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Staudammprojekt Wasserkampf am Yarlung Tsangpo

China baut in Tibet Staudämme, und in Indien geht die Angst um. Der Damm soll einen Fluss stauen - in einem einzigartigen Gebiet mit bisher unberührter Natur. Von Karl Grobe

Das Staudammprojekt wird den Brahmaputra, den in Indien gelegenen Unterlauf des Yarlung Tsangpo, kaum austrocknen. Foto: rtr

China baut in Tibet Staudämme, und in Indien geht die Angst um. Ein Damm wird den Yarlung Tsangpo absperren, 160 Meter hoch, am höchstgelegenen großen Fluss der Erde in einem einzigartigen Gebiet bisher unberührter Natur. Wenn das Vorhaben samt den vorgesehenen 26 Turbinen fertig ist, kann dort doppelt soviel Strom erzeugt werden wie am umstrittenen Drei-Schluchten-Damm im Jangtse.

Es ist ein gigantisches Projekt. Einige indische Kommentatoren und Politiker argwöhnen indes, dahinter könne ein noch gigantischeres stecken: China beabsichtige, hier den Yarlung Tsangpo anzuzapfen und sein Wasser in den dürregeplagten chinesischen Norden umzuleiten. Das würde Indien direkt betreffen. Der Yarlung ist nämlich Oberlauf des Brahmaputra, der zusammen mit seinem Zwilling, dem Ganges, das größte Flussdelta der Erde bildet. Das wiederum ist zwischen Indien und Bangladesch geteilt.

Als die chinesische Regierung dem indischen Außenminister Somanahalli Malliah Krishna kürzlich den Staudamm-Plan bestätigte, schlugen Oppositionspolitiker und Journalisten in Delhi Alarm: Die stromabwärts gelegenen Anrainer des Brahmaputra würden dann austrocknen. Es war blinder Alarm. Vier Fünftel seines Wassers stammen nämlich aus Zuflüssen auf indischem Territorium. Überdies stehen einer Ableitung nach Norden geographische Hindernisse entgegen, hohe Bergketten, die zu überwinden technisch kaum möglich erscheint. Peking hätte auf absehbare Zeit auch nicht genug Geld dafür.

Der jetzt genauer bekannte Bauplatz liegt am nordöstlichsten Zipfel des Flusslaufs. Hier windet sich der Yalung Tsangpo in einer 40 Kilometer messenden Schleife um den Namcha Barwa, einen 7756 Meter hohen Gipfel, ändert die Laufrichtung von Nordost nach Südwest und fällt dann in einer 240 Kilometer langen Schlucht von 3000 Meter Höhe in einer Kaskade von Stromschnellen und Wasserfällen auf nur noch 300 Meter über Normalnull ab. Die Schlucht - und mit ihr der Fluss in diesem Abschnitt - heißt Dihang. Sie ist bis zu 2400 Meter tief in das Gebirge eingeschnitten. Viele Teile sind unzugänglich. So kommt es, dass die gut 30 Meter hohen "Verborgenen Wasserfälle" hier erst 1998 "entdeckt" wurden.

Seit einer von Scott Lindgren geführten Expedition in die Obere Schlucht 2002 ist der Ort bekannt, an dem China den Damm baut. In Tsatschu und anderen Weilern am Großen Bogen des Yarlung Tsangpo erzählten tibetische Bauern, dass sie wegen des Damms umgesiedelt werden.

Auch wenn die indische Empörung darüber, dass sich die Chinesen "klammheimlich" am Yarlung zu schaffen machten, nicht sehr begründet ist, ist das Vorhaben dennoch nicht unumstritten. Es greift in eine intakte, von Menschen bisher kaum beeinflusste Landschaft tief ein.

Die Himalaya-Region ist zudem geotektonisch aktiv. Die Indische Platte schiebt sich unter jene Kontinentalplatte, die gegenwärtig das tibetische Hochland bildet, Jahr für Jahr um rund fünf Zentimeter. Die Erosionskraft des Yarlung Tsangpo grub vier Millionen Jahre lang die Schlucht, die nun den Grand Canyon des Colorado an Länge und Tiefe übertrifft.

Die Plattenbewegung lässt immer wieder die Erde beben, in Pakistan und Tibet, Birma und Sichuan. Das Gewicht des künftig aufgestauten Wassers destabilisiert zusätzlich. Kritiker fürchten nun, dass das Gestein, an das der Damm anschließen wird, bei einem ausreichend starken Beben nachgeben könnte.

Bis der Stausee aufgefüllt ist, wird Wasser am Unterlauf fehlen. Allerings soll hauptsächlich während der Schneeschmelze gestaut werden - und zur Monsun-Zeit, wenn Indien und Bangladesch von übergroßen Wassermengen bedroht sind. Steht das Bauwerk einmal, kann es den Abfluss regulieren, Flutwellen kappen und in Dürrezeiten Wasser abgeben.

Da wäre ein Wasser-Teilungs-Abkommen nützlich. China und Indien haben noch keins abgeschlossen, und beide sind nicht allen UN-Konventionen beigetreten, die einen Ausgleich zwischen Stromanrainern am Ober- und Unterlauf regeln. Immerhin wird China künftig jedes Jahr von Juni bis Oktober - zur Flutzeit - Wasserstandsdaten in Indien übermitteln. Und die Zusage steht, dass nichts ab- und umgeleitet wird, auf keinen Fall vor 2050.

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