Lade Inhalte...

Schule Das Absurde kann Lehrer und Schüler verbinden

Man sollte Kinder nicht verwirren? Doch, denn Irritationen fördern das Lernen. Der Gastbeitrag.

Klassenclown
Man braucht nicht unbedingt eine rote Nase, um Kinder zum Lachen zu bringen. Foto: epd

Kinder lachen eher, häufiger, länger und lauter als Erwachsene. Ein Erwachsener lacht im Schnitt 17 Mal am Tag, ein Kind 400 Mal, das ist fast 24 Mal so viel. Mit Heiterkeit steigern sie nicht nur ihr Lebensgefühl, sondern oft auch ihre Anerkennung in der Gruppe, deshalb werden manche Kinder auch Klassenclowns. Was für Erwachsene albern klingen mag, kann für Kids durchaus witzig sein, auf jeden Fall fördert Lachen immer den Ausstoß von Endorphinen in ihrem Gehirn, mit denen Glücksgefühle wachsen, Optimismus gefördert und Gesundheit gesteigert werden.

Lachen ist gesund, und deshalb sollten wir uns freuen, wenn Kinder lachen, wenn sie heiter und ausgelassen sind, solange ihr Humor nicht in Form von Auslachen auf Kosten anderer geht. Bevor wir gleich tiefer in die Materie einsteigen, hier drei Erkenntnisse aus der jüngeren Forschung über das Lachen:

- Keineswegs lachen nur Menschen, Schimpansen und sogar Ratten können das auch.

- Mädchen und Frauen lachen messbar häufiger als Jungen und Männer.

- Verhaltensschwierige Kinder lassen sich schwerer vom Lachen anstecken als andere.

Lachen steht auch für Frohsinn. Und Frohsinn ist ein Stressregulator, er sorgt für eine stimmiges inneres Gleichgewicht, das ja weniger Ausgelassensein als vielmehr Ausgeglichenheit bedeutet. Gerade ergab eine Umfrage, dass aus der Sicht von Erwachsenen 60 Prozent der von Kindern geschaffenen Humorszenen bedenklich oder gar negativ seien, aus der Sicht der Kinder selbst sind es jedoch nur 30 Prozent. Beispiel: Wenn ein Elfjähriger zu einem anderen Elfjährigen, von dem er gerade gelinkt wurde, „Du Schweinearsch“ sagt, rümpfen erwachsene Zeugen die Nase, der so titulierte Elfjährige freut sich aber diebisch über seinen eigenen gelungenen Coup – und zusätzlich noch über die   Reaktion des Freundes.

Sigmund Freud hat den Humor einmal als Prinzip der Leidersparnis bezeichnet, und dabei kommt es nicht darauf an, ob etwas objektiv gesehen Humor ist, sondern nur darauf, wie das Gegenüber empfindet. 

Humor ist ein Abenteuer, zu dem – mutmaßlich – kein einziges Tier, sondern nur der Mensch fähig ist. Mit Humor zeigen sich Kinder und Jugendliche also als Menschen. Gönnen wir ihnen das, lachen wir mit! Denn Erwachsene, die noch viel lachen können, haben sich ein gutes Stück ihrer Kindheit bewahrt. Humor wird übrigens nicht vererbt, sondern – wie eine britische Studie ergeben hat – erlernt. Das erklärt, warum der Sinn für Humor zwischen den einzelnen Völkern und Religionen so unterschiedlich ist.

Lachen ist für alle Menschen wichtig, aber ganz besonders für Kinder. Es hat viel mit Intelligenz, mit Kreativität und mit dem Ausprobieren von Grenzüberschreitungen zu tun. Das Unwirkliche, das Absurde, das Paradoxe, das abseits vom Normalen Stehende, die Fantasie, aber auch das Pech, das jemand hat, sind im Allgemeinen die Anlässe zum Lachen. Am Humor wächst der Intellekt des Kindes, das Lachen erweitert seinen Lebenshorizont. Lachen begünstigt aber auch menschliche Beziehungen sowie eine gute Atmosphäre, solange es kein Auslachen ist.

Psychologen empfehlen Lehrkräften, aber auch Eltern, mindestens 20 Minuten täglich mit Kindern zu lachen. Lachen bringt nämlich vorwärts und ummantelt selbst Ernstes mit einem Hauch von Leichtigkeit. Kein Wunder ist daher, dass bei den Aspekten, die Lehrkräfte aus der Sicht der Schüler beliebt machen, der Humor obenan steht und noch vor der Fachkompetenz, der methodischen Kompetenz und dem Aussehen rangiert.

Sonderschullehrer arbeiten übrigens gern und in der Regel erfolgreich mit dem, was man „paradoxe Intervention“ nennt. Sie ist so etwas wie ein Geheimrezept, um mit einem schwierigen Kind oder in einer konkreten, scheinbar ausweglosen Krise weiter zu kommen. Die paradoxe Intervention verbindet den Erwachsenen über Absurdes mit dem Kind, aber das Absurde muss dabei dem Kind bewusst sein. Drei Beispiele:

- Drei Mädchen stehen in der Pause auf dem Schulhof zusammen. Der Lehrer stürzt mit ausgestrecktem Finger und bösen Blick auf eines der Mädchen zu und ruft: „Ich weiß, dass Du das warst“. Erschrocken fragt das Mädchen zurück: „Was war ich?“ Antwort des Lehrers: „Das weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, dass Du das warst“. Daraufhin löst sich die Situation bei allen vier Beteiligten mit einem gemeinsamen Lachen auf, und alle sind danach ein wenig heiterer gestimmt als zuvor.

- Vier Mädchen und drei Jungen im Alter von zehn Jahren stehen vor einem Unterrichtsraum. Der Lehrer kommt und sagt zu den drei Jungen: „Heute lassen wir die Mädchen mal draußen, weil die blöd sind.“ Zustimmender Jubel bei den Jungen und Empörung bei den Mädchen ist die Folge, bis dann alle acht beteiligten Personen lachend den Raum betreten, denn der Lehrer hatte mit einem Lächeln verraten, dass sein Satz nicht ernst gemeint war. Die Grundstimmung ist nun gut, und die folgenden 45 Minuten vermögen sehr ergiebig zu werden.

- Ein neunjähriger Junge sitzt unmotiviert vor den Rechenaufgaben auf dem Bildschirm eines Computers, obwohl der Lehrer sie so ausgewählt hat, dass er sie lösen könnte. Darauf der Lehrer: „Das hätte ich mir denken können, Du bist wohl noch zu klein, um solche Aufgaben lösen zu können.“ Darauf der Knabe: „Ich bin nicht zu klein, ich kann solche Aufgaben lösen“. Der Lehrer setzt noch einen drauf, indem er erwidert: „Das glaube ich nicht“. Und schon löst der Junge die Aufgaben in Rekordgeschwindigkeit. Die paradoxe Intervention hatte den Neunjährigen an seiner Ehre gepackt; funktioniert hat sie aber nur, weil der Lehrer sie mit einem verschmitzten Lächeln vorgetragen hat, das von dem Jungen ebenfalls mit einem Lächeln beantwortet wurde. 

Das gemeinsame Lächeln von Lehrer und Schüler wurde auf diese Weise zu einem gemeinsamen Nenner für beide, es verband im Wissen um das Falsche in der Lehreraussage. So verletzte die Falschaussage den Jungen nicht, im Gegenteil, sie spornte ihn an. 

Wenn alle deutschen Lehrkräfte und Eltern diesbezüglich flexibler wären, würde vieles in der Erziehung einfacher werden. Denn die Hirnforscher sagen uns: Verwirrungen sind das Lernfördernste, was es gibt; erst das Verdeutlichen von Gegensätzen macht das Hirn flexibel; wir sprechen dabei von Mentalisierung. 

Übrigens sind es zumal die Großväter mit ihrer Lebenserfahrung, Gelassenheit, taktischen Kompetenz, Muße und Weisheit, die am häufigsten zum Mittel der paradoxen Intervention greifen, um ihre Enkel zu erreichen.

Sigmund Freud sagte einmal: „Der Mensch ist nur da Mensch, wo er zugleich auch spielt. Für Kinder ist Humor durchaus ein Spielzeug.“

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag ist sein Werk „Das Erziehungsbuch“ erschienen. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen