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Sexueller Missbrauch „Das ist eine Art Täterschutz“

Catharina Beuster vom Betroffenenrat kritisiert, dass die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGFE) ohne Missbrauchsopfer debattiert.

Opfer sexueller Gewalt
Missbrauchsopfer leiden oft ein Leben lang unter ihrer erlittenen Pein. Foto: dpa

Bei ihrer Fachtagung in Essen hat die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGFE) Anfang dieser Woche über sexuellen Missbrauch debattiert – ohne Betroffene mit einzubeziehen. Das wäre aber notwendig, sagt Catharina Beuster vom Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. 

Frau Beuster, bei der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Essen gab es Auseinandersetzungen über das Thema sexuellen Missbrauch. Wie entschieden bezieht die Pädagogik Stellung? 
Es gibt einzelne Erziehungswissenschaftler, die schon lange zum Thema sexueller Missbrauch geforscht haben und die dazu eine klare Haltung haben. Die Erziehungswissenschaft als solche vertritt nach meinem Eindruck, auch nach dem Gespräch mit dem Vorstand der DGFE, eher die Auffassung, dass es ein sehr spezielles Forschungsthema ist. Man kann sich da engagieren, wenn man das möchte. Da fehlt es uns an einer Haltung zu sexualisierter Gewalt in der pädagogischen Praxis und der Rolle, die die Erziehungswissenschaft dabei durch Lehre und Forschung spielt.

Die Auseinandersetzung macht sich fest an dem Fall der Aberkennung einer Ehrung für den 92-jährigen Pädagogen Hartmut von Hentig. Wie beurteilen Sie die Äußerungen in seinem Buch „Immer noch mein Leben“, in denen er sich zu den Taten seines Lebensgefährten Gerold Becker an der Odenwaldschule äußert? 
Von Hentig sagt, er sei nicht sicher, wie ,liebevoll verübte‘ oder ,pädagogisch begründete‘ sexualisierte Gewalt von den Kindern und Schutzbefohlenen erlebt würde. Ich war nicht an der Odenwaldschule. Aber ich kann für mich und sicher auch stellvertretend für viele Opfer sagen: Mir hat die sexualisierte Gewalt von Pädagogen keinen Spaß gemacht. Sie hat mich verletzt und mir nachhaltig geschadet. Sie schadet mir noch immer, und es kostet mich einen Teil meines Lebens, mich immer wieder mit ihr beschäftigen zu müssen. Ich möchte nicht, dass Kinder heute sexualisierte Gewalt durch Pädagogen oder Pädagoginnen erleben. Deswegen muss sich die Erziehungswissenschaft dieser Debatte stellen.

Was spiegelt sich in der Auseinandersetzung innerhalb der Fachgesellschaft wider?
Die Entscheidung des Vorstands ist eine sehr klare Positionierung. Ein Mann, der so eindeutig Missbrauch relativiert, ja eigentlich legitimiert, der kann keinen solchen Preis behalten. Das ist die Haltung der Mehrheit im Vorstand. Dann ist es aber weitergegangen. Es finden sich Leute zusammen, die Täterschutz betreiben und die genau diese Argumentation von Hentig unterstützen. Sie relativieren und banalisieren. Der Rest ist mehr oder weniger schweigend dabei. Das ist eine typische Struktur. Täter sind organisiert und Betroffene sind isoliert. 

Sie sprechen von Täterschutz, obwohl keiner dieser Autoren sexualisierte Gewalt befürwortet.
Ich kenne niemanden, der sich offen für sexualisierte Gewalt ausspricht. Auch die Täter selbst tun das meist nicht. Bei allen Gesprächen scheinen wir immer einen Konsens zu haben, der lautet: Natürlich ist sexualisierte Gewalt schlecht. Wir scheinen uns darin einig, sind es aber offensichtlich nicht. Es geht um eine Argumentation wie die von Hartmut von Hentig, in der den Kindern ein großer Teil der Verantwortung übertragen wird. Das Ganze wird nicht unter dem Stichwort Gewalt verhandelt, sondern immer wieder unter dem Stichwort Liebe. Es geht darum, Empathie mit dem Täter zu entwickeln. Das ist eine Art Täterschutz. Das ist ein Grund dafür, dass Täter ungestraft handeln können oder unentdeckt bleiben. 

Ist das ein Muster, das Sie häufiger zur Rechtfertigung von sexualisierter Gewalt erleben?
Ganz genau. Wenn man sich die Forschung zu Täterstrategien anschaut, dann ist genau dieses Moment eine klassische Täterstrategie – nämlich die Verantwortung auf das Kind zu übertragen. Es ist zwar erst einmal positiv, wenn ich sage, das Kind ist in der Lage, selbst verantwortlich zu sein, und ich billige ihm einen gewissen Handlungsspielraum zu. Aber es gibt Momente, wo das Kind für Dinge verantwortlich gemacht wird, die es gar nicht überblicken kann. Da geht es nicht mehr um Verantwortung im Sinne der Entwicklung des Kindes, sondern um pure Gewalt. Es sind typische Muster der Rechtfertigung, wenn der Täter sagt: ,Das Kind hatte Interesse an meinem Penis‘ oder ,Das Kind war kein Kind mehr, sondern schon jugendlich und frühreif. Da habe ich mich verführen lassen‘.

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