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Studium in Kriegsgefangenschaft Seminar im Bombentrichter

In so genannten Lageruniversitäten konnten deutsche Kriegsgefangene während des Zweiten Weltkriegs studieren. Überwiegend profitierten Offiziere von dem großzügigen Angebot - ein lange in Vergessenheit geratenes Kapitel der Bildungsgeschichte.

04.01.2011 18:16
Michael Billig
Bis zu 30.000 Deutsche studierten während der Kriegsgefangenschaft, schätzt die Doktorandin.

"Universität auf Probe“, so nennt es der heute 88-jährige Karl Dietrich Bracher, was sich in manchen Kriegsgefangenenlagern im Zweiten Weltkrieg unter anderem abspielte. Bracher ist heute ein bekannter Politologe und Historiker. Mit seinen Arbeiten über die deutsche Geschichte erzielte er weltweit Beachtung. An der Universität Bonn hat Bracher das Seminar für Politische Wissenschaft aufgebaut. Was aber nur wenige Menschen wissen: Seine akademische Laufbahn begann in einem US-amerikanischen Kriegsgefangenenlager.
Über seine Erfahrungen berichtete Bracher der Bonner Doktorandin Laura Hannemann. Hannemann ist Historikerin und sie weiß, dass Bracher kein Einzelfall ist: Während des Zweiten Weltkrieges und auch noch danach bildeten sich in den Gefangenenlagern Universitäten mit eigenen Studienordnungen und Examina. „Das ist nur völlig in Vergessenheit geraten“, berichtet die Historikerin. Bracher etwa habe seine dreijährige Gefangenschaft nicht einfach abgesessen. „Er hat andere in Latein unterrichtet und selbst Kunstgeschichte studiert.“
Laura Hannemann ist nicht nur Brachers Spuren gefolgt. Sie hat Lageruniversitäten in Frankreich, den USA, Großbritannien und Deutschland ausfindig gemacht. Mit ihrer Doktorarbeit legt sie bald die erste systematische Untersuchung dieses bislang weitgehend unbeachteten Kapitels deutscher Bildungsgeschichte vor.

Bis zu 30.000 Studenten


Rund zwei Jahre lang stöberte die Historikerin in Archiven. Dabei stieß sie auf ein Protokoll aus dem früheren Reichserziehungsministerium. Es verrät ihr etwas darüber, wie viele deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft studiert haben. 20.000 bis 30.000 sollen es sein, heißt es in dem Dokument vom 18. Januar 1944.
Wie viele Internierte sich tatsächlich akademisch bildeten, dazu kann Hannemann keine exakte Angabe machen. Sie vermutet, dass es auch deutlich mehr gewesen sein könnten. Ihr seien mehr als 100 Studienorte hinter Stacheldraht bekannt, darunter auch welche in Kanada und Australien. Die Zahl aus dem Ministerium beziehe sich aber allein auf die Lager in den USA sowie in Großbritannien und seinen damaligen Kolonien.
Zu Hannemanns Quellen gehören auch Briefwechsel zwischen Hochschulen und Gefangenenlagern. Aus ihnen geht hervor, dass deutsche Universitäten Patenschaften übernommen hatten. Sie wurden gebeten, die Gefangenen mit Lehrmaterial auszustatten, ihnen Fernimmatrikulationen zu ermöglichen, aus der Ferne Übungsaufgaben zu stellen und am besten noch zu korrigieren.
„Die Hochschulen wurden fächerweise zugeteilt“, sagt Hannemann. So war etwa die Technische Hochschule München für Wirtschaftswissenschaften und Brauereiwesen, die Uni Bonn für Theologie, Geologie und Chemie und eine Berliner Hochschule für Gartenbau und Zuckerfabrikwesen zuständig. Königsberg versorgte Rechtswissenschaftler und Zahnheilkundler, Innsbruck die Mediziner.

Meistens profitierten Offiziere


Bilaterale Abkommen zwischen den kriegsführenden Staaten machten Hannemann zufolge diese Kooperationen erst möglich. Grundlage bildeten die Genfer Konventionen. „Es galt das Prinzip der Gegenseitigkeit“, erklärt die Wissenschaftlerin. Sie sagt, dass teilweise auch Alliierte in deutscher Gefangenschaft in den Genuss von Seminaren und Lesezirkeln kamen. So hätten französische Soldaten die Marburger Universitätsbibliothek genutzt.
Kriegsgefangene vertieften sich in Bücher und Vorlesungen, während um sie herum der große Krieg tobte und Millionen Menschen in den Trümmerstädten, Schützengräben und Konzentrationslagern einen grausamen Tod fanden.
Überwiegend waren es Offiziere, die von dem akademischen Angebot profitierten. „Sie mussten wegen ihres militärischen Ranges nicht zum Arbeitsdienst“, begründet Hannemann.
Aus den USA wisse sie aber, dass sich auch einfache Gefangene für Studien von der Arbeit hatten freistellen lassen. In der Sowjetunion hingegen seien Lagerstudien eher die Ausnahme gewesen. Das galt auch für sowjetische Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft.
Studienordnungen auf Klopapier, Tafelkreide aus dem Baustoff abgerissener Baracken und Seminare in Bombentrichtern – das Studium hinter Stacheldraht machte erfinderisch. Anfangs, so Hannemann, fehlte es an allem, besonders Papier war Mangelware, und Bleistifte ein rares Gut. Doch je länger die Männer in Gefangenschaft weilten, desto besser organisierten sie sich.
Wenn sie Lehrmaterial bekamen, dann verdankten sie dies meist Hilfsorganisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz. Im britischen Oxford wurde gar eine Medizinische Akademie für Kriegsgefangene eingerichtet. Dort konnten deutsche Medizinstudenten Vorlesungen besuchen.

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