Lade Inhalte...

Sexualforschung Sex mit Robotern

Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung tagt in Frankfurt und diskutiert über die neue Liebesordnung.

06.10.2016 08:33
János Erkens
Lust an der Unterwerfung – dazu das passende Sexspielzeug. Foto: David McNew/AFP

Wann immer über Sexualität verhandelt wird, folgen kontroverse Debatten: Vor kurzem etwa führte der neue Lehrplan für Sexualerziehung zu heftigen Auseinandersetzungen. Weil darin beispielsweise Homo- oder Bisexualität genau so akzeptiert werden sollen wie Heterosexualität, sprach sich der Hessische Landeselternbeirat dagegen aus. In den Medien war von „Besorgnis“ und „Frühsexualisierung“ zu lesen und davon, dass Kinder durch die Konfrontation mit sexueller Vielfalt in ihrer eigenen geschlechtlichen Identität „verunsichert“ würden.

„Die sexuelle Frage war immer Teil der sozialen Frage“, lautet eine Erklärung des Frankfurter Sexualforschers Volkmar Sigusch dafür, dass Sexualität ein zentraler Austragungsort sozialer Kämpfe ist. Zudem habe eine „neosexuelle Revolution“ in den vergangenen Jahrzehnten den radikalen Wandel der Sexual-, Intim- und Geschlechtsnorm beschleunigt und eine Vervielfältigung von Beziehungs- und Lebensformen bewirkt. Und diese Vielfalt verunsichert: Was anstelle der einstigen Gewissheiten getreten ist, sei bisher nur zum Teil klar, führt Siguschs Kollegin Sophinette Becker aus. Dennoch dürften alte Sexualnormen nicht voreilig für tot erklärt werden: „Sie existieren gleichzeitig fort.“

Sigusch und Becker sind zwei prominente Vertreter der Sexualwissenschaft – jener Zunft, die am Wochenende in Frankfurt zusammen kommt: Zum 25. Mal lädt die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGFS), die älteste und größte deutsche Fachgesellschaft auf ihrem Gebiet, zu ihrer Jahrestagung ein. Rund zwei Drittel ihrer 300 Mitglieder haben sich angekündigt, um sowohl über Retrospektiven auf die Geschichte der Sexualität und ihrer Beforschung zu diskutieren als auch um aktuelle Fragen etwa zur Geschlechtervarianz zu besprechen. Außerdem sollen künftige Herausforderungen thematisiert werden, etwa im Bereich Roboter und Sex.

Dass Frankfurt als Tagungsort ausgewählt wurde, habe vor allem zwei Gründe, sagt der DGFS-Vorsitzende Peer Briken: „Zum einen ist das eine Reminiszenz an die Gründungstagung in Frankfurt.“ Die Gründung der Fachgesellschaft durch den Mediziner Hans Giese im Jahr 1950 war Bestandteil eines reformistischen Anliegens: Im selben Jahr initiierte Giese eine Petition zur Abschaffung des Paragraphen 175 im deutschen Strafgesetzbuch, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte.

Sexualforschung war für Giese und seine Mitarbeiter (darunter Volkmar Sigusch) auch immer Sexualpolitik, die sich gegen Kriminalisierung von und Vorurteile gegen sexuelle Minderheiten richtete. Spätestens Ende der 1960er Jahre sank die reformistische Bedeutung der Sexualforschung jedoch. Progressive sexualpolitische Forderungen kamen zunehmend aus den Reihen der Studenten-, Schwulen- und Frauenbewegung denn aus der Wissenschaft. Die Sexualforscher*innen mussten sich damit begnügen, die Entwicklungen lediglich zu beschreiben.

So stellte etwa Sigusch vor wenigen Jahren fest, dass sich „BDSMler, Bisexuelle, Intersexuelle, Polyamoristen, Asexuelle und Objektophile“ mittlerweile öffentlich dagegen wenden, als „krank“ bezeichnet zu werden. Entsprechend müssen die Forscher*innen heute eher mit Gegenwind aus den Communities rechnen, wenn sie etwa Empfehlungen zur Behandlung trans-geschlechtlicher Menschen formulieren. Brikens Wahrnehmung, dass die Sexualforschung mittlerweile als eher konservativ erlebt wird, bestätigt auch Heinz-Jürgen Voß. Der Professor für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Fachhochschule Merseburg betreibt das Blog www.dasendedessex.de, auf dem er aus biologischer Perspektive die Vorstellung zweier klar voneinander getrennten Geschlechter kritisiert. Die kontroverse Diskussion um seine dekonstruktivistische Haltung gipfelte im April in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“, in der ein fachfremder Autor den diplomierten Biologen Voß als „Spinner“ beschimpfte.

Als Mitglied der DGFS kritisiert Voß die nach wie vor starke medizinische Prägung der Fachgesellschaft, die zu unnötigen Pathologisierungen führe: „Beispielsweise wird Intergeschlechtlichkeit in der Sexualwissenschaft meist als medizinisches Problem gesehen“, sagt Voß. Derweil würde in der Sozialpädagogik bereits anerkannt, dass Geschlecht und Begehren variieren und sich nicht in ein klares, „gesundes“ Mann-Frau-Schema pressen lassen.

Auch den einstigen „Reformern“ der Sexualforschung lastet Voß dieses schematische Denken entlang biologisch-medizinischer Kriterien an: Klar definierte Identitäten wie homo-, bi- und heterosexuell hätten letztlich zu Vereinheitlichung und zur Marginalisierung derer geführt, die sich in keiner dieser Kategorien wiederfänden. Auch sexualwissenschaftlich wichtige Aspekte wie rassistische Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund von Behinderung würden in der Sexualforschung zu wenig beachtet, so Voß weiter.

Und dennoch: Zu einer vollständig arrivierten Wissenschaft ist die Sexualforschung offensichtlich nie geworden. Das ist ein weiterer Grund, warum die Jubiläumstagung in Frankfurt stattfindet: „Hier hat die Sexualwissenschaft in den letzten zehn Jahren am meisten gelitten“, kritisiert Peer Briken. Gemeint ist damit vor allem die Abwicklung des Instituts für Sexualwissenschaft im Jahr 2006. Als Volkmar Sigusch, der das Institut mehr als 30 Jahre lang geleitet hatte, emeritiert wurde, schloss es der Fachbereich Medizin gleich ganz. Als Ersatz wurde eine Professur für Sexualmedizin eingerichtet – am psychiatrischen Zentrum der Uniklinik. Sigusch bezeichnete die Abwicklung für sich als „totale Niederlage“, schließlich hatte er jahrzehntelang genau gegen die „Psychiatrisierung“ der sexuellen Störungen gekämpft.

„Mit dem Verschwinden des Frankfurter Instituts ist eine der beiden großen Bastionen der Sexualforschung verloren gegangen“, sagt Briken, der sein Institut für Sexualforschung und forensische Psychiatrie am Klinikum Hamburg-Eppendorf als die andere bedeutsame deutsche Institution für Sexualforschung nennt.

Die Jubiläumstagung solle die Sichtbarkeit der Sexualforschung in Frankfurt ein wenig erhöhen, sagt Briken. Aufmerksamkeit erhoffen sich die Veranstalter auch davon, dass der Vortrag der vielleicht prominentesten Wissenschaftlerin der Konferenz öffentlich ist: Am Samstagabend spricht die israelische Sozialwissenschaftlerin Eva Illouz über „Die neue Liebesordnung“. Illouz beforscht unter anderem, was Kapitalismus mit Gefühlen, Identität, Individualität und damit auch mit der Sexualität macht. Den „gravierenden Wertewandel“ der vergangenen hundert Jahre zeichnet sie am Beispiel des BDSM-Bestsellers „Fifty Shades of Grey“ nach.

Der Vortrag von Eva Illouz „Die Neue Liebesordnung: Frauen, Männer und Shades of Grey“ beginnt am Samstag, 8. Oktober, ab 17 Uhr, Frankfurt University of Applied Sciences, Nibelungenplatz 1. Eintritt: zehn Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen