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Studie Junge Chinesen verlernen das Lesen

Studien zeigen, dass bei der Aneignung der Schrift Hand und Hirn eng zusammenarbeiten. Digitale Hilfen können das Lernen behindern, was derzeit etwa in China zu Problemen führt.

11.01.2013 15:52
Torsten Harmsen
Tausende Schriftzeichen in einer Kalligrafiesammlung in Ost-China Foto: DPA

Ein bekanntes Einschulungslied beginnt so: „Alle Kinder lernen lesen,/ Indianer und Chinesen …“ Mit dem Lesenlernen der Chinesen gibt es aber zur Zeit Probleme. Das zeigt eine Studie von Forschern der Universität Hongkong. Sie testeten 6?000 Schulkinder der vierten und fünften Klassen. Diese mussten jeweils 300 Schriftzeichen aus Büchern ihrer Altersstufe vorlesen. Jeder dritte Schüler, in manchen Klassen sogar jeder zweite, zeigte dabei ernsthafte Schwierigkeiten.

Die Leseprobleme seien größer als jemals zuvor, schreiben die chinesischen Forscher im Fachmagazin PNAS. Einen Grund dafür sehen sie in einer neuen Lernmethode an Chinas Schulen, genannt Pinyin-Methode. Sie basiert auf dem Lernen mit Computern. Die Schüler tippen zum Beispiel auf einer lateinischen Tastatur den Laut des gewünschten Wortes ein, etwa „li“, wenn sie das Wort Birne schreiben wollen. Sie erhalten eine Auswahl von Schriftzeichen, die „li“ ausgesprochen werden. Das Dilemma ist: Das Wörtchen „li“ hat 113 verschiedene Bedeutungen. Beim Sprechen entscheidet die Tonhöhe. Beim Schreiben gibt es für jede Bedeutung ein Zeichen. Aus diesen suchen sich die Kinder im Computer nun das für Birne heraus.

Früher hätten die Kinder – um das Lesen zu lernen – alle diese Zeichen wieder und wieder auf Papier malen müssen, sagen die Forscher aus Hongkong. Auf diese Weise seien die Form und die Bedeutung des Zeichens im Gedächtnis verknüpft und verankert worden. Die neue Computer-Lernmethode aber führt offenbar nicht mehr zu diesem Ergebnis. Trotz gleicher Intelligenz schnitten jene Kinder, die am häufigsten mit Computerhilfe gelernt hatten, überall am schlechtesten ab.

Betreffen diese Probleme auch uns? Immerhin herrscht in China eine besondere Situation. Das Chinesische kennt kein Alphabet. Jedes Zeichen – bestehend aus verschiedenen Grundstrichen – muss extra gelernt werden. Eine Pekinger Lehrerin verglich es mit dem Bau eines Hauses. Es gebe feste Regeln. Nach zwei Schuljahren sollen die Kinder bis zu 1?000 Zeichen beherrschen, nach neun Jahren etwa 3?500.

Wie man die Schriftzeichen aufbaue, werde einem in keinem Lehrbuch vermittelt, schreibt ein Blogger, der Tipps zum Chinesisch-Lernen gibt. Man höre meist nur die Empfehlung, die Zeichen 50 bis 100?Mal zu schreiben, damit sie sich ins Langzeitgedächtnis einbrennen.

Die computerbasierte Pinyin-Methode ist zwar nicht dazu gedacht, das Lernen der Schriftzeichen per Hand ganz zu ersetzen. Dennoch ordnet sich die Methode in einen Trend ein, der wohl überall auf der Welt zu beobachten ist: Das Lernen der Schrift soll möglichst vereinfacht werden.

Ein halbes Jahr ohne Stift

Schon 1955 schrieb das Nachrichtenmagazin Der Spiegel über „Maos Abc-Bombe“. Es ging darum, dass ein Gelehrtenkomitee im kommunistischen China unter der Herrschaft Mao Tse-tungs die etwa 40?000 Zeichen der dreitausend Jahre alten Schrift „bis auf einen geringen Rest liquidieren“ wollte. Der Rest wiederum sollte vereinfacht werden. 1964 trat eine Liste von 2?200 verkürzten Zeichen in Kraft. So wollte man das Analphabetentum bekämpfen. Viele Chinesen konnten nicht einmal einen Brief schreiben. Hinzu kam, dass sich mit den alten Zeichen viele moderne Begriffe nicht ausdrücken ließen. Zum Beispiel musste das Düsenflugzeug als „Luft schnaubendes Fliegegerät“ umschrieben werden.

Statt eine weitere Verkürzung der Schriftzeichen durchzudrücken, begann die chinesische Führung dann 1978 mit der computertauglichen Kodierung der chinesischen Schrift. Fachleute sagen, dass das Erlernen chinesischer Schriftzeichen heute für viele Menschen kaum noch eine eigene kulturelle Bedeutung hat. Nur Wenige sehen sie als Voraussetzung, um sich später intensiver mit der Hochsprache zu beschäftigen – in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Die anderen nutzen sie als Grundlage für die Benutzung der Computertastatur.

Wie eine China-weite Umfrage zum Weltlesetag 2012 zeigte, werden immer weniger längere Texte gelesen, etwa in Büchern und Zeitschriften. Dafür nehmen „digitale Lesestile“ zu. Auch per Hand geschrieben wird immer weniger.

Doch genau dies passiert nicht nur in China. Eine Umfrage des englischen Online-Schreibwarenhändlers Docmail ergab 2012: Ein Drittel von 2?000 befragten Erwachsenen hatte im letzten halben Jahr nichts Handschriftliches festgehalten. Zwei Drittel schreiben nur noch kleine Notizen oder Gedächtnisstützen. Im Durchschnitt hatte ein Mensch seit 41 Tagen keinen Stift benutzt. 40 Prozent der Teilnehmer sagten, sie schrieben mittlerweile auch per Hand im SMS-Stil.

Forscher sehen die Kulturtechnik des Schreibens in Gefahr. Die Warnungen ertönen auch in Deutschland, im Grundsatzstreit um das Schreibenlernen in der Schule. Hier gibt es verschiedene Modelle. Zunächst lernen Kinder Druckbuchstaben. Danach setzen die einen Pädagogen auf das Erlernen und Üben einer gut durchdachten, in sich verbundenen Handschrift. Andere wollen, dass Kinder die Druckbuchstaben nach eigenem Gutdünken verbinden.

Es gibt auch Pädagogen, die das Handgeschriebene als zweitrangig ansehen. So waren jüngst Berichte über drei Schulen in Stockholm zu lesen. Hier erhalten Schüler bei der Einschulung keine Stifte, sondern Zugänge zu Computer und Tablet-PC. Minicomputer, Leseplatten genannt, ersetzen Bücher. Es wird auf Knöpfe gedrückt statt mit der Hand zu schreiben. Erst in der zweiten Klasse kommen überhaupt Stift und Papier zum Einsatz.

Schreiben führt zu besseren Leseleistungen

Genau vor solchen Entwicklungen warnen Forscher. Es geht dabei nicht nur um die Bedeutung einer guten Handschrift oder darum, auch bei Stromausfall etwas notieren zu können. Es geht um mehr. Um das Lernen, Denken und Erinnern. Wie bereits die Forscher aus Hongkong feststellten, führt das Schreiben mit der Hand zu besseren Leseleistungen. Aber auch Lerninhalte prägten sich besser ein, wenn man sie aufschreibe, sagte Helmut Ploog, Vorsitzender des Berufsverbands deutscher Graphologen.

Die Zeitschrift Gehirn & Geist stellte jüngst Studien aus Frankreich vor. Diese kamen zu dem Schluss, dass das Gehirn beim Schreiben mit der Hand den Bewegungsablauf automatisiere und diesen Ablauf mit dem Buchstaben ablege. Die französischen Forscher hatten die Hirnaktivität von Erstklässlern beim Schreiben und Lesen gemessen. Sie stellten fest, dass beide Male ein bestimmtes Hirnareal im prämotorischen Cortex aktiviert wird. Die Information für ein Zeichen sei im Gehirn also „plurimodal“ gespeichert. Man könne einen Buchstaben quasi sehen und fühlen. Die Bewegung ist als sensomotorische Erinnerung im Gehirn abgelegt.

Fazit: Lesen ist inneres Schreiben unter Beteiligung eines ausgedehnten neuronalen Netzwerks. Dieses entstehe vermutlich erst, wenn Kinder das Lesen gleichzeitig mit dem Schreiben lernen, sagen die Forscher. Beim Tippen auf der Tastatur dagegen empfängt das Gehirn kaum sensomotorische Reize.

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