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Social Business Der Traum vom besseren Leben

Roboteranzüge für Schwerstbehinderte, bezahlbare Schutzimpfungen für Arme - das Unmögliche möglich machen, so lautet die Botschaft einer Konferenz in Berlin. Von Lilo Berg

12.11.2009 00:11
Lilo Berg
Elektroenzephalogramm einst in Jena erfunden
Mit der Kraft der Gedanken Geräte steuern: Forscher versuchen, aus dem Wust der Hirnsignale die wichtigen Daten herausfiltern. Foto: dpa

Muhammad Yunus ist Mathematiker. Wahrscheinlich wäre er ein guter Hochschullehrer geworden, hätte er sich damals nicht auf dieses kleine Experiment eingelassen. Vor gut dreißig Jahren lieh Yunus armen Dorfbewohnern in seinem Heimatland Bangladesch ein paar Dollar - als Startkapital für ein eigenes kleines Geschäft. Der zinslos gewährte Kredit wurde zu 99 Prozent zurückgezahlt und beim nächsten und übernächsten Mal ebenso. Aus derart bescheidenen Anfängen entstand die Grameen-Bank, die mittlerweile mit hundert Millionen Dollar im Monat Menschen in Not hilft, sich aus eigener Kraft hochzuarbeiten.

Eine gute Idee, Beharrlichkeit, Begeisterung und eine gewisse Selbstlosigkeit - diese Mischung führte Muhammad Yunus zum Erfolg, sie ist aber genauso wichtig in der Forschung.

Vielleicht flogen dem strahlend-freundlichen Friedensnobelpreisträger aus Bangladesch auch deshalb die Herzen zu, als er Anfang der Woche beim Berliner Wissenschaftskongress Falling Walls auftrat. Yunus kam gerade von einem deutschen Sportschuhfabrikanten und erzählte, wie er die Manager überzeugen konnte, demnächst Qualitätsschuhe zum Verkaufspreis von einem Euro herzustellen. Die Idee dahinter: Wenn die Menschen in armen Ländern sich Schuhe leisten können, haben Parasiten kaum Chancen, über die Fußhaut in den Körper einzudringen.

"Wann immer ich ein soziales Problem sehe, entwickle ich daraus eine Geschäftsidee", sagte Yunus. Unterstützt von Unternehmen, die für die gute Sache auf Gewinn verzichten, hat der Mathematiker aus Bangladesch drei Dutzend Unternehmen gegründet, die seine Landsleute mit besonders nahrhaftem Joghurt bis hin zu preiswerten Mobiltelefonen versorgen.

Mit seinem Social-Business-Konzept macht Yunus das Unmögliche immer wieder möglich. Er verkörperte daher besonders gut die Idee des Kongresses Falling Walls, mit dem die Berliner Einstein-Stiftung ihre Besucher an die Grenzen der Wissensgesellschaft führen wollte. Dorthin, wo in nächster Zeit Mauern fallen werden - so wie vor zwanzig Jahren in Deutschland zur Wendezeit.

Daran erinnerte die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede auf dem Kongress. Wissenschaft und Innovation hätten damals einen großen Beitrag geleistet: "Briefe konnte man öffnen und kontrollieren, bei Computernachrichten war das schon schwieriger." Von Physik verstehe sie heute nicht mehr so viel wie damals, 1989, als sie noch im Zentralinstitut für physikalische Chemie in Adlershof arbeitete: "Aber je geringer das Wissen, umso größer die Emotion", sagte sie und hatte die Lacher auf ihrer Seite.

Im voll besetzten Saal des ehemaligen Pumpwerks Radialsystem am Berliner Ostbahnhof saßen Menschen aus sechzig Nationen - hochkarätige Forscher und Wissenschaftsmanager, aber auch Firmenchefs, Banker und Politiker. Es war diese Mischung, die das besondere Flair der Konferenz ausmachte. Mit ihr feierte die im Mai gegründete Einstein-Stiftung den Beginn ihrer Arbeit.

Die Stiftung des Landes Berlin soll Spitzenforschung an den Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen der Stadt mit Millionenbeträgen fördern. Allerdings wurde nur ein Tag nach der illustren Auftaktveranstaltung bekannt, dass 33 Millionen Euro weniger als ursprünglich geplant zur Verfügung stehen; die Summe wird nun zur Förderung von Kitas eingesetzt.

Zum Glück ging es bei der Konferenz noch nicht um die Mauern des Berliner Haushalts, sondern um viel interessantere Probleme. Zum Beispiel um die Frage, wie man Impfstoffe so billig herstellen kann, dass sie auch Menschen in den armen Ländern zugute kommen. Dafür hatte Peter Seeberger, Professor für organische Chemie an der Freien Universität, etliche Pakete Zucker mitgebracht, die er neben dem Redepult aufbaute. Aus 4,5 Kilogramm Zucker - in seiner chemischen Bedeutung als Kohlenhydrat und nach diversen chemischen Prozessen - könnten 65 Millionen Kinder pro Jahr gegen Malaria geimpft werden, sagte Seeberger. Er hat eine Maschine entwickelt, mit der sich schnell und kostengünstig Substanzen herstellen lassen, die das Immunsystem gegen einen Erreger wappnen, gegen den bisher noch kein Impfstoff auf dem Markt ist.

Im Tierversuch habe sein Wirkstoff eine hundertprozentige Schutzwirkung entfaltet, berichtete der Chemiker. Im kommenden Jahr sollen klinische Tests an Menschen beginnen. Wann der Impfstoff zur Verfügung stehe, wollte in der nachfolgenden Diskussion der Botschafter von Mali wissen, der am Vormittag im Publikum saß. Das dauere noch mindestens bis 2017, zuerst müsse die Erprobung abgeschlossen sein, antwortete Seeberger. Sobald der Impfstoff aber zugelassen sei, könne er für rund fünf Euro pro Person zur Verfügung gestellt werden.

Bei neuen Schutzimpfungen rückt die Wissenschaft schon recht nah an die Anwendung, bei vielen Erkrankungen des Nervensystems aber steckt man noch tief in der Grundlagenforschung. Das gilt etwa für die Experimente des brasilianischen Neurowissenschaftlers Miguel Nicolelis. In seinen Laboren an der Duke University und in São Paulo versucht er, mit Elektroden, die in das Gehirn implantiert werden, Parkinson-Patienten und Querschnittsgelähmten zu helfen.

Derzeit entwickelt Nicolelis aber auch einen Roboteranzug, eine Art äußeres Skelett. Gespickt mit Hunderten von Elektroden, die in den Kopf eingepflanzt wurden, mit Signalverstärkern und weiterer komplizierter Technik, soll es die Gedanken seines Inhabers in Bewegung umsetzen. Schwerstbehinderte Menschen können damit vielleicht wieder stehen und gehen - so die Vision.

Walk again heißt das internationale Entwicklungsvorhaben, an dem auch Berliner Wissenschaftler mitarbeiten. Einer von ihnen ist der Informatiker Klaus-Robert Müller. An der Technischen Universität ist er für die Auswertung der Daten zuständig. Aus dem Wust von Hirnsignalen, die bei künftigen Tests anfallen werden, will Müller die wichtigen Muster erkennen. "Ich versuche herauszufinden, was die Probanden wirklich gemeint haben", sagt der junge Wissenschaftler.

Offiziell beginnt das millionenschwere Prestigeprojekt Walk again Anfang kommenden Jahres. Dass seine Universität eingeladen wurde, daran teilzunehmen, freut Müller besonders: "Wir sind eines der weltweit führenden Zentren für Datenanalyse - das verschafft uns solche Gelegenheiten."

Menschen mit schweren Nervenschäden will auch der Züricher Neuroforscher Martin Schwab helfen, allerdings mit einer medikamentösen Therapie. Vor zwanzig Jahren entdeckte er ein Protein im Gehirn und Rückenmark, das Nogo-A, welches das Wachstum und die Regeneration verletzter Nerven hemmt. Könnte man die Substanz behindern, so die Idee, dann müssten Nervenschäden wieder heilen.

In Zusammenarbeit mit der Firma Novartis hat Schwab das Versuchspräparat ATI 355 nach diesem Prinzip entwickelt. Erste klinische Versuche an querschnittsgelähmten Patienten hätten hoffnungsvolle Ergebnisse erbracht, berichtete Schwab. Wenn die Tests weiterhin positiv verlaufen, könnte es in wenigen Jahren soweit sein: Vielleicht gibt es dann erstmals eine Heilung für Menschen, die bisher chancenlos waren. Das Unmögliche möglich machen - dazu ermutigte der Kongress Falling Walls in Berlin.

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