Lade Inhalte...

SOS unter Wasser Unterwasserlärm versetzt Wale in Panik

Der ZDF-Film "Das Geheimnis der Wale" thematisiert die Geräuschverschmutzung der Ozeane und deren tödliche Folgen für Meeressäuger. Wale geraten durch den Lärm in Panik und tauchen zu schnell auf.

11.12.2008 14:12
SOS unter Wasser
Wale, die durch Unterwasserlärm verschreckt werden, tauchen panisch auf oder stranden. Foto: dpa

Kapstadt. Tief brummend kommt der Ton daher. Dumpf und durchdringend ist er. Wie ein Hammerschlag trifft er aufs Gehör, lässt das Zwerchfell vibrieren. Mario Adorf zuckt zusammen, instinktiv hält sich der Schauspieler die Hände vor die Ohren. "So klingt ein Unterwasser-Sonar für Großwale", sagt Karsten Brensing und schaltet den Lautsprecher mit den Geräusch-Aufnahmen aus.

Der hochgewachsene Meeresbiologe aus Berlin berät in Südafrikas Touristenmetropole Kapstadt ein internationales Filmteam. Adorf gehört dazu, Christopher Lambert, Veronica Ferres. "Das Geheimnis der Wale" heißt der Arbeitstitel des Umwelt-Dramas für das ZDF, das derzeit in Südafrika gedreht wird.

Geräusche verschmutzen die Meere

Der zweiteilige Fernsehfilm thematisiert das bisher nur wenig beachtete Problem der "Geräuschverschmutzung" der Meere. Es geht um den Krach durch Sonargeräte und seismische Schallerzeuger, wie sie zur Suche nach Rohstoffen oder feindlichen U-Booten eingesetzt werden. Der Unterwasserlärm beeinträchtigt und schädigt das empfindliche Gehör von Walen und Delfinen, die dann oft nicht mehr miteinander kommunizieren können und die Orientierung verlieren.

Für den Wissenschaftler Brensing ist der ZDF-Film, an dessen Drehbuch er maßgeblich mitgearbeitet hat, eine Art vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. "Für mich ist dieser Film ein Sonder-Glücksfall ohnegleichen. Ich kann Wissen, das ich sonst kaum einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren kann, Schauspielern in den Mund legen."

Der Film schaffe Aufmerksamkeit für ein Problem, von dem viele Menschen kaum etwas wissen. Der Experte mit dem silbernen Delfin am Kragen vergleicht den heutigen Kenntnisstand über die "Verlärmung" unter Wasser mit den 1980er Jahren, als die Weltöffentlichkeit über das Ausmaß der Verschmutzung der Weltmeere durch Chemikalien staunte.

Adorf ist Taucher - im Film und in der Realität

Mario Adorf spielt in dem Streifen den Meeresbiologen Johannes Waldmann, den Filmvater von Veronica Ferres. Nach jahrelangem Reisen hat der sich in Neuseeland niedergelassen. Dort soll er ein Gutachten zum Bestand der Buckelwale erstellen und wird dabei Opfer eines Unfalls. Natürlich nur vordergründig, denn Tochter Anna deckt später düstere Machenschaften und die wahre Todesursache ihres Vaters auf.

Adorf - selbst leidenschaftlicher Taucher - ist froh, mitwirken zu können: "Die Unterhaltungsbranche wird immer seichter, da setzt sich so ein Film positiv ab", sagt er. Veronica Ferres pflichtet bei. "Es geht ums Spannungsverhältnis zwischen Mensch, Geld und Respekt vor der Natur. Ich finde es wichtig, da ein Gleichgewicht zu finden", sagt sie und schwärmt vom "sehr harmonischen Dreh" in Südafrika.

Am Kap sind Orte und Landschaften ähnlich wie in Neuseeland, aber die Bedingungen günstiger. An der 3500 Kilometer langen Küste Südafrikas ziehen jedes Jahr ab Juni tausende Wale vorbei.

Hermanus - die "Walhauptstadt der Welt"

Im Fischerstädtchen Hermanus lassen sich die Giganten der Meere sogar bequem vom Strand aus beobachten. In dem etwas verschlafen wirkenden Ort haben es die Stadtväter verstanden, Kapital aus dem Naturschauspiel zu schlagen. Sie erklärten den Ort kurzerhand zur "Walhauptstadt der Welt" und vermarkten die Tatsache, dass in der vorgelagerten Walker Bucht in der Saison bis zu 100 Wale mit ihren Jungen beobachtet werden können.

Im ZDF-Film stranden hier Wale. Dazu haben Techniker am Strand große Attrappen aufgebaut. Keine einfache Aufgabe, denn zum Drehbeginn tobt am Kap ein Sturm nach dem anderen. Die Dreharbeiten sind hart, doch die Thematik begeistert die Akteure.

"Wir wollten das Thema nicht ,verkitschen'", sagt Ferres. Die sozial engagierte Schauspielerin will nicht nur gute Unterhaltung bieten; sie will zugleich eine Botschaft vermitteln, will sensibilisieren. Dabei versucht sie stets ihrer Rolle neue Akzente zu geben und diese bei den Dreharbeiten durchzusetzen - notfalls auch mal gegen den Regisseur.

"Findet ihr das so schlimm, wenn ich ein paar Papiere auf dem Schreibtisch meines (Film-)Vaters aufnehme und überfliege?" fragt sie demonstrativ in einer Szene Tontechniker und Kameraleute. "Schließlich ist die von mir dargestellte Tochter ja ein Charakter mit Ecken und Kanten."

Herzschmerz lenkt von anderen Dramen ab

Die Idee für den 6,5 Millionen Euro teuren Öko-Thriller ist fünf Jahre alt, mehrfach wurde das Drehbuch umgeschrieben. Ferres: "Es war mir lange nicht radikal und rau und wahrhaftig genug." Auch Produzent Nico Hofmann betont: "Wir wollten weg vom üblichen Herzschmerz."

Doch genau der überschattete die Dreharbeiten. Die Trennung von Veronica Ferres und ihrem Mann Martin J. Krug dominierte plötzlich das Interesse der Medien an den Dreharbeiten, das Schicksal der Wale geriet in den Hintergrund.

Dabei spielen sich tausende Kilometer von Südafrika entfernt seit langem viele Dramen weitgehend unbemerkt ab: In immer kürzeren Abständen stranden und verenden Wale wie in Australien, wo Ende November 150 Grindwale an der Westküste der Insel Tasmanien in seichtes Wasser geraten waren.

Vor Schottland wurden bereits Anfang des Jahres mehrere Wale verschiedener Arten verendet angeschwemmt. Selbst vor der deutschen Ostseeküste fanden Naturschützer vergangenes Jahr 175 tote Schweinswale.

Schutzzonen für Meeressäuger

"Die meisten Ereignisse bekommen wir gar nicht mit, weil viele Wale einfach untergehen und gar nicht stranden", sagt Brensing. Er gehört einem globalen Netzwerk engagierter Wissenschaftler an, die sich unter dem Dach der internationalen Gesellschaft zum Schutz von Walen und Delfinen (WDCS, Internet: www.wdcs.org) zusammengefunden haben.

Sie macht sich derzeit vor allem stark für die Einrichtung von Schutzzonen. Gerade mal in 0,5 Prozent der Weltmeere seien die Meeressäuger vor verheerenden Fischereipraktiken, Lärmbelästigung oder Waljägern geschützt. Auch deutsche Naturschutzgebiete seien nicht vor Lärmverschmutzungen gefeit, sagt Brensing.

Er hätte die Handlung des ZDF-Films, für den es noch kein Sendedatum gibt, am liebsten in Deutschland spielen lassen. "Aber ich verstehe, dass Neuseelands Maoris mit ihrer besonderen Beziehung zu den Walen für den Film wichtig sind."

Die USA erlauben den Einsatz von Sonar-Geräten

Während er in Südafrika darum kämpft, eine breite Öffentlichkeit für die Gefahren zu interessieren, haben Wal-Schützer in den USA gerade einen Rückschlag erlitten. Dort hat das Oberste Gericht trotz Umweltschützer-Bedenken den Einsatz von Sonar-Geräten bei Marinemanövern vor Kaliforniens Küste erlaubt. Wal-Schützer befürchten, dass die Schall-Wellen den Orientierungssinn der Tiere stören, sie sich verirren und stranden könnten.

Die Marine argumentiert dagegen, Restriktionen beim Sonar-Einsatz beeinträchtige ihre Fähigkeit, hochmoderne feindliche U-Boote aufzuspüren. Das Oberste Gericht hob sogar die Entscheidung eines Gerichtes in San Francisco auf, das der Marine Auflagen erteilt hatte. Demnach sollte das Sonar abgeschaltet werden, wenn Meeressäuger in zwei Kilometer Entfernung gesichtet werden. Das Militär will immerhin die Stärke der Sonar-Wellen senken, wenn Wale im Meer gesehen werden. Brensing ist das nicht genug.

"Das Militär ist der Hauptschuldige für die Strandung von Walen", ist er überzeugt und weist darauf hin, dass bis Mitte der 1970er Jahre U-Boote noch sehr geräuschvoll und damit leicht zu orten waren. "Heute gibt es leisere U-Boot-Typen, die man mit aktivem Sonar suchen muss - und dazu nimmt man tiefere Frequenzen", erklärt Brensing.

Das Sonar-Geräusch sei auch in 1600 Kilometern Distanz für die Tiere noch hörbar, sagt Brensing und macht die Auswirkungen mit einem Beispiel für Menschen deutlich: "Wenn man in Moskau so ein Gerät aktivieren würde, dann wäre das Geräusch so laut, dass man sich in Deutschland auf der Straße nicht mehr unterhalten könnte."

Die Wale tauchen bei so einem Lärm in Panik auf - und werden dabei Opfer der sogenannten Taucherkrankheit. Die ist auch für Menschen tödlich, wenn sie zu schnell an die Wasseroberfläche aufsteigen und sich dabei Stickstoffblasen im Blut bilden. Die platzenden Gasblasen zerreissen förmlich die Eingeweide.

Unterwasserlärm für viele Meerestierarten schädlich

Wal-Schützer verlangen daher Schutzgebiete für Wale, Delfine und andere Arten sowie Schutzabkommen für den Indischen Ozean und Südostasien. Rund ein Viertel aller bekannten Arten von Meeressäugern seien vom Aussterben bedroht. Die etwa 100 Vertragsstaaten der Bonner Konvention zur Erhaltung wandernder Tierarten (CMS) erkannten das Problem des Unterwasserlärms auf einer UN-Konferenz in Rom an.

Anfang Dezember einigten sie sich auf einen besseren Schutz der bedrohten Meeressäuger durch eine Reduzierung des Unterwasserlärms. Allerdings gab es "keinerlei verpflichtende Aktionen" gegen die Lärmgefahr, kritisierte die WDCS.

Nach dem Willen der Organisation soll zwischen Spaniens Südküste und Nordafrika ein solches Schutzgebiet entstehen. Es gehöre zu den Seegebieten mit der höchsten Artenvielfalt in Europa und sei Heimat neun verschiedener Wal- und Delfinarten, darunter Orcas und Finnwale.

Für viele von ihnen - wie dem im Mittelmeer verbreiteten Gemeinen Delfin - werde der Kampf ums Überleben immer schwieriger.

In einer Bilanz der Initiative "Jahr des Delfins", die von 2007 auf 2008 verlängert worden war, sehen Tierschützer zwar Teilerfolge, bezweifeln aber den politischen Willen zur Umsetzung von Schutzplänen. So sei 2007 der chinesische Flussdelfin als erste Delfinart für ausgestorben erklärt worden. Kein Wunder, dass die Filmproduzenten da keinen seichten Romantik-Schinken mit aus dem Wasser springenden Walen im Hintergrund drehen wollten.

Dabei hatte Brensing seine Grenzen schon recht weit gezogen: "Um einer breiten Öffentlichkeit das Thema nahe zu bringen, hätte ich auch Herzschmerz akzeptiert." (dpa)

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen