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Studie Gewalt in der Pflege

Eine Studie zur Gewalt in der häuslichen Pflege offenbart, wie extrem überfordert viele Angehörige in dieser Situation sind.

Injured elderly woman's eyes & face
Einem körperlichen Angriff auf einen Pflegebedürftigen geht meist extremer Stress voraus. Foto: iStock

Sigrid B. pflegt ihre demente Mutter seit fünf Jahren. Ihre körperlichen und seelischen Kräfte schwinden zusehends. Ihre 87-Jährige Mutter erkennt sie längst nicht mehr, sie beschimpft ihre Tochter, spuckt Essen wieder aus, weint und wehrt sich, wenn sie gewaschen werden soll. Sigrid B. kann nicht mehr – und eines Tages gehen ihr dann die Nerven durch. Als ihre Mutter wieder einmal laut jammernd die Nahrungsaufnahme verweigert und den Teller mit Suppe umschmeißt, brüllt Sigrid B. sie an. Die Situation eskaliert immer mehr bis der Tochter schließlich die Hand „ausrutscht“: Sie gibt ihrer alten Mutter eine Ohrfeige, bricht danach selbst weinend zusammen, fassungslos darüber, was sie gerade getan hat.

Gewalt in der Pflege ist ein Tabu, vor allem, wenn es um häusliche Pflege im Familienkreis geht, also unter Menschen, die sich sehr nahe stehen und eigentlich besonders liebevoll miteinander umgehen sollten. Und doch ist das Problem weiter verbreitet als es offen kommuniziert wird. Dabei geht es nicht nur um körperliche Angriffe, sondern auch um verbale, psychische Gewalt – und das von beiden Seiten, von Pflegenden genauso wie von den Pflegebedürftigen. 

Zahlen lassen Dramen erahnen

Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) zeigt das ganze Ausmaß, lässt hinter nüchternen Zahlen die Dramen erahnen, die sich von der Außenwelt meist unbemerkt tausendfach in deutschen Wohnungen abspielen – und macht so deutlich, welche Folgen es haben kann, wenn Angehörige mit dieser gewaltigen Aufgabe alleine gelassen werden. So gaben rund 40 Prozent der Befragten zu, schon einmal Gewalt gegenüber einem Pflegebedürftigen ausgeübt zu haben, etwa die Hälfte berichtete, selbst schon Gewalt durch einen Pflegebedürftigen erfahren zu haben. 

An der Untersuchung nahmen deutschlandweit 1006 Frauen und Männer im Alter zwischen 40 und 85 Jahren teil; alle pflegen einen Angehörigen. Denn meist sind es Ehepartner oder Kinder – in der Mehrzahl Töchter –, die Pflege leisten: Fast drei Viertel der rund drei Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt, davon 1,4 Millionen ausschließlich von Angehörigen. Ihre Antworten belegen, wie überfordert viele sind, wie sehr sich die belastende Situation auf die Psyche auswirkt – und wie es dadurch zur Eskalation kommen kann.

„Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter und fängt nicht erst beim Schlagen an“, sagt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gewalt gegenüber älteren Menschen als „einmalige oder wiederholte Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Reaktion im Rahmen einer Vertrauensbeziehung, wodurch einer älteren Person Schaden oder Leid zugefügt wird“. Dabei, so Ralf Suhr, komme es „nicht in erster Linie“ darauf an, „ob etwas aus bösem Willen passiert oder strafrechtlich relevant ist“. Vielmehr ginge es um die Folgen, die oft gravierend seien: Wer Gewalt in der Pflege verharmlose, verkenne die möglichen Schäden bei Betroffenen. Vonnöten sei eine sachliche Aufklärung: „Skandalisierung oder Stigmatisierung behindern eher wirksame Gewaltprävention.“

Die Teilnehmer der Studie waren dazu befragt worden, welche Erfahrungen sie mit Konflikten und Gewalt in der Pflege gemacht haben. 40 Prozent gaben zu, innerhalb der letzten sechs Monate schon mindestens einmal dem pflegebedürftigen Angehörigen mit Absicht Gewalt angetan zu haben. Am häufigsten – bei 32 Prozent der Fälle – ging es um Formen psychischer Gewalt. Zwölf Prozent erklärten, körperlich gewalttätig geworden zu sein, elf Prozent räumten eine Vernachlässigung des von ihnen gepflegten Menschen ein, sechs Prozent wussten sich irgendwann nur noch mit „freiheitsentziehenden Maßnahmen“ zu helfen. 

Das Spektrum der Gewaltformen ist breit. Respektloses Verhalten, abfällige Bemerkungen, Bevormunden, das Ignorieren von Wünschen oder Fragen sind „Klassiker“ psychischer Gewalt. Körperliche Gewalt kann schon damit beginnen, das man dem Pflegebedürftigen Hilfe vorenthält, ihn nicht so hinlegt, dass es für ihn bequem ist, ihn ruckartig auf einem Stuhl platziert, ihm das Essen aufzwingt oder grob anfasst. Bei „härteren“ Formen kann es zu Schlägen kommen oder dazu, dass jemand am Bett festgebunden wird. 

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