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Schüler zu Wochenbeginn Das Montags-Syndrom

Allzu oft sind Kinder zu Beginn der Schulwoche unkonzentriert. Das verlangt Lehrern viel ab. Ein Gastbeitrag.

Neues Schuljahr in Schleswig-Holstein
Sind die Wochenenddefizite bei Kindern zu groß, fällt das Lernen zum Wochenstart schwer. Foto: dpa

Kinder können sich an Konzentrationsschwäche und ein geringes Durchhaltevermögen durchaus gewöhnen, wenn man ihnen stets bei der kleinsten Schwierigkeit alles abnimmt, wenn man ihnen nie längere Phasen von Konzentration und Durchhalten zumutet. Zum Spielen – und zwar auch zum Alleinspielen – haben fast alle Kinder viel Lust. Sie testen dabei nicht nur Materialien, Grenzen, Farben und Formen aus, sondern üben dabei immer auch Konzentration und Ausdauer. 

Maria Montessori, die italienische Kinderärztin, hat die hohe Bedeutung des kindlichen Spiels für das scheinbar grenzenlose Vertiefen in eine Sache, in einen Zusammenhang, als Erste erkannt. Ihr zu Ehren bezeichnet man es heute noch als „Montessori-Effekt“, wenn Kinder unablenkbar ganz und gar in ihr Spiel versunken sind, so dass sie nicht einmal bemerken, dass ihre Mutter sie zum Essen ruft. Sie sind so in ihr Spiel vertieft, dass sie keine Geräusche mehr um sich herum wahrnehmen und dass sie sogar ihr Hunger- und Zeitgefühl einbüßen.

Alles, was Kinder gern tun, tun sie mit großer Konzentration und Ausdauer. Wer das Organisieren von Lerntugenden mit Motivation statt mit Angst und Langeweile zu verknüpfen versteht, fördert zugleich auch immer Konzentration und Ausdauer – und über die Gewöhnung daran vermag das Kind schließlich auch nicht so Interessantes durchzustehen. 

Freilich gibt es Kinder, denen die Aufmerksamkeit schwerer fällt als anderen, weil sie infolge einer neurologischen Besonderheit, die wir Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndrom nennen, leichter ablenkbar sind. Sie haben übersensible Hör-Nerven, mit denen sie auch entfernte leise Geräusche wahrnehmen. Solche Kinder registrieren jedes Stühlerücken, jedes Zuschlagen eines Buches, jedes Räuspern und jedes Hinunterfallen eines Zettels ganz deutlich, und während sie in einer großen Gruppe von Menschen vor lauter Nebengeräuschen kaum dem Unterricht folgen können, sind sie im Einzelunterricht oft sehr pflegeleicht, zumal sie im Schnitt auch intelligenter sind. 

Es gibt aber eben auch Kinder, deren Konzentrationsfähigkeit und deren Ausdauer erst nach der Geburt erzieherisch beeinträchtigt wird, etwa durch falsche Ernährung, durch Bewegungsmangel, durch Reizüberflutung, durch den Mangel an Umgang mit verschiedenen Materialien, Farben, Formen, Kräften und Geschwindigkeiten, also durch das, was wir ein sinnesgeschwächt aufwachsendes Kind nennen, oder durch ständige dramatische Familienereignisse. Wenn ein Kind in Bezug auf seine Sinnesentwicklung nicht ausgeglichen aufwachsen darf, also was mit jeweils mittlerer Dosierung die Bilanz von Liebe – auch liebevoller Väterlichkeit –, Zeit, Ansprache, Redendürfen, Zuhören, Kräfteentwicklung, Grenzerfahrungen, Weltbildaufbau, Spiel, Schlaf, Muße und Körperkontakt anbelangt, dann vermag es sich nur schlecht zu konzentrieren und durchzuhalten. Zumal, wenn es sich an asketische Phasen noch nicht gewöhnen durfte. 

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