Lade Inhalte...

Schule Im Schlaf lernen

Bundesweit wird gerade mal wieder diskutiert, wann die Schule morgens beginnen sollte: Bloß nicht zu früh, warnt Bildungsforscher Peter Struck.

Schulkinder
Nur wer gut schläft, erzielt auch in der Schule die besseren Ergebnisse. Foto: dpa

Seit dem Pisa-Schock vor 17 Jahren wird immer wieder und mit immer neuen Aspekten zu ermitteln getrachtet, wie sich die schulischen Leistungen unserer jungen Menschen verbessern lassen. Da gibt es Studien darüber, welchen Einfluss die Klassenfrequenzen, die Sitzordnungen, die unterschiedliche Länge der Unterrichtsphasen je nach Fach, die Ausstattung der Klassenräume und sogar die Farben im Schulgebäude und im Unterrichtsraum sowohl auf die Motivation als auch auf die Lernergebnisse haben. 

Und dabei kommen Wissenschaftler dann zu Schlüssen von der Art, dass ein jahrgangsübergreifendes Lernen mehr Erfolge bringt als die Unterbringung nach Geburtsjahrgängen und dass die Ernährung einen immens großen Einfluss auf die Optimierung des Wissens und des Könnens der Schüler hat.

Frontalunterricht erhöht Risiko einer Erkrankung

So hat gerade eine gemeinsame Studie der Hochschule Fulda, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Hertie School of Governance in Berlin über die Auswirkung des Klassenklimas auf die Gesundheit der Schüler ergeben, dass Frontalunterricht Siebtklässler doppelt so häufig krank macht wie Formen des selbstständigen Lernens und die Arbeit in Kleingruppen. Das macht die Anhänger des neuseeländischen Pädagogen John Hattie gewiss traurig, denn er kam ja zu dem Ergebnis, dass ein lehrerzentriertes Vorgehen zu besseren Lernergebissen führt.

Und nun ist zum wiederholten Male die Frage bundesweit aufgeworfen worden, welchen Einfluss der allmorgendliche Schulbeginn auf die Bildungsergebnisse einer Schule hat. So haben die Grünen im Landtag Schleswig-Holsteins, die ja dort auch in der Regierung sitzen, den Antrag gestellt, Schulen statt um 8 Uhr um 9 Uhr beginnen zu lassen, und die Grünen Hamburgs überlegen ebenso wie die FDP der Hansestadt Ähnliches.

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) ist allerdings gegen eine Änderung der bisherigen Praxis. Er sagt: „Ich bin jetzt seit sieben Jahren im Amt, und nun ist es das dritte Mal, dass diese Diskussion über mich kommt.“ Rabe sieht Nachteile vor allem für Eltern, die vor 9 Uhr am Arbeitsplatz sein müssen.  

Positive Erfahrungen in Hamburg 

Folgt man jedoch den vielen Schulen in Deutschland, die später mit dem Unterricht beginnen oder sogar den Einsichten der Schlaf- und Hirnforscher, die sich mit optimalen Biorhythmen befassen, erweist sich sein Argument als viel zu vordergründig: Eines der allerbesten Hamburger Gymnasien, die Helene-Lange-Schule im Stadtteil Harvestehude, beginnt schon seit langem morgens um 8.55 Uhr. Der Schulleiter berichtet von einem ruhigeren Ankommen seiner Schüler, die nun auch vor Unterrichtsbeginn miteinander kommunizieren können, von wesentlich entspannteren Gesichtern und von gestiegenen Leistungen, die aber auch etwas mit dem Rhythmus der Unterrichtspausen zu tun haben – denn Pausen haben nach Einschätzung der Hirnforscher immer ein Optimum von zehn Minuten. 

Mittags, wenn es um die Ernährung geht, aber auch um Bewegung, wird der Unterricht um 50 Minuten unterbrochen, was ohnehin kein Problem mehr ist, seitdem die Hamburger Schulen Ganztagsschulen sind. Ähnlich gute Erfahrungen hat das Hamburger Gymnasium Marienthal im Bezirk Wandsbek gemacht, das morgens allerdings schon um 8.30 Uhr startet. Vor allem die Eltern und diejenigen Lehrkräfte, die selber Kinder haben, berichten immer wieder von einer erheblichen Stressreduktion. 

Wichtige zweite Tiefschlafphase erst am Morgen 

Wichtiger ist aber, was renommierte Schlafforscher wie Jürgen Zulley uns dazu sagen: Tagsüber können Menschen Einzelheiten lernen, jedoch das Begreifen, das Verstehen von Zusammenhängen, ereignet sich vor allem in den beiden nächtlichen Tiefschlafphasen. Die erste Phase liegt kurz nach dem Einschlafen und die zweite kurz vor dem Aufwachen am Morgen. 

Bei Jugendlichen von etwa 14 Jahren an aufwärts (bis etwa zum 23. Lebensjahr) beginnt die zweite Tiefschlafphase gegen 6.30 Uhr morgens und reicht bis etwa 8 Uhr. Wenn nun allerdings Jugendliche durch den Wecker oder durch Mama um 6.30 Uhr geweckt werden, weil die Schule bereits um 8 Uhr beginnt, raubt man ihnen die für das verstehende Lernen so wichtige zweite Tiefschlafphase, so dass sie über die Woche hinweg so etwas wie einen immer schlimmer werdenden „Jetlag“ vor sich herschieben, mit dem Resultat, dass sie freitags viel weniger in der Schule zu lernen vermögen als montags, nachdem sie am Wochenende ausschlafen konnten. Mit dieser Einsicht verbieten sich übrigens ganz besonders die immer noch hier und da durchgeführten „Frühstunden“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen