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Tinnitus Es pfeift und brummt

Ohrgeräusche sind ein häufiges Phänomen. Bislang mussten Patienten mit Tinnitus lernen, das Pfeifen, Klingeln, Rauschen oder Summen im Ohr zu ertragen - nun ist Linderung in Sicht. Von Anke Brodmerkel

13.04.2010 00:04
Anke Brodmerkel
Das menschliche Ohr. Foto: FR

Er ist klein wie eine Streichholzschachtel und hat eine große Aufgabe: Der Neurostimulator soll Patienten mit einem chronischen Tinnitus von ihren Qualen befreien. Seit Ende Februar ist das Gerät, das ein Team um Peter Tass vom Forschungszentrum Jülich entwickelt hat, für den europäischen Markt zugelassen. Millionen von Menschen dürften allein in Deutschland sehnsüchtig auf eine Therapie warten, die das Pfeifen, Klingeln, Rauschen oder Summen in ihrem Kopf endlich abstellt. Laut Informationen der Deutschen Tinnitus-Liga leiden etwa vier Prozent aller Erwachsenen an den Geräuschen, die sie seit mindestens drei Monaten unentwegt begleiten, ihnen tagsüber das Leben schwer machen und nachts den Schlaf rauben.

Die derzeitigen Therapien gegen einen chronischen Tinnitus, meist unter dem Begriff Retraining zusammengefasst, zielen vor allem darauf ab, dass der Patient lernt, mit dem Ton im Ohr zu leben, seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden und trotz des Geräuschs entspannen zu können.

Neuere Verfahren aber haben sich zum Ziel gesetzt, die lästigen Geräusche tatsächlich, zumindest ein Stück weit, verstummen zu lassen. Hierzu zählen die Transkranielle Magnetstimulation sowie eine spezielle Form der Musiktherapie und die akustische CR-Neuromodulation aus Jülich. CR steht für Coordinated Reset (Koordiniertes Zurücksetzen).

Alle drei Methoden werden bereits an Patienten erprobt, gelten aber noch nicht als etablierte Therapien und werden von den Krankenkassen nicht in jedem Fall bezahlt. Auch Medikamente gegen den Tinnitus werden zurzeit in klinischen Studien getestet.

Eines ist sämtlichen modernen Ansätzen gemeinsam: Sie erzielen ihre Wirkung im Gehirn, und zwar in bestimmten Arealen der Hörrinde, wo die Nervenzellen nicht mehr gezielt und nacheinander, sondern alle gleichzeitig ihre Signale abfeuern.

Die CR-Neuromodulation soll die synchrone Überaktivität der Nervenzellen durch gezielte akustische Signale stören, die speziell auf den jeweiligen Tinnitus abgestimmt sind.

Dazu muss der Patient an einer Art Tonmischpult zunächst die genaue Tonhöhe und Lautstärke seiner Ohrgeräusche nachbilden. Sie werden von einem Programmiergerät erfasst, das dann anhand eines von Peter Tass entwickelten komplexen Algorithmus eine individuelle Tonfolge für die Stimulation berechnet. Dem Patienten wird die Tonfolge in einer gerade noch hörbaren Lautstärke auf seinen Stimulator überspielt. Das Gerät sollte mehrere Monate täglich einige Stunden lang getragen werden.

"Das Besondere an der CR-Neuromodulation ist, dass sie den Rhythmus verändert, in dem die überaktiven Nervenzellen feuern, und dass sich dadurch die fehlgeleiteten Nervennetzwerke im Gehirn wieder umbauen", sagt Tass. Diesem Umbau sei es zu verdanken, dass sich mit dem Verfahren eine dauerhafte Linderung des Tinnitus erzielen lasse.

Um das zu beweisen, hat Tass eine Studie initiiert, an der zurzeit 63 Patienten mit einem chronischen, tonalen Tinnitus teilnehmen. Die Probanden hören seit mindestens sechs Monaten, die meisten seit vielen Jahren, einen Ton im Ohr.

Tass und seine Kollegen haben sie in fünf Gruppen eingeteilt. In Gruppe eins bis vier werden die Patienten drei Monate lang mit unterschiedlicher Stimulusanzahl und -dauer behandelt. Gruppe fünf bekommt eine Scheintherapie. Im Anschluss daran erhalten alle Probanden zunächst eine einmonatige Behandlungspause und danach eine sechsmonatige Therapie mit der effektivsten Form der Stimulation.

"Nach den ersten drei Monaten hat sich gezeigt, dass die Gruppe eins, in der zehn Patienten täglich vier bis sechs Stunden mit je vier Tönen stimuliert wurden, die besten Ergebnisse erzielte", sagt Tass. Die Lautstärke der Ohrgeräusche und die empfundene Belästigung habe um 40 beziehungsweise 33 Prozent abgenommen. In der Placebogruppe seien es nur neun und acht Prozent gewesen. Bei einigen Patienten sei der Tinnitus sogar komplett verschwunden.

Auch bei der Musiktherapie, die Christo Pantev vom Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse der Universität Münster entwickelt hat, sollen sich die fehlgesteuerten Nervenzellen durch akustische Reize neu organisieren. Pantev und seine Kollegen haben dazu aus den bevorzugten Musikstücken ihrer Patienten die Frequenzen des jeweiligen Tinnitus herausgefiltert. Ein Jahr lang sollen die Patienten diese Musik täglich etwa zwei Stunden lang hören.

Eine Studie mit 16 Probanden, die im Januar in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (Pnas) veröffentlicht wurde, zeigt, dass diese ungewöhnliche Form der Therapie tatsächlich funktionieren kann. Bei den acht behandelten Patienten nahmen sowohl die Lautstärke des Ohrgeräuschs als auch die Aktivität der fehlgesteuerten Nervenzellen ab, während bei den acht Patienten der Placebogruppe vergleichbare Veränderungen nicht zu registrieren waren.

Die Transkranielle Magnetstimulation (TMS) soll die krankhafte Überaktivität der Nervenzellen nicht mit akustischen Reizen, sondern mithilfe starker Magnetfelder stören. Bei dieser Methode wird zunächst mit bildgebenden Verfahren der Bereich der Hörrinde mit der stärksten Aktivität ermittelt. Anschließend wird dieses Areal über zehn Tage hinweg täglich eine gute halbe Stunde lang mit etwa zweitausend magnetischen Impulsen stimuliert.

Knapp fünfhundert Tinnitus-Patienten wurden in Deutschland bislang per TMS behandelt. Mit unterschiedlichen Ergebnissen: "Etwa jeder zweite stellt fest, dass sein Tinnitus leiser und sein Befinden besser wird", sagt Tobias Kleinjung von der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Tinnituszentrum Regensburg. "Bei einigen hielten die Effekte wenige Wochen an, bei anderen mehrere Monate."

Kleinjung hofft, das Verfahren künftig noch zu verbessern. "Wir erproben zurzeit verschiedene Frequenzen und behandeln unterschiedliche Regionen des Gehirns", sagt er. Zum Beispiel könne es sinnvoll sein, auch frontale Hirnareale, also solche hinter der Stirn, per Elektromagnet zu stimulieren. Dort werde der Tinnitus mit negativen Emotionen verknüpft.

Auch ein erstes Medikament gegen die Ohrgeräusche könnte schon bald erhältlich sein. Bis Mitte des Jahres sollen die Ergebnisse von drei Studien vorliegen, in denen der Wirkstoff Neramexane des Frankfurter Pharmaunternehmens Merz an insgesamt etwa 1200 Patienten getestet wird. Neramexane blockiert in den Nervenzellen zwei Rezeptoren, die für die Weiterleitung von Signalen notwendig sind. Bereits abgeschlossene Studien mit einigen hundert Patienten deuten daraufhin, dass der Wirkstoff den Tinnitus lindern kann.

"Ob eine einzige Therapie die Ohrgeräusche für immer abstellen wird, ist allerdings unwahrscheinlich", gibt Berthold Langguth von der Regensburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie zu bedenken, der zusammen mit Kleinjung das dortige Tinnituszentrum leitet. Vermutlich werde man die besten Effekte auf lange Sicht nur mit einer Kombination verschiedener Ansätze erzielen: "Ganz so leicht wird sich die Sehnsucht nach Stille vermutlich auch in Zukunft nicht erfüllen."

Pnas, Bd. 107, S. 1207

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