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Seuchen In allergrößter Gefahr

Ureinwohner und ethnische Minderheiten sterben durch Seuchen besonders häufig. Ursache ist ihre desaströse soziale Lage. Die Menschen wohnen häufig in abgelegenen Regionen und haben schlechten Zugang zu einer adäquaten medizinischen Versorgung.

13.04.2012 16:34
Hermann Feldmeier
Verheerender Grippe-Erreger, Typ H1N1. Foto: dapd/CDC/L. Palmer/M. L. Martin

Ureinwohner und ethnische Minderheiten sterben durch Seuchen besonders häufig. Ursache ist ihre desaströse soziale Lage. Die Menschen wohnen häufig in abgelegenen Regionen und haben schlechten Zugang zu einer adäquaten medizinischen Versorgung.

Im Frühjahr 1918 – synchron mit den Truppenbewegungen zum Ende des Ersten Weltkrieges – verbreitete ein neues Grippe-Virus Angst und Schrecken. Aus den USA kommend eroberte die Variante H1N1 innerhalb weniger Monate alle Länder der Erde. Als die Pandemie zwei Jahre später ausklang, hatte sich zwischen Lappland und Samoa mehr als eine Milliarde Menschen mit dem Erreger der Spanischen Grippe infiziert. Zwischen 50 und 100 Millionen Menschen waren gestorben. Das Risiko, an einer H1N1-Grippe zu sterben, war allerdings von Land zu Land unterschiedlich. Noch frappierender waren die Häufigkeitsunterschiede innerhalb eines Landes. So lag die Todesfallrate bei US-Indianern drei Mal höher als beim Rest der Bevölkerung. Die Ureinwohner Samoas starben 16 Mal häufiger als europäische Siedler, und bei den Aborigines war das Risiko einer Grippe mit Todesfolge sogar 172-fach höher als bei weißen Australiern. Ob bei den Inuit in Alaska, den Samen in Finnland oder auf Hawai, überall wütete die Spanische Grippe bei ethnischen Minderheiten und Ureinwohnern besonders dramatisch.

Den Infektionsmedizinern fiel es bislang schwer, diese Diskrepanz plausibel zu erklären. Eine Zeitlang wurde vermutet, das Immunsystem der Ureinwohner hätte wegen eines spezifischen Defekts das H1N1-Virus nicht eliminieren können. Gegen eine angeborene Schwäche der Abwehrkräfte spricht allerdings die Tatsache, dass überall tödliche Grippeerkrankungen bei Ureinwohnern überproportional häufig waren.

Akribische Analyse

Tatsächlich waren nicht biologische, sondern gesellschaftliche Faktoren die Ursache des desaströsen Verlaufs von Influenza-Epidemien bei Ureinwohnern und ethnischen Minderheiten. Das zeigen zwei Studien aus Neuseeland und Norwegen. Die Studie des norwegischen Infektionsepidemiologen Sven-Erik Mamelund belegt das Muster durch eine akribische Analyse bereits vorhandener Datensätze aus so unterschiedlichen Regionen wie Grönland und Tahiti. Eine Gruppe neuseeländischer Forscher von der Otago-Universität in Wellington nutzte einen Datenfundus, der bislang noch nicht erschlossen worden war. Die Wissenschaftler um Nick Wilson verglichen die Todesfallrate bei den Maori – den neuseeländischen Ureinwohnern – bei den drei Influenza-Pandemien von 1918, 1957 und 2009 mit der von europäisch-stämmigen Neuseeländern. Während der Spanischen Grippe war die Todesfallrate bei den Maori 7,3-fach und bei der Pandemie von 1957 immer noch 6,2-fach höher als bei ihren europäischen Landsleuten. Bei der Epidemie von 2009 sank zwar – dank Impfungen und besserer Behandlungsmaßnahmen – die absolute Zahl der Todesfälle in Neuseeland, aber die Maori starben immer noch 2,6 Mal häufiger.

Selbst diese Zahl – so die Vermutung der Forscher – ist geschönt. Vermutlich war der Tribut, den die Maori zollten, in Wirklichkeit höher. Denn während bei den Europäern die Todesursache bei der letzten Influenza verhältnismäßig gut von den Gesundheitsbehörden eruiert wurde, basierten die offiziellen Statistiken für die Ureinwohner häufig auf Mutmaßungen.

Ureinwohner wie die Maori, so der Tenor der beiden Studien, waren zum Zeitpunkt der drei Influenza-Pandemien in mehrfacher Hinsicht gesundheitlich benachteiligt: Sie wohnten häufig in abgelegenen Regionen und hatten schlechten Zugang zu einer adäquaten medizinischen Versorgung. Zum Zeitpunkt der Infektion mit dem Influenza-Virus litten Ureinwohner überproportional häufig an anderen Erkrankungen, die einen tödlichen Verlauf der Grippe wahrscheinlich machten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war das die Tuberkulose, zu späteren Zeitpunkten Übergewichtigkeit und Diabetes. Ein weiterer Faktor waren die schlechten Wohnverhältnisse. Typischerweise lebten viele Ureinwohner in Großfamilien auf engstem Raum, was seinerseits die Ausbreitung von infektiösen Atemwegserkrankungen förderte.

Armut und Ausgrenzung

Unterm Strich waren es Armut, Ausgrenzung und eine Vernachlässigung durch die Gesundheitspolitik, so die Schlussfolgerung der neuseeländischen und norwegischen Wissenschaftler, die Ureinwohner während Influenza-Epidemien besonders häufig und besonders schwer erkranken ließen. Ob in Alaska, Samoa oder Südafrika, die Ureinwohner wurden zur Zeit der Kolonialisierung nicht nur dezimiert, verdrängt und isoliert, sie wurden auch bis in die jüngste Zeit – wie es der US-Mediziner Paul Farmer in seinem Buch „Infections and Inequalities“ aufzeigt – in gesundheitlicher Hinsicht benachteiligt.

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