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Spielforscher im Interview "Wir schicken Kinder in Reservate"

"... dabei wollen sie die Welt entdecken": Mädchen und Jungen müssen wieder Teil des öffentlichen Lebens werden, fordert der Spielforscher Knut Dietrich.

24.02.2010 00:02
Knut Dietrich, ist Spiel- und Bewegungsforscher. Er hat das "Forum "Spielräume" gegründet. Foto: privat

Warum spielen Kinder eigentlich gern auf Dachböden oder Baustellen?

Dort wirkt vieles geheimnisvoll und unaufgeräumt. Spielorte sind umso interessanter, je mehr bewegliche, nicht festgelegte Objekte sie bieten. Kinder wollen ihre Wirksamkeit prüfen und selbst gestalten. Sie funktionieren Dinge gern um.

Sie bezeichnen die Stadt als Spielwüste.

Ja, im Gegensatz zu einer lebendigen, kinderfreundlichen Stadt, in der man Kindern Raum lässt und den Kontakt zu anderen Kindern ermöglicht.

Aber es gibt doch spezielle Räume für Kinder.

Wir weisen ihnen Räume zu wie Reservate: Kinderzimmer, Spielplätze. Aber Kinder wollen die Welt entdecken.

Städte sind aber gefährlich.

Einerseits wollen wir Kinder vor der Umwelt schützen, anderseits unsere Welt vor den Kindern: Sie lassen gern was rum liegen, malen mit Kreide Tore an die Wand, sind laut. Sie müssen aber Spuren hinterlassen können, denn so markieren sie ihr Terrain.

Was will Ihr "Forum Hamburger Spielräume" erreichen?

Kinder sollen wieder Teil des öffentlichen Lebens werden. Modellprojekte zeigen, was funktioniert: Plätze, wo sich die Gesellschaft mischt, wo auch Alte Boule spielen, sind für Kinder sicherer. Wichtig ist, dass Kinder ihre Spielorte gefahrlos und alleine erreichen. Dafür setzen wir uns ein, schulen Pädagogen und versuchen Entscheidungsträger zu überzeugen.

Was brauchen Kinder?

Sie brauchen vor allem andere Kinder, um miteinander zu lernen und um Spieltraditionen zu entwickeln. Wenn sie sich draußen treffen und selbst bestimmen, was sie tun, erfinden sie eigene Spiele, geben ihnen Namen und können beim nächsten Mal daran anknüpfen. Spiele zu entwickeln braucht Zeit. Heute reißen Termine die Kinder ständig heraus oder verhindern, dass sie sich treffen können. Selbst wenn sie im selben Haus wohnen, gehen sie auf verschiedene Schulen, zum Fußballtraining oder Klavierunterricht. Außerdem gibt es weniger Kinder. Auf dem Dorf ist das nicht viel anders.

Sind Ganztagsschulen also eine Chance?

Ja, wenn sie Platz zum Spielen und Gestalten bieten und Pausen, die länger als eine halbe Stunde sind. Nein, wenn sie einfach den Unterricht verlängern.

Warum mögen Kinder Computerspiele?

Sie beanspruchen keinen Raum, kommen ohne Spielpartner aus und stören Erwachsene nicht. Interessanterweise leben sie von der Faszination, Macht auszuüben und geheimnisvolle Räume zu durchwandern. Hindernisse werden überwunden, Fabelwesen überlistet.

Die Eroberung des Dachbodens?

Nur gibt es kein Verweilen. Der Held ist rastlos, hetzt von einem Raum zum nächsten. Im freien Spiel, beim Fangen zum Beispiel, wird psychische Spannung durch Bewegung abgebaut: Kinder schreien oder rennen. Vor der Spielkonsole verharren sie aber bewegungslos. Sie bleiben auf ihrer Anspannung sitzen.Interview: Annegret Böhme

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