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Schule Medienmündigkeit ist nicht das Ziel

Digitale Bildung ist ein Programm der Gegenaufklärung. Man diffamiert Kritiker als „Bedenkenträger“ - ein Schimpfwort derer, die lieber handeln als nachzudenken. Ein Gastbeitrag von Nils B. Schulz.

Digitalisierung in der Schule
Es werden konzeptionslos Digital-Klassen eingerichet – anstatt Schüler über informationelle Selbstbestimmung aufzuklären. Foto: dpa

Strahlende Grundschulkinder, die sich mit dem kleinen Calliope-Mini-Computer verspielt ein Auge zuhalten: Dieses Bild ziert nicht nur die aktuelle Calliope-Website, sondern es geisterte vor einiger Zeit durch viele Tageszeitungen, in denen das Geflecht von IT-Unternehmen, Stiftungen und Politik auch kritisch analysiert wurde. Denn einer der Sponsoren des Calliope-Projekts, das nun Berliner Grundschülern das Programmieren vermitteln soll, ist Google. Digital-Unternehmen wie Google versuchen – so der gemeinnützige Verein „LobbyControl“ – durch finanzielle Unterstützung, Fakten zu schaffen, indem sie eine bestimmte Technologie in den Schulen etablieren, bevor ein politisch-demokratischer Reflexionsprozess stattgefunden hat.

So sei das Calliope-Projekt ein typisches Beispiel für den FDP-Slogan „Digital first. Bedenken second“. Schon vor der letzten Bundestagswahl rieb man sich verstört die Augen. So direkt, so explizit und ohne jede Tarnung tritt die Gegenaufklärung doch im Allgemeinen nicht auf! Anscheinend aber ist die Zeit reif dafür, kritisches Bedenken, welches das Projekt der Aufklärung seit Kant bestimmt, in Frage stellen zu können. 

Es war immer ein Kennzeichen gegenaufklärerischer Bewegungen, bestimmte Doktrinen für alternativlos zu erklären. Man maßt sich an, zu wissen, was richtig und an der Zeit ist. Jetzt ist es die Digitalisierung. Man diffamiert Kritiker als „Bedenkenträger“ – ein Schimpfwort all derer, die lieber gleich handeln, als vorher nachzudenken. 

Dagegen steht das Projekt der Aufklärung seit Kant und Lessing für Selbstdenken, kritisches Prüfen, nachdenkliches Argumentieren. Ein zentraler Begriff des berühmten kantischen Essays „Was ist Aufklärung?“ ist der Begriff der Mündigkeit. Mündig werden, das heißt für Kant: sich von Vor-mündern zu befreien, die einem sagen, was man zu tun hat (etwa sich unbedingt die neueste App herunterzuladen). Der kritische Theoretiker Theodor W. Adorno rückte dann in den 1960er Jahren den Begriff ins Zentrum seiner Pädagogik, der er den Namen „Erziehung zur Mündigkeit“ gab. Adorno verwies – wie zuvor schon Kant – auf den menschlichen Hang zur Selbsttäuschung, auf das „zum Planetarischen erhobene mundus vult decipi, dass die Welt betrogen werden will“. 

Adorno war sich bewusst, dass der Anpassungsdruck, den die kulturindustrielle „Einrichtung der Welt“ auf den Einzelnen ausübt, enorm ist, ja, dass es sehr schwer ist, innerhalb eines hochbeschleunigten Alltags kritische Distanz zu gewinnen. Genau das erkannte er als die Gefahr, in der wir uns befinden. Es ging Adorno um ein „Trotzdem“: Obwohl wir wissen, dass die Bedingungen für ein kritisches Innehalten nicht günstig sind, müssen wir trotzdem Zeit und Ruhe finden, um über Verdinglichungs- und Entfremdungsmechanismen des industriell-technischen Zeitalters nachzudenken. Im Diskurs über die sogenannte Neue Lernkultur tun dies gegenwärtig der Medientheoretiker Ralf Lankau und der Bildungsphilosoph Matthias Burchardt, die nicht nur den vom Bildungsministerium initiierten „Digitalpakt“ kritisch untersuchen, sondern zusammen mit anderen Wissenschaftlern des „Bündnisses für humane Bildung“ das Konzept Adornos wieder aufgreifen. 

Nun heißt es: Erziehung zur Medienmündigkeit. Dieser Begriff wird dem der Medienkompetenz gegenübergestellt. Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur kompetente Bediener medialer Geräte werden, sondern diese reflektiert gebrauchen, was auch einschließt: sie nicht zu gebrauchen – wie Suchmaschinen, die Suchanfragen nicht löschen und Nutzerprofile erstellen, oder Messenger-Dienste, die sensible Personendaten speichern. Nicholas Carr warnte kürzlich in seinem Buch „Abgehängt“ davor, dass aus dem Bediener schnell der Diener wird.

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