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Schule in Frankfurt „Entspannung kommt zu kurz“

Eine Frankfurter Theaterpädagogin hat ein Achtsamkeitstraining für Grundschüler entwickelt - mit Übungen zur Körperwahrnehmung.

Schulbücher
Wer kann schleichen oder fauchen wie ein Tiger?

Im Unterricht 45 Minuten lang stillzusitzen – das ist für Kinder oft extrem anstrengend. Und das lange Sitzen schafft auch nicht gerade eine dem Lernen förderliche Atmosphäre. Hinzu kommt, „dass die Konzentrationsspanne bei vielen Kinder abgenommen hat und sie sich schnell ablenken lassen. Zudem haben viele Bewegungsdefizite. Der Einfluss von Handy und Fernsehen ist stärker spürbar als früher“, sagt Stephanie Vortisch aus Frankfurt, die seit 30 Jahren als Theaterpädagogin an Schulen arbeitet.

Ihre Erfahrung, mit Wahrnehmungsübungen das Bewusstsein und Konzentration auch schon in jungen Jahren zu schärfen, vor allem aber die Fähigkeit zu trainieren, ganz gezielt entspannen zu können, hat sie nun genutzt, um für Lehrer an Grundschulen zwei verschiedene Kartensets mit kurzen, einfachen Übungen zu entwickeln. Mal zwischendurch den Kopf freipusten, das scheint dringend geboten: „Kinder müssen im Schulalltag, aber auch schon in der Kita extrem viel bewältigen. Eine Kultur der Ruhe ist in unserer gesamten Gesellschaft nicht verankert“, betont Vortisch, die auch zur Yogalehrerin ausgebildet ist. „Entspannung kommt oft zu kurz, denn bereits Kinder müssen in unserer Gesellschaft funktionieren.“

Eine bewährte Technik etwa bei der Körperarbeit im Schauspielbereich ist, mit inneren Bildern zu arbeiten. Sich vorzustellen, ein Adler, Affe, Wolf oder Faultier zu sein, „das lieben Kinder besonders. Ob extrovertiert oder schüchtern, alle machen gern mit“, berichtet Vortisch. Die von ihr entwickelten Bild-Aktionskarten beziehen sich auf fünf Bilderbücher, darunter auf das Buch „Augen zu, kleiner Tiger!“. Darin geht es um die Mutter-Kind-Beziehung und um Probleme beim Einschlafen, „die jedes Kind kennt“. Als Identifikationsfigur funktioniere der kleine Tiger im Grunde sogar bei den „Grundschulkindern, die die Geschichte gar nicht kennen“.

Bewusst ihre Stimme einsetzen können Kinder etwa bei der Nachahmung von Tigerlauten; nacheinander maunzen, fauchen, knurren oder brüllen sie – begleitet von gezielter Ein- und Ausatmung. Auch das Körpergefühl kann trainiert werden, indem man im Vierfüßlerstand in die Hände, Knie und Fußzehen auf dem Boden hineinspürt. Die kleinen Tiger dürfen auch entspannen und loslassen, indem sie etwa einen Luftballon umarmen und sich vorstellen, es handele sich dabei um eine Wolke. Stephanie Vortisch gibt lächelnd zu, viele ihrer Übungen hätte sie als Kind selbst gern ausprobiert.

„Kinder sind so neugierig, sie lernen gern.“ Sogar Schaukeln, was im Unterricht nicht gern gesehen wird, ist gut für die Kinder. „Auch Zappeln ist förderlich für die Faszien.“ Diese Impulse greift die Diplompädagogin auf, beispielsweise mit dem „Schüttelbaum“.

Es gibt so viele Möglichkeiten, Erschöpfung oder Aufregung nach einem Konflikt mit Freunden zu begegnen: sich mit einem imaginären Pinsel durch den Raum bewegen und ein großes Bild malen, alle Sinne im Lieblingssitz erleben, sich wie ein Faultier träge über den Stuhl hängen lassen, ausgiebig seufzen, selbst zu einem Teilchen im Körperpuzzle der ganzen Gruppe werden oder sich ineinander verknoten. „Die Spannung zu halten und dabei zu atmen, kann körperlich anstrengend sein.“

Stephanie Vortisch, die in Marburg Erziehungswissenschaften studiert hat, arbeitet mit einem ganzheitlichen Ansatz, sie will mit den Übungen die fünf angeborenen Grundkompetenzen eines jeden Menschen ansprechen, die der neuroaffektiven Entwicklungspsychologie zufolge in Wechselwirkung miteinander stehen: Körper, Atmung, Herz (Gefühle und Empathie), Bewusstsein und Kreativität (innere Impulse etwa für Bewegung, im Ausdruck oder in der Spache) sind Ressourcen, auf die sich schon Kinder besinnen sollte.

„Auch wenn Kinder viele der Übungen sowieso von selbst im Alltag machen, haben sie eine andere Qualität, wenn dazu noch die Bewusstmachung und Reflexion hinzukommen“, sagt Vortisch. Manche Kindern springen sofort darauf an – ihnen falle es sehr leicht, bei anderen dauere es etwas länger.

Prinzipiell empfiehlt die Autorin jeden Tag eine der „50 Übungen für frischen Grundschulunterricht“ zu machen und diese auch immer mal wieder zu wiederholen. „Das fordern die Kinder sowieso ein.“ Schließlich erleben Schüler die Übungen jedes Mal anders oder ihnen fallen andere Dinge auf, wenn sie beispielsweise mit Adlerschwingen durch das Klassenzimmer fliegen und dabei ihre Schulkameraden beobachten, wie die sich fortbewegen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Frankfurt

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