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"Schulfrust" Verdammt wütend auf die Schule

Die Abiturientin Viviane Cismak schildert in „Schulfrust“ ihre schwierigen Erfahrungen mit dem Bildungssystem. Auf 200 Seiten schreibt sie sich schonungslos den Frust von der Seele.

24.09.2011 16:03
Ernst und nachdenklich: Viviane Cismak wünscht sich eine bessere Schule. Foto: Andreas Arnold

Das Buch beginnt ohne große Umschweife: „Ich heiße Viviane Cismak, bin 19 Jahre alt, Abiturientin und verdammt wütend.“ Zum ersten Mal hat sich eine Schülerin in Deutschland auf mehr als 200 Seiten den Frust von 13 Schuljahren von der Seele geschrieben. Sie schreibt über Willkür, Ungerechtigkeit, Demotivierung und Inkompetenz im deutschen Schulsystem. Wir trafen sie in einem Berliner Restaurant namens „Die Schule“.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Buch „Schulfrust“ zu schreiben?

Ich war so unzufrieden mit dem Gymnasium, vor allem mit der Organisation des Abiturs, dass ich dachte: Da muss man doch mal drauf aufmerksam machen! Man rannte als Schüler von einer Stelle zur nächsten. Sogar Lehrer, die als pädagogische Koordinatoren eingesetzt waren, haben einen falsch beraten. Noten wurden willkürlich verteilt. Anfang der 13. Klasse habe ich angefangen, meinen Frust aufzuschreiben – bis zum Abitur war ich fertig.

Gibt es schon Reaktionen von Lehrern und Schülern?

Meine Freunde finden das Buch gut, weil sie ja ähnliches an der Schule erlebt haben. Von Lehrern habe ich aber noch nichts gehört. Ich glaube, den meisten von ihnen ist das auch einfach egal.

Ihre Urteile sind hart. So schreiben Sie unter anderem, dass es sich an der heutigen Schule nicht lohnt, ein guter, engagierter Schüler zu sein. Warum das?

In meinen ersten Schuljahren, bis zur achten Klasse, war ich immer sehr motiviert und fleißig, habe immer mitgearbeitet, alle Hausaufgaben gemacht und mich auch außerschulisch engagiert. Aber so etwas wurde kaum gewürdigt. Zum Beispiel habe ich die Schule bei „Jugend forscht“ vertreten, viel Zeit dort hineingesteckt und am Ende einen zweiten Preis gewonnen. Die Lehrer hat es aber nicht interessiert. Solche Aktivitäten wurden nicht positiv erwähnt. Sie haben sich höchstens als entschuldigte Fehlstunden auf dem Zeugnis niedergeschlagen.

Hat Sie das demotiviert?

Irgendwann habe ich mich verändert, keine Hausaufgaben mehr gemacht, teilweise sogar die Schule geschwänzt. Doch seltsamerweise wirkte sich das nicht negativ aus. Vorher hatte ich immer eine Zwei in der Kopfnote „Arbeitsverhalten“. Als ich dann keine Musterschülerin mehr war, bekam ich plötzlich eine Eins. So etwas setzt völlig falsche Signale.

Sie stellen den Lehrern ein relativ schlechtes Zeugnis aus. Betrifft dies wirklich die Mehrheit?

Ich habe sicher auch sehr engagierte, gute Lehrern erlebt. Ich denke aber einfach, dass der Prozentsatz demotivierter Lehrer zu hoch ist dafür, wie wichtig die Schule fürs Leben ist. Wenn man zum Beispiel in Mathe über drei Jahre lang einen Lehrer hat, der einen überhaupt nicht motivieren kann, seinen Job nicht ernst nimmt und einfach unterrichtet, was er will, dann fehlen einem die Grundlagen für die nächsten Jahre. Das holt man nie wieder auf.

Was müsste sich ändern?

Ich finde, dass es relativ wenige Kontrollinstanzen für Lehrer gibt. Von Lehrern in Kreuzberg habe ich gehört, dass ihnen nicht einmal der Direktor was sagen oder Konsequenzen ziehen könne. Und dass ihnen egal sei, was sie machen.

Sie haben zunächst in Hessen gelernt und sind nach 11. Klasse nach Berlin gezogen. Sind die Lehrer in Berlin anders?

Ja, zum Teil schon. Mir ist aufgefallen, dass sich die Lehrer in Berlin viel weniger um die einzelnen Schüler kümmern. Das habe ich auch von anderen Berliner Schülern mitbekommen, nicht nur an meinen Kreuzberger Gymnasium. Die Lehrer halten ihren Unterricht ab, gucken nicht nach rechts und links. Teilweise wurden ungerechtfertigte Noten begründet mit: So ist halt das Leben! Viele Lehrer scheinen resigniert zu haben. In Hessen zum Beispiel wurde noch eine eigene Meinung im Unterricht gefördert. Man musste sie als Schüler nur begründen können. In Berlin dagegen reichte es, einfach dazusitzen und nett zu lächeln. Da waren die guten Noten leicht gekriegt. Ich meine, die Schule soll ja auch eine eigene Persönlichkeit ausbilden. Ich denke nicht, dass man das erreicht, indem man die Meinung der Lehrer nachquatscht.

Gab es auch einen Qualitätsunterschied zwischen den Gymnasien, an die Sie gingen?

In der Berliner Schule waren wir ein gutes halbes Jahr im Schulstoff zurück. Hier musste ich auch keine Matheprüfung machen. Obwohl es ein Kernfach ist. Ich hätte ganz ohne Mathekenntnisse durchs Abitur kommen können. In Hessen haben sich die Lehrer auch mehr Gedanken darüber gemacht, wie sie die Schüler durchs Abitur bringen. In Berlin war das kaum der Fall. Lehrer haben auch die Klausuren ganz subjektiv bewertet. Unter anderem nach dem Schriftbild. Weil ich zu große I-Punkte mache, wollten mir die Lehrer Punkte in den schriftlichen Klausuren abziehen. Das finde ich lächerlich. Ich meine, dass es ein Zentralabitur für ganz Deutschland geben müsste, mit klaren Regeln.

Sie beklagen auch, dass sich viele Lehrer nicht einmischen, wenn es um Chauvinismus oder gar Antisemitismus geht.

An meinem Kreuzberger Gymnasium lernten viele Migrantenkinder, hauptsächlich Türken. Die Schule hat sich mit dem Titel „Schule ohne Rassismus“ geschmückt. Was aber dort zum Teil passiert ist, war schon erschreckend. „Du Jude“ war ein gängiges Schimpfwort auf dem Schulhof. Schülerinnen, die einen Freund hatten, wurden als „Schlampen“ bezeichnet. Im Unterricht wurde diskutiert, dass Frauen Kopftücher tragen müssten, weil ja sonst Affären entstünden. Schülerinnen haben im Unterricht gesagt: Ich kann sowieso keinen guten Beruf kriegen, die einzige Möglichkeit für mich ist, einen reichen Mann zu heiraten. Eine amerikanische Austauschlehrerin war sehr schockiert von dieser Auffassung. Aber die deutsche Lehrerin hat nichts dazu gesagt. Ich finde, dass sich Lehrer einmischen und Partei für die westlichen Werte ergreifen müssten, etwa für die Gleichstellung, die ja auch im Grundgesetz steht.

Aber sind die Lehrer nicht auch überfordert und alleingelassen in dem System?

Auf eine gewisse Art und Weise vielleicht schon. Die Politik denkt sich zum Beispiel ständig Reformen aus, die die Lehrer umsetzen müssen. Aber ich meine auch, dass man, wenn man diesen Beruf ergreift, vorher wissen müsste, was auf einen zukommt. Ich glaube, dass sich manche nicht so viele Gedanken darüber machen oder den Lehrerjob am Anfang auf die leichte Schulter nehmen.

Sie schreiben von undurchdachten Reformen, die die Schulen in Atem hielten. Welche haben Sie erlebt?

Zum Beispiel diese Monsterreform G8 wurde ja sehr oft auch in den Medien diskutiert. Ich selbst habe das Abitur noch in neun Jahren gemacht. Bei meinem kleinen Bruder aber dauert das Gymnasium nur noch acht Jahre. Der hatte schon in jungen Jahren so viel Unterricht, dass er bis abends um fünf in der Schule sitzen musste. Er war zuvor ein begeisterter Leistungsschwimmer, bei den hessischen Meisterschaften dabei, musste das aber aufgeben. Ich frage mich, warum man nicht die Lehrpläne kürzte, ehe man die Reform umsetzte. Hätte man nicht zum Beispiel den Stoff, der in den Jahren mehrfach auftaucht, zusammenlegen können?

Sie sagen auch, dass man Schulen nicht mehr Autonomie und Freiheiten geben sollte. Warum?

Weil die sonst machen, was sie wollen. In meiner hessischen Schule gab es zum Beispiel den Versuch mit einem „Karlsruher Physikkurs“, für den sich ein Lehrer sehr einsetzte. Es ist schön, wenn sich Lehrer engagieren. Aber hier artete es so aus, dass wir nach völlig anderen physikalischen Regeln unterrichtet wurden. Alle Phänomene, die man beschreiben konnte, wurden auf den Impuls zurückgeführt. Das Auto könne sich zum Beispiel nur in Bewegung setzen, weil es einen Impuls aus dem Boden bekomme. Darauf basierte zwei Jahre lang der Physikunterricht, bis er eingestellt wurde, weil es Ärger gab. Als ich nach Berlin wechselte, meinte mein Physiklehrer zu mir, dass ich mit Physik noch mal ganz neu anfangen müsste. Von daher konnte ich dieses Fach auch vergessen.

Sie sagen, dass es keine Lösung sei, Bildungspakete an Hartz-IV-Empfänger zu vergeben, sondern dass die Förderung für sozial schwache Schüler anders aussehen müsste.

Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, da war das Geld knapp. Ich konnte kein Auslandsjahr, auch keine Sprachreisen machen, wie andere. Das war einfach zu teuer. Als ich dann nach Berlin kam, waren plötzlich die Hartz-IV-Empfänger in der Überzahl. Die haben Bücher und Studienfahrten bezahlt bekommen. Ich nicht, obwohl ich schon in einer eigenen Wohnung wohnte, 800 Stunden im Jahr nebenbei arbeiten ging und auch nicht mehr Geld hatte als ein Hartz-IV-Empfänger. Ich fände es besser, wenn die Schulen, wie zum Beispiel in Lübeck, selbst Gelder für ihre Schüler beantragen könnten, damit alle Bücher bekommen oder auf Studienfahrten gehen können.

Sie haben Ihr Abitur mit 1,8 gemacht. Was werden Sie jetzt tun?

Ich studiere Jura an der Freien Universität Berlin. Mal sehen, wie ich mich dann spezialisiere, vielleicht auf Wirtschaftsrecht oder Medienrecht.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.

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