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Schulen im Vergleich Leistungsgefälle von bis zu einem Schuljahr

Der neue bundesweite Grundschüler-Vergleich in Deutsch und Mathematik wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Viele Bildungspolitiker fragen sich, was der Vergleich überhaupt aussagt.

05.10.2012 18:37
Torsten Harmsen
Die Grundschüler wurden in Deutsch und Mathe getestet. Foto: dapd

Große Ratlosigkeit herrscht bei Politikern und Forschern. „Ich habe ein ungutes Gefühl, dass wir immer nur einzelne Lichter werfen können auf das große Dunkel: Was sind die Ursachen?“, sagte Ties Rabe, Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) und Schulsenator in Hamburg. Sein Land gehört zu den Schlusslichtern des am Freitag in Berlin vorgestellten bundesweiten Leistungsvergleichs der Grundschüler in Deutsch und Mathematik.

Die drei Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin liegen wieder einmal in allen Bereichen in der Schlussgruppe. Zum Beispiel verfehlten in Bremen und Berlin über 20 Prozent der Kinder die Mindeststandards im Lesen. Ihr Übergang in die nächsthöhere Schulstufe ist gefährdet.

Warum aber schneiden gerade die Stadtstaaten so schlecht ab? Kinder von Ungelernten und Ausländern gibt es doch auch in anderen Großstädten oder in Bayern, das beim Lesen und in Mathe bundesweit den Platz 1 belegte. Genaue Antworten darauf haben die Forscher auch dieses Mal nicht gefunden. Und keiner ließ sich zu klaren Thesen bewegen.

Kinder auf 7 Stufen

Professor Hans Anand Pant, Direktor des Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), erklärte, dass man zur Messung der sozialen Herkunft sieben Stufen nach Berufen definiert habe. Auf Stufe 1 stehen unter anderem Kinder von Professoren, Beamten oder Juristen, auf Stufe 7 Kinder ungelernter Arbeiter. Zwischen diesen beiden Gruppen herrschen bundesweit Leistungsunterschiede von etwa einem Schuljahr. Und das Verblüffende: Im Siegerland Bayern sind sie sogar noch größer. Wie ist dennoch der Erfolg des Landes zu erklären?

Bayern gelinge es bundesweit am besten, Kinder, die ohnehin aus begünstigten Elternhäusern kommen, auch noch zu besonders guten Leistungen zu führen, sagt IQB-Direktor Pant. Dagegen schafften es die drei Stadtstaaten weder, benachteiligte Kinder ausreichend zu fördern, noch genügend Kinder aus guten Elternhäusern auf das bundesweite Durchschnittsniveau zu bringen.

Dennoch gibt es den Forschern Rätsel auf, warum die Unterschiede noch immer so groß sind, trotz der Bildungsreformen, die ja in allen Ländern stattgefunden haben. Auch die Stadtstaaten betreiben Sprachförderung, gründeten Ganztags- und Sekundarschulen.

Wie schafft es zum Beispiel das Land Sachsen, das hinter Bayern auf Platz 2 liegt, die sozialen Unterschiede am besten von allen zu nivellieren? Wie kommt es, dass sich auch der Migrantenanteil ganz unterschiedlich auswirkt?

Der IQB-Leistungsvergleich zeigt, dass zwar die Grundprobleme überall ähnlich sind. Aber die Bedingungen sind es eben nicht. So untersuchten die Forscher zum Beispiel erstmalig 17 Großstädte mit mehr als 300.000 Einwohnern. In allen Testbereichen liegen diese Städte unter dem Bundesdurchschnitt – auch wegen ihrer sozialen Probleme. Aber eben doch nicht ganz so weit wie die Stadtstaaten.

Bundesweit schneiden vor allem Migrantenkinder schlecht ab, deren Eltern beide im Ausland geboren sind. Allerdings bringen sie in Berlin schlechtere Leistungen als etwa in Nordrhein-Westfalen. Und erstaunlicherweise ist Hessen im Bundesvergleich fast so schlecht wie Berlin.

Nicht wenige Bildungspolitiker fragen sich angesichts dieser Widersprüche, was der IQB-Ländervergleich überhaupt aussagt. „Welchen Sinn hat es, wenn die Vergleiche immer wieder zeigen, dass dieselben Bundesländer an der Spitze stehen und dieselben Länder am Ende?“ fragt Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Auch mehr als zehn Jahre nach Pisa könne niemand sagen, warum das so ist. Sie fordert, endlich „wirtschaftlich und soziokulturell ähnliche Räume“ zu untersuchen, statt Länder zu vergleichen.

Einige Ansatzpunkte gibt die Studie dennoch. So ergab eine Lehrerbefragung im Rahmen der Studie, dass sich Lehrkräfte ganz gezielt Fortbildungen wünschen, und zwar zu den Problemen, die in der Studie im Mittelpunkt stehen: zur Förderung lernschwacher Schüler, zum Umgang mit verschiedenen Voraussetzungen und zur Integration von Schülern mit sonderpädagogischem Bedarf. Gerade hier sind die Bildungsangebote schwach.

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