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Senckenberg-Institut in Frankfurt Artenschutz wichtiger als Klimaschutz

Katrin Böhning-Gaese, Institutsdirektorin bei Senckenberg in Frankfurt, warnt vor dem Artensterben und den Folgen für die Menschheit.

Ihr Lieblingsort: Katrin Böhning-Gaese im Vogelsaal des Senckenberg-Naturmuseums. Foto: Rolf Oeser

Tierfilme im Fernsehen anschauen? Das kommt für die Biologin Katrin Böhning-Gaese gar nicht in Frage. „Wenn so salbungsvoll über das Gleichgewicht in der Natur gesprochen wird“, schaltet sie den Apparat lieber wieder aus. Zwar hat sich auch die Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) in Frankfurt ganz dem Erhalt der Artenvielfalt verschrieben: „Das sehe ich als meine Lebensaufgabe“ – doch geht sie an das Thema weitaus nüchterner heran.

Schließlich sammeln die rund 140 Wissenschaftler und Techniker des Frankfurter Forschungsinstituts stets neue Belege dafür, „dass die Artenvielfalt auch für uns Menschen genauso wichtig ist wie unsere tägliche Nahrungsaufnahme oder die Luft, die wir einatmen,“ unterstreicht Böhning-Gaese. „Die Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage. Als Dienstleisterin für das Wohlergehen der Menschheit ist diese unverzichtbar.“

Doch die Erkenntnis, dass letztlich auch die Zukunft des Homo Sapiens vom Artenschutz abhänge und dieser noch wichtiger als der Klimaschutz sei, sei in der Gesellschaft noch nicht bei allen verankert. „Die Arten, die wir jetzt verlieren, kommen nie wieder zurück“, warnt die Institutsdirektorin. „Es ist aber noch viel Grundlagenforschung nötig, da wir vieles noch nicht verstehen.“

Auch an politischen Handlungsoptionen mitzuarbeiten, ist daher für Katrin Böhning-Gaese erklärtes Ziel – bekräftigt wird dieser Auftrag nun durch ihre Aufnahme in die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Zu deren Mitgliedern zählten unter anderem Visionäre wie Charles Darwin, Alexander von Humboldt, Marie Curie und Johann Wolfgang von Goethe.

Beim G7-Gipfel auf Schloss

Elmau im vergangenen Jahr stellte die Gelehrtengesellschaft etwa ihre Expertise zur Zukunft der Ozeane den Regierungschefs zur Verfügung. „Politisch haben andere Probleme wie beispielsweise die Flüchtlingskrise oder Arbeitslosigkeit eine höhere Wertigkeit“, sagt Böhning-Gaese. Doch das sei zu kurz gedacht. „Der Klimawandel und der Biodiversitätsverlust haben schlimme Folgen, gerade in armen Ländern. Die Menschen dort haben keinen Puffer, wenn sie von Dürre oder Starkregen heimgesucht werden und das letzte Tier in ihrer Herde gestorben ist.“

In der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu wecken und der Gesellschaft zugleich das Wissen an die Hand zu geben, das sie braucht, um den Problemen Herr zu werden, ist momentan das zentrale Thema in den Chefetagen bei Senckenberg. Diese Debatte und die strategische Grundsatzentscheidung, wie man dabei als Forschungsmuseum in Zukunft international wettbewerbsfähig bleibt, seien spannende Themenfelder, betont Böhning-Gaese. Besonders wertvoll sei in diesem Zusammenhang auch ihr Aufenthalt in den 1990er Jahren in den USA, in Albuquerque im Bundesstaat New Mexiko, gewesen.

Am Biodiversität und Klima Forschungszentrum schätzt Böhning-Gaese insbesondere das gute Klima in der Zusammenarbeit – das auch die Gutachter des Wissenschaftsrats bei der Evaluierung beeindruckt hat. Und der Kontakt untereinander ende nicht nach getaner Arbeit, sondern erstrecke sich auch auf gemeinsame Aktivitäten wie Grillen oder Fußballspielen.

Darüber hinaus betreut die 51-Jährige, die zugleich am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Goethe-Uni als Professorin lehrt, Forschungsprojekte am Kilimandscharo, im ecuadorianischen Urwald und in den schweizerischen Bergwäldern. So werden beispielsweise Daten gesammelt, die später in Vorträge und Publikationen oder aber in Doktorarbeiten einfließen. Zugleich werden in Tansania und Ecuador auch einheimische Feldassistenten ausgebildet, die Vogelarten erkennen können und so mithelfen, das Ökosystem selbst zu managen.

Gefragt sei auch das Fachwissen von Senckenberg, wenn es um Schädlinge wie den Kaffeekirschenkäfer geht, der sich in die unreifen Bohnen hineinbohrt und große wirtschaftliche Schäden auf den Plantagen anrichtet.

Die persönliche Leidenschaft von Katrin Böhning-Gaese gilt seit vielen Jahren der Vogelwelt – daher ist ihr Lieblingsort in Frankfurt auch der Vogelsaal vom Senckenberg-Naturmuseum, da man dort die Artenvielfalt, angefangen vom winzigen Kolibri bis zu den großen Nashornvögeln (siehe Foto), erleben könne. „Durch Jagd und Handel mit den Hornvögel stehen diese vielerorts in den tropischen Wäldern vor dem Aussterben“, berichtet die Ornithologin. Das bedrohe in Folge dann die Regeneration der Wälder, „denn die Nashornvögel ernähren sich von den großen Früchten der Urwaldriesen und verteilen deren Samen auf diesem Weg in der Landschaft“. Um zu keimen, brauchen die Samen Licht. „Fallen die Früchte einfach zu Boden, weil die Hornvögel sie nicht mehr essen, ist es an diesem Ort meist zu dunkel, so dass die Keimlinge nicht wachsen können“, warnt die Forscherin. Dadurch werde wiederum die Kilmaerwärmung angeheizt, denn das dichte, langsam wachsende Holz der Urwaldriesen binde viel Kohlenstoffdioxid.

„Manchmal kann ich Hobby und Beruf gar nicht voneinander trennen“, erzählt Böhning-Gaese, die sogar im Urlaub mit geschulten Blick Ausschau nach der Tierwelt hält. Sie faszinieren „komplexe Systeme“ – zumal die „Freilandökologie genauso vielschichtig ist wie etwa der Aufbau unseres Gehirns“, sagt die frühere Neurobiologin.

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