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Trennungskinder Jungen leiden stärker unter Trennungen

Dass Kinder unter Trennungen psychisch, gesundheitlich und sozial leiden, haben diverse Studien belegt. Vieles deutet nun darauf hin, dass Jungen stärker und negativer reagieren als Mädchen.

22.11.2012 22:25
Birgitta von Lehn
Jungen reagieren stärker und negativer auf Trennungen als Mädchen. Foto: dpa

Jährlich sind 200 000 Kinder in Deutschland von Trennungen betroffen. 90 Prozent leben anschließend bei der Mutter, jedes dritte Trennungskind verliert den Kontakt zum Vater. Dass Kinder unter Trennungen psychisch, gesundheitlich und sozial leiden, haben diverse Studien belegt. Vieles deutet nun aber darauf hin, dass Jungen stärker und negativer reagieren als Mädchen.
„Trennungsbedingte Risiken scheinen für Jungen besonders hoch zu sein“, sagte der Düsseldorfer Psychotherapeut Matthias Franz jüngst auf einem „Männerkongress“ am Uniklinikum Düsseldorf. Die Abwesenheit des Vaters habe lebenslange Folgen für die Gesundheit und den sozialen Erfolg. Jungen durchliefen in den ersten sechs Lebensjahren eine komplexere, störanfälligere Identitätsentwicklung. Franz nannte eine Reihe Studien, die in diese Richtung weisen.

Kritik an der Schule

So zeigte die Düsseldorfer Alleinerziehenden-Studie an 5?000 Kindern bei der Schuleingangsuntersuchung, dass mehr als 20 Prozent der Jungen aus Einelternfamilien ein Problemverhalten aufwiesen. Bei den Mädchen waren es zwar auch 17 Prozent. Aber Scheidungsjungen reagieren offenbar heftiger, sind eher hyperaktiv und bilden ein negativeres Elternbild aus. Das ergab unter anderem eine Basler Kindergartenstudie mit Kindern im Alter von fünf Jahren.

Eine im August dieses Jahres veröffentlichte niederländische Studie mit mehr als 1?000 Scheidungskindern unter elf Jahren nährt zudem den Verdacht: Es gibt bei manchen Jungen eine besondere genetische Disposition, bedingt durch einen bestimmten Dopaminrezeptor, der sie auf die Trennung der Eltern besonders heftig reagieren lässt.

Da zwei Drittel der Trennungskinder als Einzelkinder mit der Mutter allein aufwachsen, fehlen hier nicht nur Geschwister „zur Abpufferung der Probleme“, sondern auch „die geschlechtliche Identität des Vaters“, sagte der Historiker Martin Dinges vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart.

An der Schule würden Jungen oft „regelrecht diskriminiert aufgrund der Feminisierung“, kritisierte der Bremer Geschlechterforscher Gerhard Amendt. Gerade Jungen, die allein bei ihren Müttern lebten, müssten damit doppelt auf männliche Vorbilder verzichten: daheim und in der Schule. Tatsächlich unterrichteten an Deutschlands Schulen laut dem jüngsten Nationalen Bildungsbericht im Jahr 2010 gut 500?000 weibliche Lehrkräfte – und damit doppelt so viele wie männliche. Und zwar nicht nur in Kitas und Grundschulen. Auch an Gymnasien stehen 80?000 Lehrer etwa 100?000 Lehrerinnen gegenüber.

„Natürlichen, männlichen Verhaltensweisen“ werde dort vorgebeugt, meint Amendt. „Man zwingt die Jungen zu Verhaltensänderungen, und das schadet ihnen.“ Dass deutlich mehr Jungen Methylphenidat gegen Verhaltensstörungen verschrieben bekämen als Mädchen, sei deshalb auch kein Wunder. Noch etwas monierte Amendt: Sozial schlechter gestellte Väter hätten häufig keine Möglichkeit, sich nach einer Trennung professionelle Hilfe zu holen. Dabei überstehe nur jeder fünfte Geschiedene die Trennung körperlich und seelisch schadlos. Höheren Einkommensgruppen gelinge dies besser, weil sie sich professionelle Hilfe organisieren könnten – bei Psychologen, Therapeuten oder Anwälten.

Flächendeckendes System

Väter aus unteren Einkommensgruppen sähen für sich oft nur den Weg zum Jugendamt. Aber dort würden Mütter und Väter „nicht gleich professionell beraten“. Eigene Untersuchungen zeigten, dass Jugendämter vor allem Frauen im Blick hätten. „Gerade in städtischen Gebieten herrscht auffällig oft die Mentalität: Wir sind für Männer nicht zuständig“, berichtete Amendt und forderte ein flächendeckendes Beratungssystem für Deutschland, das Frauen und Männern in Trennungssituationen gleichermaßen zur Verfügung stehe. „Damals haben wir ja auch ein solches System eingeführt im Rahmen des Paragrafen 218.“

Auch der Düsseldorfer Psychoanalytiker André Karger plädierte für eine angemessene Trennungskultur. Nur wer sich intensiv mit dem Trennungspartner auseinandersetze und von „Trennungsgiften“ befreie, könne wieder eine neue Beziehung eingehen. Geschehe dies nicht, setze sich der Trennungspartner „wie ein psychischer Fremdkörper“ in einem fest. Die Folge: Melancholie und Depression machen sich breit.

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