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Studiogalerie in Frankfurt Wider die etablierte Kunst

Die wiederendeckte Avantgarde: Eine Frankfurter Austellung widmet sich der 1964 vom Asta gegründeten Studiogalerie.

Studiogalerie
Konstruktive Tendenzen aus der Tschechoslowakei in der Studiogalerie, 1967. Foto: Barbara Klemm, Frankfurt a. M.

Es ist erstaunlich und einmalig, dass sich die Frankfurter Studentenschaft in den 1960er Jahren eine eigene Galerie inklusive einem Happening leistete. „Das war ein Freiraum für avantgardistische Kunst, für die es sonst in der Stadt kaum Foren gab“, betont Manfred Großkinsky, Leiter des Museums Giersch in Frankfurt und Kurator der Ausstellung. Obwohl die neun Ausstellungen der Studiogalerie zwischen 1964 und 1968 ein hohes Niveau auszeichnete – aus heutiger Sicht waren weltbedeutende Arbeiten darunter – erreichte sie zu keiner Zeit ein breites Publikum. Umso erfreulicher ist es, dass Besucher dies nun nachholen und sich einen umfassenden Überblick verschaffen können.

Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) betrieb die Studiogalerie im Bockenheimer Studentenhaus, das 1953 auch dank Spenden des US-Hochkommissars eröffnet hatte und durch weitgehende studentische Selbstverwaltung zur sozialen, kulturellen und basisdemokratischen „Reeducation“ (Entnazifizierung durch Bildungsarbeit) beitragen sollte. Es gab dort eine Studentenbibliothek, Räume für die Studentenzeitung Diskus, ein Filmstudio und die „Neue Bühne“.

Der Soziologie-Student Siegfried Bartels leitete die Galerie mit einem gesellschaftspolitischen Anspruch „jenseits des weltanschaulichen Gegensatzes von rechts und links“: das Interesse sollte geweckt, die Wahrnehmung und das individuelle Urteil sollten geschärft werden. Konzeptionell distanzierte sich die Studiogalerie von aller figurativen Kunst, die während der Kriegsjahre so protegiert worden war, aber auch vom abstrakten Informel der 1950er Jahre, das etwa auf der documenta II in Kassel überbordend vertreten war.

Ein Glücksfall bei der Programmgestaltung war, dass der Bruder Hermann Bartels als Künstler glänzende Verbindung zu fortschrittlichen Kunsthändlern wie der Galerie Müller in Stuttgart oder der Galerie Rottloff in Karlsruhe pflegte sowie zur Kunstszene, etwa zur Gruppe ZERO aus Düsseldorf und der niederländischen Gruppe Nul.

An diese Tradition knüpft übrigens wiederum die 2010 gegründete Studiengalerie im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend an, die ein Bestandteil des aktuellen Lehrbetriebs ist.

Die Ausstellung „Freiraum der Kunst – Die Studiogalerie der Goethe-Universität 1964–1968“ gleicht einer spannender kunsthistorische Zeitreise, die vielfältige Entdeckungen bereit hält – etwa die Hard-Edge-Malerei mit ihren scharfen Flächenbegrenzungen des US-Amerikaners Leon Polk Smith oder interessante Ausflüge in die Monochromie, in den tschechischen Neokonstruktivismus oder in die verspielte Welt der originellen Seh- und Hörtexte von Ferdinand Kriwet. Ein kunsthistorisches Highlight, so Kurator Großkinsky, war im Jahr 1967 die umfangreiche, internationale Ausstellung „Serielle Formationen“ mit 50 Künstlern, unter ihnen fünf Frauen, der das Museum ein ganze Etage widmet. Darunter vertreten waren Namen wie Andy Warhol (zu sehen ist eine wandfüllende Pop-Art-Kuhtapete), Adolf Luther (Optical Art, bekannt für die Verwendung von Hohlspiegeln) oder Sol LeWitt, dessen Werke bereits im Modern Art Museum in New York gezeigt wurden, oder der Frankfurter Künstler Thomas Bayrle oder die lokale Gruppe X, die ihre Werke nicht signierten als bewusste Abkehr vom Konzept des Schöpfers.

Neben vielen Drucken (die Ausstellungsmacher damals hatten schließlich nur ein Budget von 2000 DM) ist auch ein Nagelbild des deutschen Objektkünstlers Günther Uecker zu finden sowie ein Raum, der von weiß gehaltenen Werken dominiert wird. Ästhetisch verbindet die Werke aus Sicht des Betrachters Prinzipien der Wiederholung, der Reihung, Variation et cetera, konzeptionell unterscheiden sich die Ansätze jedoch stark.

Furore verursachten die US-Cellistin Charlotte Moorman und der koreanische Medienkünstler Nam June Paik bei zwei chaotischen Fluxus-Konzerten 1965 und 1966. Sie zeigten nackte Haut, verbanden so die Themen Musik und Sexualität miteinander. Moorman Markenzeichen war transparente Kleidung, sie spielte ihr Cello in allen Lagen, oben ohne oder einer Wassertonne entsteigend.

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