Waffen gefunden würden. Aber es ist eben extrem schwierig, da einen intelligenten Mechanismus zu finden.“

Rund 40000 Todesfälle gehen hierzulande Jahr für Jahr auf das Konto sogenannter „nosokomialer Infektionen“: Das sind Entzündungen, die sich Patienten im Krankenhaus zuziehen. Vor allem chirurgische Abteilungen und Intensivstationen sind von den grassierenden und schwer zu bekämpfenden Krankmachern befallen.

Führend sind hier die Staphylokokken und Enterokokken. Zunehmend entwickeln sich aber auch multiresistente Keime. Das Bakterium „MRSA“ findet sich bei gesunden Menschen auf der Haut und Nasenschleimhaut und ist an sich harmlos. Wenn es aber während einer OP oder über einen Katheter in den Körper gelangt, kann es gefährlich werden. „VRE“ sind gegen Vancomycin resistente Enterokokken. An sich gutartig, infizieren sie jedoch Wunden.

Fachleute machen verschiedene Ursachen für die Keimmisere aus: Zum einen können sich in einer global geprägten Welt Infektionserreger sehr schnell über Kontinente hinweg ausbreiten. Zum anderen werden einfache Hygieneregeln in den Kliniken nicht immer optimal umgesetzt. Und drittens fehlt hierzulande ein Screening-Programm wie in den Niederlanden, wo Patienten schon vor Aufnahme in die Klinik auf MRSA getestet werden. Auf diese Weise konnte die MRSA-Rate in Holland auf ein Prozent gesenkt werden – hierzulande liegt sie bei 16 Prozent.

Die Liste der Faktoren ist aber noch länger, die von Fachleuten benannt wird: ein Mangel an Hygienefachkräften in den Krankenhäusern, eine zu großzügige Antibiotikavergabe durch Ärzte, eine nachlässige Handhygiene durch Ärzte und Pfleger, ein häufiger Wechsel von Arzt- und Pflegepersonal und ein zunehmende Auslagerung von Dienstleistungen wie Reinigung oder Essensvergabe. Hinzu kommt, dass viele deutsche Mediziner einen Teil ihrer Ausbildung in den USA oder in England machen und dort mit sehr viel laxeren Hygienevorschriften konfrontiert werden, die sie dann nicht selten in ihr Heimatland importieren.

So sei es in den USA „keinesfalls unüblich, dass die Anästhesisten während der OP einen Hamburger vertilgen“, sagte Daniel Candinas vom Berner Inselspital der „Neuen Zürcher Zeitung“. Candinas hatte zudem in einer Studie herausgefunden, dass auch lautes Türenschlagen und unnötiges Gerede die Infektionszahl während einer OP in die Höhe treiben können.

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