Lade Inhalte...

Schulleistungen Das Märchen von der Jungenkrise

Sind männliche Schüler die Bildungsverlierer einer weiblich geprägten Pädagogik an Schulen? Forscher bezweifeln diese These und identifizieren andere Gründe für die unterschiedlichen Leistungen von Jungen und Mädchen.

06.03.2012 18:18
Jana J. Bach
Männer sind als Lehrer und Erzieher generell wichtig. Foto: imago

Sind männliche Schüler die Bildungsverlierer einer weiblich geprägten Pädagogik an Schulen? Forscher bezweifeln diese These und identifizieren andere Gründe für die unterschiedlichen Leistungen von Jungen und Mädchen.

Ein Kindergarten in Berlin-Kreuzberg: Der kleine Jan hat sich gerade den Kopf beim Toben an einer Holzkiste mit Lego-Bausteinen gestoßen. Alles halb so wild. Denn eine der drei Erzieherinnen kommt sofort herbei, um den Schmerz wegzupusten. Trösten, spielen, singen, vorlesen, beim Essen helfen – gerade die frühe Bildung und Erziehung sind noch immer weiblich geprägt. Männer fehlen in Kindergärten, aber auch in Grundschulen, wo zu 85 Prozent Frauen unterrichten.

Die weibliche Prägung in den ersten Lebensjahren hat Folgen für die schulische Entwicklung der Geschlechter. Das behaupten jedenfalls Bildungsforscher. Wie Studien der jüngeren Zeit ergaben, haben Mädchen die besseren Noten und Prüfungsergebnisse, schaffen häufiger den Sprung aufs Gymnasium. An den Hochschulen sind sie mittlerweile in der Überzahl. Auf der anderen Seite konstatierten Forscher eine Jungenkrise. Wie die Pisa-Studie ergab, liegen 15-jährige Jungen in ihren Leseleistungen ein Jahr hinter ihren Altersgefährtinnen zurück. Die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), verkündete, ein „Jungen-Referat“ einzurichten, um den aus der weiblich geprägten Pädagogik entstandenen Nachteilen für Jungen entgegenzuwirken.

Doch was ist wirklich dran an den Thesen? Doktoranden aus Berlin und Mannheim haben sich jüngst die Ergebnisse internationaler Studien vorgenommen, darunter der Iglu-Studie, die 2003 bis 2005 bundesweit die Lese- und Rechenkompetenz von Schülern der 4.bis 6. Klasse erfasste. Die Forscher kamen zu dem Schluss: Die weibliche Dominanz im Lehrerberuf wirkt nicht auf die Chancen und Leistungen der Jungen. „Es ließen sich keine nennenswerten Unterschiede feststellen, egal ob die Schüler von männlichen oder weiblichen Lehrern unterrichtet wurden“, sagte Martin Neugebauer vom Zentrum für Europäische Sozialforschung der Uni Mannheim. Mit ihm werteten sein Kollege Andreas Landmann und Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) für Sozialforschung die Studien aus.

Mädchen sind selbstbewusster

Nicht die Jungen haben sich verschlechtert, vielmehr treten die Mädchen selbstbewusster auf, streben häufiger als früher einen Abschluss oder ein Studium an, lautet das Ergebnis. Von den 50er- bis 70er-Jahren stellten die Jungen bei den Abiturienten und Studenten noch die Mehrheit. 1981 lag erstmals die Abiturientenquote bei Mädchen höher – ein Vorsprung, der sich stetig vergrößerte. 2007 machten etwa 30 Prozent aller Mädchen ihr Abitur, bei den Jungen waren es nur 21 Prozent.

Doch wie ist es mit der weiblichen „Prägung“ in den frühen Jahren? Marcel Helbig vom WZB kennt die Einwände, Jungen würden häufiger als „Störenfriede“ auffallen, da sie sich mit den weiblich angehauchten Praktiken im Schulalltag nicht arrangierten. Aber ob Jungen in der Schule fleißig seien oder nicht, hänge von ganz anderen Faktoren ab. „Untersuchungen haben ergeben, dass Eltern ihre Söhne fast immer als intelligenter einschätzen als ihre Töchter“, sagt Helbig.

Eine Folge davon ist, dass die Jungen sich auf ihrem Ruf ausruhen. Das funktioniere auch andersherum, so Helbig: Kinder befinden ihre Väter für schlauer als die Mütter und die Großväter für klüger als die Großmütter. Männer hätten den Expertenstatus inne. Das beginne schon, wenn Kinder mit fünf Jahren behaupteten, sie würden gerne Feuerwehrmann oder Krankenschwester werden. „Eine realistische Berufsorientierung ist das natürlich nicht“, sagt Helbig. Frauen sind auch nicht biologisch auf Pflegeberufe abonniert. Es werden lediglich die traditionellen Männer- und Frauenbilder gespiegelt.

Der Sozialpädagoge Kim-Patrick Sabla, Professor an der Universität Vechta, findet es besonders interessant, in welchem Kontext die Debatte um die Jungen „als Bildungsverlierer“ angestoßen wurde. „Der Diskurs ist politisch und ökonomisch motiviert“, sagt er. „Zunächst wurde der Ruf lauter, mehr Männer in Kitas unterzubringen.“ Dazu wurden sogar Modellprojekte gestartet, und zwar mit Langzeitarbeitslosen. Letztlich drehe es sich um stärkere Flexibilität von Arbeitskräften, sagt Sabla.

Für eine Diskussion um Bildungserfolge hält Sabla Studien, die sich auf die Wirkung von Herkunft, sozialem Status und Armut beziehen, für viel entscheidender, als eine Debatte um schulische Feminisierung. Es gibt nur wenige Konstanten in der deutschen Bildungsentwicklung. Eine von ihnen betrifft die Schulerfolge von Kindern aus bildungsfernen Schichten und Migrantenfamilien. Diese sind heute noch genauso unterdurchschnittlich wie vor 50 Jahren. Das ergab die Untersuchung der Sozialforscher um Martin Neugebauer.

In Familien fehlen Männer

Die Politik habe hier versagt, sagt sein Kollege Marcel Helbig vom WZB. Mindestens seit den 70er-Jahren werde darüber geredet, wie Bildungsarmut mit der sozialen Herkunft vererbt werde. Aus Resignation habe man nun ein neues Fass aufgemacht, statt hilfreiche Konzepte zu entwickeln.

Wenn sich etwas getan habe, dann, dass Frauen gelernt hätten, mit einer Doppelbelastung umzugehen, sagt Kim-Patrick Sabla. Die Bundeskanzlerin tauge nicht als Aushängeschild für ein fortschrittliches Frauenbild. Sie agiere neben ihrem Amt nicht als Mutter, sei einen typisch männlichen Karriereweg gegangen. Als modern könne man sie allenfalls in Kombination mit ihrem Mann ansehen, der ihr den Rücken freihalte.

Dass Männer sich nicht für eine Tätigkeit in der Früherziehung entscheiden, liegt nicht zuletzt an der Bezahlung: Pädagogen an Gymnasien erhalten im Schnitt 700 Euro mehr als Grundschullehrer.

Aber auch in den Familien fehlen Männer. In jeder fünften Familie wachsen Kinder mit nur einem Elternteil auf. Neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen. Eine „vaterlose Gesellschaft“ hat vielleicht mehr psychische Auswirkungen auf die Kinder als Folgen für die Bildung. Die generelle Forderung nach mehr männlichen Vorbildern in der Bildung hält Kim-Patrick Sabla für undifferenziert. Männer sind keine homogene Masse. „Mal wird nach dem starken Mannsbild in der Früherziehung verlangt, mal nach dem sensiblen Zuhörer.“ Viel entscheidender dagegen ist, dass Männer präsent sind, um ein gleichberechtigtes Miteinander vorzuleben – und zwar für Jungen und Mädchen gleichermaßen.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum