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Science March „Logik der Aufklärung verteidigen“

TV-Moderator Ranga Yogeshwar verlangt im Interview mit der FR, dass die Wissenschaft sich erklärt, um gegen Fake News zu bestehen. Yogeshwar unterstützt den Science March, der weltweit stattfindet.

USA
Weltweit protestieren am Samstag Trump-Gegner und Co. gegen alternativen Fakten. Foto: rtr

Herr Yogeshwar, Sie unterstützen den Science March und treten bei der Berliner Kundgebung vor dem Brandenburger Tor als erster Redner auf. Wer sollte sich aufgerufen fühlen, am Sonnabend dabei zu sein?
Der Science March richtet sich nicht nur an Wissenschaftler. In diesen Zeiten der Verunsicherung richtet er sich an alle, die davon überzeugt sind, dass gesicherte Fakten die Basis sind für Dialoge in der Gesellschaft und für die Art und Weise, Politik zu machen. An alle die wollen, dass Entscheidungen wissensbasiert gefällt werden.

Was war für Sie persönlich der Anlass, sich bei dieser Kundgebung zu engagieren?
Mein Weckruf der persönlichen Art war eine Begegnung Anfang des Jahres mit der Polizeipräsidentin von Bonn. Wir sprachen unter anderem über die Kriminalitätsstatistik in Bezug auf Migranten und sie sagte ,Wissen Sie, wenn wir die Statistik zeigen, dann ist es nicht nur so, dass man uns nicht glaubt.

Man behauptet dann sogar, dass wir lügen‘. Ich fand es bemerkenswert, weil es zeigt, dass viele Menschen – bei weitem nicht nur die Populisten – einer gefühlten Wahrheit mehr vertrauen als den objektiven Fakten. Viele Debatten sind mittlerweile geprägt von Angst, mitunter von Hysterie. Sie werden dominiert von den Lautsprechern der Populisten. Und so wird die Chance vertan, Diskussionen auf der Basis von wissenschaftlicher Erkenntnis zu führen.

Sehen Sie die Wissenschaft in Gefahr?
In den vergangenen zwölf Monaten gab es auf breiter Front einen beängstigenden Schritt weg von der Wissenschaft und von wissenschaftlicher Erkenntnis, hin zu einer Welt von ,alternativen Fakten‘. Zum Teil wird Wissenschaft bereits regelrecht abgelehnt – wie man an der Debatte in den USA um den angeblich nicht vorhandenen Klimawandel sehen kann. Deshalb muss die Wissenschaft jetzt aufstehen und die Logik der Aufklärung verteidigen. Aufklärung heißt zu argumentieren, auf der Basis von Fakten Dinge zu verifizieren, transparent zu sein, aber dann auch die Erkenntnisse einfließen zu lassen in die nächsten Entscheidungsschritte. Dafür haben ganze Generationen gekämpft. Die Errungenschaften der Aufklärung sind die Basis dafür, dass dieses Land stabil ist und so ist wie es ist. Diese Errungenschaften stehen nicht zur Disposition.

Bedrohen populistische Parteien wie die AfD die Prinzipien der Aufklärung?
Die Basis der zivilisierten Gesellschaft ist ein offener und kritischer Dialog. Was wir bei der AfD beobachten ist, dass in sozialen Netzwerken zum Teil eigene Wahrheiten konstruiert werden. Viele dieser Plattformen meiden die wirkliche Kontroverse, den zivilisierten Austausch. Was sie anbieten sind Spiegelbilder der Nutzer und das Echo des Gedankenguts. Das führt dazu, dass die Wirklichkeit verzerrt wird und dass Fake News entstehen. In diesen fast geschlossenen Netzwerken leben die Menschen letztendlich in einer ganz eigenen Wirklichkeit.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung hin zum Populismus, die in so vielen Ländern zu beobachten ist?
Es hat vermutlich viel mit Verunsicherung zu tun. Die Welt verändert sich, maßgeblich durch wissenschaftliche und technische Erkenntnisse. Und diese Veränderung verunsichert viele Bürger. Möglicherweise haben sie sogar Angst, zu den Verlierern zu zählen. Deshalb ist es wichtig, dass Wissenschaft sich erklärt. Wenn sie das nicht tut, dann wird sie als Bedrohung gesehen und das mündet in die Debatten, die wir sehen. Viele haben die Vorstellung, dass es Zirkel von Eliten sind, die diese Welt bestimmen, und nicht demokratischen Prinzipien, die alle mit einbinden.

Haben sich Wissenschaftler in der Vergangenheit zu ruhig verhalten?
Es gab viele Momente, in denen ich mir gewünscht hätte, dass Wissenschaftler aufstehen und sich einmischen. Es gab etliche Fernsehdebatten etwa über Flüchtlinge, Integration, Asylbewerber, in denen viel von Gefühlen gesprochen wurde, aber der wissenschaftliche Sachverstand, gesicherte Erkenntnisse, Statistiken kamen nicht vor. Es geht nicht darum, dass Wissenschaftler das Zepter übernehmen und die Politik ersetzen. Aber sie sollten sich einbringen in gesellschaftliche Dialoge. Und es sollte Konsens sein, dass Entscheidungen wissensbasiert getroffen werden müssen.

Was steht auf dem Spiel?
Wenn diese Entwicklungen weitergehen und es zu einem Negieren von Fakten und wissenschaftlicher Erkenntnis kommt, leben wir ganz schnell in einer sehr verzerrten Gesellschaft, die einen Schritt zurückgeht vor die Aufklärung. Und das ist eine Gesellschaft, die ich nicht will. Sie basiert auf Vorurteilen und wird gefährlich. Deshalb müssen wir jetzt, in Zeiten des Zweifels, Dinge wie die Prinzipien der Aufklärung immer wieder in Erinnerung rufen und uns dazu bekennen. Wir müssen klar machen, dass wir dazu stehen und wissen, warum wir dazu stehen.

Interview: Anne Brüning

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