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Tropenstürme Wie sich Geisterriffe auf Hurrikane auswirken

In der Karibik schwinden die natürlichen Wellenbrecher, die Tropenstürme abmildern könnten.

Seekarten
Seekarten von 1774 und 2016 im Vergleich. Schwarze Kästen zeigen erhaltene Riffe, rote die Geisterriffe. Foto: Loren McClenachan et al./Science Advances

Am 13. Juli 1733 legte eine Armada von 22 Schiffen in Havanna (Kuba) ab. Das Ziel: Spanien. Die Fracht beinhaltete 16 000 Pesos aus mexikanischem Silber sowie chinesisches Porzellan. Zwei Tage später erreichten die Schiffe die Straße von Florida. Dort drehte plötzlich der Wind und frischte auf. Vizeadmiral Rodrigo de Torres y Morales gab den Befehl zur sofortigen Rückkehr nach Kuba. Doch es war zu spät. Die Schatzflotte geriet in einen Hurrikan. 17 der Schiffe zerschellten am Florida-Riff oder strandeten auf der dahinterliegenden Inselkette der Florida Keys.

Die Straße von Florida war nicht nur von zentraler Bedeutung für die spanischen Staatsfinanzen. Auch für das britische Empire war sie von strategischem Interesse. Das Wetter ließ sich zu dieser Zeit kaum voraussagen, dafür konnte man den Seeboden vermessen. Die britische Admiralität ließ daher in den Jahren 1773 bis 1775 detaillierte Karten dieses Seegebiets erstellen.

„Diese Karten enthalten glücklicherweise auch viele nützliche ökologische Informationen“, erklärt Benjamin Neal vom US-Institut Bigelow für Ozeanwissenschaften. Denn die britischen Kartografen maßen nicht nur die Wassertiefe. Sie notierten auch die Art des Seebodens und beschrieben dessen tierische und pflanzliche Bewohner. Besonderes Interesse galt Korallenriffen, da diese eine Gefahr für die Schifffahrt darstellten.

Nun haben Wissenschaftler diese 240 Jahre alten Karten mit modernen Seekarten und Satellitenaufnahmen der Region verglichen. Das Ergebnis: Die britischen Karten weisen eine erstaunliche Präzision auf. Und sie zeigen, dass heute etwas fehlt. „Wir entdeckten, dass manche Korallenriffe komplett verschwunden sind“, sagt John Pandolfi von der australischen Universität Queensland. „Es gab Korallen in manchen Gebieten, die heute noch nicht mal mehr als Korallen-Habitat klassifiziert sind.“

Innerhalb der Florida Keys sind 90 Prozent der Korallen verschwunden, direkt östlich der Inseln 70 Prozent. Weiter draußen im Meer war der Korallenverlust deutlich kleiner. Diese Tatsache legt die Vermutung nahe, dass der Korallenverlust auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen ist, etwa durch Abwasser oder Fischerei. Unter dem Titel ‚Geisterriffe‘ erschien die Studie kürzlich im Wissenschaftsmagazin ‚Science Advances‘.

„Das Ausmaß der Veränderung ist viel größer, als alle gedacht haben“, sagt Forscher Pandolfi. Schon vor der Entdeckung der ‚Geisterriffe‘ waren Floridas Korallen in einem prekären Zustand. Nur noch zehn Prozent des 360 Meilen langen Florida-Riffs sind von lebenden Korallen bedeckt.

Doch dieser 90-Prozent-Verlust unterschätzt das tatsächliche Ausmaß der Zerstörung immer noch, weil die ‚Geisterriffe‘ darin nicht berücksichtigt werden. „Wir fokussieren uns normalerweise auf bekannte Gebiete, wo wir Veränderungen messen können“, sagt Loren McClenachan von der US-Universität Colby. „Warum sollte man nach Korallen suchen, wo man nicht gewusst hat, dass es je welche gab?“

Am 10. September 2017 tobte erneut ein Hurrikan über der Straße von Florida. Längst gab es dort keine spanischen Schatzflotten mehr. Die Schätze waren nun an Land – in den Villen auf den Florida Keys und in den Großstädten auf dem Festland.

Vor dem Hurrikan „Irma“ war bereits Tage zuvor gewarnt worden, und trotzdem war die Inselkette der Keys dem Sturm stärker ausgeliefert als 284 Jahre zuvor, als Torres seine Flotte verlor. Denn ‚Geisterriffe‘ brechen keine Sturmfluten.

Korallenriffe „fungieren als Unterwasser-Wellenbrecher, sodass nur ein winziger Teil der Wellenenergie die Küste erreicht“, erklärt Michael Beck von der US-Umweltorganisation ‚Nature Conservancy‘. Wie stark die Wirkung ist, hat Beck in einer Studie ausgerechnet: Korallenriffe reduzieren die Energie von Flutwellen um bis zu 97 Prozent und deren Höhe um bis zu 70 Prozent. „Korallenriffe sind unsere erste Verteidigungslinie und wenn wir sie schädigen, bringen wir uns in Gefahr“, sagt der Meeresforscher.

Ähnlich sieht dies Curt Storlazzi vom ‚Geological Survey‘, der US-Kartografiebehörde. „Wären die Korallenriffe in der Karibik und vor Florida gesünder gewesen, wären die Überflutungen in den Gebieten dahinter weniger schlimm ausgefallen,“ sagt Storlazzi.

Für die 61 Opfer von „Irma“ kommt diese Erkenntnis zu spät. Für die Zukunft könnte die Entdeckung der ‚Geisterriffe‘ hingegen positiv sein. Mit geeigneten Schutzmaßnahmen lassen sie sich vielleicht wieder zum Leben erwecken.

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