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Stress "Als ob ständig ein Kampfterrier hinter einem herjagt"

Der Stressmediziner Matthias Weniger erklärt, warum psychische Dauerbelastung krank macht und wie man lernt, die Zeichen zu erkennen.

27.06.2014 14:25
Für kurze Zeit ist Anspannung positiv. Aber eben nicht auf Dauer. Wie nach dem Bergsteigen braucht der Körper Pausen. Foto: imago/Russian Look/Fotoimedia

Herr Weniger. wodurch entsteht eigentlich Stress?
Die sogenannten Stressoren sind sehr vielfältig. Neben beruflichen Belastungen steht oft eine hohe Belastung durch die Versorgung der Familie und die vielen sozialen Verpflichtungen. Insgesamt kann man aber auch beobachten, dass Stress durch eine zunehmende mangelnde Bindung entsteht. Hier fehlt vielen der Schutz der Großfamilie mit ihren Vorzügen. Stress entsteht aber auch dadurch, dass wir uns selber den Stress machen. Ich nenne das gern „Kopfkino“. Das bedeutet, dass unser Geist und unsere Gedanken, unsere inneren Antreiber, uns selbst enorm stressen.

Was läuft denn beim Kopfkino genau in einem ab?
Unser Hauptproblem ist, dass wir andauernd denken. Das hat Auswirkungen aufs Fühlen und Handlen. Viele haben zum Beispiel das Gefühl, sie müssen es allen recht machen und bestimmte Leistungen bringen oder haben zu hohe Ansprüche an sich. Bei schon gestressten Menschen kommt dann noch die Tatsache hinzu, dass sie unter dem Einfluss des Stresshormons Cortisols stehen, das sie auf Bedrohung focussiert. Und dann übernimmt ein Autopilot, so nenne ich es. Denkt man an die Arbeit, kommt unweigerlich nur noch dieses Kopfkino mit negativen Gedanken, man kommt da nicht mehr raus. Diese Gedanken machen Stress.

Wie äußern sich Stresssymptome?
Stress ist eigentlich eine enorm alte Reaktionsweise auf eine als Bedrohung erlebte Situation. Wenn man als Neandertaler von einem Säbelzahntiger angegriffen wurde, brauchte man viel Energie, um entweder mit dem Tier zu kämpfen, zu flüchten oder sich tot zu stellen. Das bedeutet, Energiereserven, zum Beispiel Blutfette oder Blutzucker, müssen dem Körper schnell zur Verfügung gestellt werden, um automatisch reagieren zu können. Gleichzeitig erhöht sich der Blutdruck und die Herzfrequenz steigt. Unsere Wahrnehmung engt sich auf die als Bedrohung erlebte Situation stark ein und wir erleben eine sogenannte selektive Wahrnehmung. Wir sehen nur noch den als Stress und Druck erlebten Reiz, wie zum Beispiel den Säbelzahntiger.

Aber heute leben wir ja nicht mehr unter Säbelzahntigern.
Diese Reaktionsweise hat sich seit den letzten 10.000 Jahren nicht wirklich verändert. Auch der moderne Mensch reagiert im Grunde genauso wie der Neandertaler. Seine Leistungsfähigkeit steigt kurzfristig, sein Bedürfnis nach Essen und Pausen sinkt und er fokussiert sich auf die als Bedrohung erlebte Situation. Ist der Stress aber dauerhaft, sinkt die Leistungsfähigkeit, es treten beispielsweise Rückenschmerzen durch die erhöhte Anspannung auf. Auch Kopfschmerzen, Zähneknirschen oder ein Hörsturz können auftreten.

Wie gefährdet Stress das Herz?
Stress steigert den Blutdruck und erhöht die Herzfrequenz. Gleichzeitig werden Blutzucker und Blutfette aktiviert. Damit haben wir bereits vier große Risikofaktoren für eine Herzkranzgefäßverengung.

Wie verändert sich das Verhalten durch Stress?
Stress an sich ist erstmal nicht negativ, sondern fördert die Leistungsfähigkeit. Wenn ich keinen Stress habe, bin ich nur bedingt leistungsfähig. Steigt aber die Dauerbelastung an oder schaffe ich es nicht, einen guten Gegenpart zu entwickeln, wie durch Entspannung oder ein gutes Sozialleben, dann fällt die Leistungsfähigkeit deutlich ab. Das große Problem dabei: Ich nehme immer weniger bewusst wahr, dass ich gestresst bin.

Man merkt also gar nicht, dass man dauergestresst ist?
Stellen Sie sich vor, Sie werden von einem Kampfterrier durch einen Park gejagt, Sie sind also stark gestresst. An dieser Stelle werden Sie wahrscheinlich nicht wahrnehmen, dass Sie ein Pause bräuchten oder dass Sie gerade eine Grippe in den Knochen haben – Sie werden einfach rennen. Die gleiche Reaktion sehen wir, wenn Menschen dauerhaft gestresst sind. Die Wahrnehmung für die eigenen Bedürfnisse, wie eine Pause oder ein „Zurückschalten“ sinkt. Hinzu kommt auch eine deutliche Verschlechterung des Gesundheitsverhaltens. Viele rauchen mehr und essen ungesünder, die Bewegungshäufigkeit nimmt ab. Daher sehe ich in meiner Arbeit viele Menschen die stressmedizinisch erkrankt sind aber vorher dazu keine Hinweise wahrgenommen haben.

Und dann ist es nicht mehr weit bis zum Burnout-Syndrom?
Das Problem, das wir in der öffentlichen Diskussion über das Burnout-Syndrom haben, ist, dass wir es als Diagnose verstehen. Das ist falsch. Es ist ein Prozess, an dessen Ende eine stressmedizinische Diagnose stehen kann. Wenn Sie sich beispielsweise mit einem Grippevirus infizieren, dauert es in der Regel ein paar Tage, bis Sie erkrankt sind. Auf dem Weg zur Erkrankung, zum Beispiel am zweiten Tag nach der Infizierung, wenn sich die Grippeviren gerade ausbreiten aber noch keine Symptome verursachen, ist man da krank oder gesund? Ähnlich ist es mit dem Burnout-Syndrom. Der Prozess von gesund nach krank ist durch einen erhöhten Stresslevel bedingt. Erkennt man rechtzeitig, dass man seine Akkus überlastet hat und schafft den Weg zurück, muss man nicht zwangläufig erkranken. Je weiter aber der Prozess fortschreitet, umso schwieriger ist auch die Behandlung. Ich plädiere hier wirklich für eine sehr differenzierte Diskussion nicht nur unter Ärzten, sondern auch in der öffentlichen Debatte.

Warum wird Stress als Krankheitsursache unterschätzt?
Die körperlichen und psychischen Veränderungen einer chronischen Dauerbelastung entstehen meist sehr langsam. Daher bringen es die meisten Menschen nicht in einen Zusammenhang, dass Stress die Ursache für ihr Magengeschwür oder ihre Rückenschmerzen sein können. Außerdem ist Stress als Krankheitsursache meist eine Ausschlussdiagnose. Das heißt, wenn ein Patient etwa mit Kopfschmerzen in eine Praxis kommt, müssen erst andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, bevor der Arzt sagt, das könnte am Stress liegen.

Wie können Sie Stresspatienten helfen?
Ein ganz wichtiger Punkt ist es, wieder einen Überblick zu bekommen. Denn wenn man im Alltag des Stresses gefangen ist, kann man häufig nicht wirklich viel verändern. Wir arbeiten viel damit, die Stressoren zu systematisieren und zu bewerten. Was kann ich wirklich verändern, was nicht, wie das Wetter, Stau. Wo stärken mich meine inneren Antreiber und Überzeugungen und ab wann verringern sie meine Leistungsfähigkeit. Hinzu kommt das Arbeiten mit den Ressourcen und den persönlichen Stärken: Was zeichnet mich aus? Welche Dinge mache ich gerne und wie kann ich das im Alltag wieder leben. Und, ganz wichtig, ist ein bewusstes Innehalten. Warum mache ich das eigentlich? Welchen Sinn sehe ich in dem was ich tue und wie kann ich dem wieder einen Sinn geben.

Haben Sie einen Rat, wie man sich vor zu viel Stress schützen kann?
Achten Sie gut auf sich und tun sie auch das, was Ihnen Spaß macht. Häufig erkennen wir, dass gestresste Menschen sich selber und ihre Bedürfnisse sehr stark vernachlässigen und dann krank werden. Es ist in Ordnung und wichtig sich um sich zu sorgen. Ganz ohne schlechtes Gewissen

Was tun Sie persönlich gegen Stress?
Ich praktiziere seit 20 Jahren Achtsamkeitsmeditation und unterrichte dies seit zehn Jahren. Durch Meditieren habe ich gelernt, viel schneller zu erkennen, wann ich mich selber sehr unter Druck setzte und wie ich mein Kopfkino ausschalten kann. Außerdem führe ich eine sehr glückliche Beziehung und habe zwei tolle Kinder, die mir viel Entspannung und Freude machen.

Interview: Nicole Schmidt

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