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Schreibaby Studie empfiehlt gezielt Hilfe für Eltern

Schreibabys können den Traum junger Eltern von einer harmonischen Familie schnell platzen lassen. Was den Kleinen fehlt, ist oft unklar. Erstmals wertet eine Studie nun verschiedene Therapieansetze aus.

16.02.2013 16:12
Birgitta vom Lehn
Schreien kräftigt die Lunge, hieß es früher. Das gilt aber nicht für Dauergebrüll. Foto: Reuters/David Mdzinarishvili

Die Wiege steht parat, die Spieluhr mit der Einschlafmelodie wartet auf ihren Einsatz. Und dann das: Statt den Eltern das liebevoll eingerichtete Nest mit ausgiebigem Schlaf zu danken, schreit das kleine Wesen praktisch pausenlos und immer wieder. Frust statt Freude kehrt in den Alltag mit dem Neugeborenen ein, aus dem niedlichen Wonneproppen wird eine Nervensäge, die das Familienleben ernsthaft auf die Probe stellt.

Schlimmstenfalls führt „exzessives Schreien im Säuglingsalter“, wie Fachleute es nennen, zur Kindeswohlgefährdung. „Schätzungsweise 100 bis 200 Kinder pro Jahr sterben durch ein Schütteltrauma“, sagt der Münchner Medizinsoziologe Dieter Korczak.

Auch deshalb widmen Forscher dem Thema immer wieder Aufmerksamkeit, selbst wenn in den allermeisten Fällen das Schreien irgendwann von selbst aufhört. Zum einen suchen die Experten nach Ursachen im Magen-Darm-Trakt („Koliken“), zum anderen machen sie „Regulationsstörungen“ im Bereich der Eltern-Kind-Beziehung verantwortlich. So leiten sich auch die unterschiedlichen Behandlungsempfehlungen ab, von Akupunktur über Heilkräuter und Chiropraktik bis zu Psychotherapie.

Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) in Köln hat nun erstmals einen Überblick veröffentlicht, wie wirksam und effizient die einzelnen Maßnahmen tatsächlich sind. Dafür überprüften Korczak und sein Team insgesamt 22 wissenschaftliche Studien – allein zehn stammten aus dem anglo-amerikanischen Raum, nur eine aus Deutschland. Obwohl fast alle Mängel aufwiesen und ihre Ergebnisse deshalb nur mit Vorsicht zu genießen sind, wagen die Autoren ein paar Empfehlungen: Bei Drei-Monats-Koliken – höchstens jedes zehnte Schreikind leidet darunter – wirken „gezielte orale Interventionen mit Fenchel(samen), hydrolisierter Kost oder minimaler Akupunktur“. Doch bevor man von Muttermilch auf Fläschchenkost umstellt, sollten pflanzliche Tinkturen versucht werden.

Allerdings sei auch nicht auszuschließen, räumen die Autoren ein, dass der sogenannte „Hawthorne-Effekt“ für die positive Wirkung der oralen Maßnahmen verantwortlich sei: Die Eltern könnten allein aufgrund der ihnen zuteilgewordenen Aufmerksamkeit als Studienteilnehmer gelassener und entspannter geworden sein, was sich positiv auf die Eltern-Kind-Beziehung ausgewirkt habe.

Empfehlungen der Experten

So empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie nur in wirklich schweren Fällen wie Durchfall oder Blutarmut und bei genetischer Veranlagung, eine Allergiediagnostik zu machen. Dass echte Koliken nur selten für das Schreien verantwortlich sind, lässt sich auch daran ablesen, dass die betroffenen Säuglinge ihre Schmerzmimik bevorzugt vor und nicht nach den Mahlzeiten zeigen.

Der Großteil der Schreibabys ist deshalb nicht körperlich zu kurieren. Stattdessen reduzieren verhaltenstherapeutische Maßnahmen das exzessive Schreien dann meist effektiv, betonen die Autoren. Ob sogenannte „Schreiambulanzen“ helfen, weiß man allerdings nicht, dazu fehlen Daten. Das Gleiche gilt für Angaben zu Kosten und Nutzen solcher Behandlungen. Ein englischer Bericht bezieht sich nur auf das dortige Gesundheitssystem, ist aber nicht auf deutsche Verhältnisse übertragbar.

Festzuhalten bleibe, so die Autoren, dass die Versorgung und der Zugang zur Versorgung von Schreikindern und ihren Eltern in Deutschland „nicht entsprechend dem geschätzten Bedarf gewährleistet“ seien.

Als wirkungsvoll erweisen sich Behandlungen zudem immer nur dann, wenn eine persönliche Beratung oder Unterstützung erfolgt. „Anonyme Aufklärungskampagnen verpuffen, das kennen wir auch aus anderen Bereichen wie Alkohol bei Jugendlichen“, sagt Korczak. Eltern sollten stattdessen niedrigschwellige Angebote zu Entwicklungsberatung, Beruhigungstechniken, Strukturierung des Tagesablaufs und Reizreduzierung erhalten.

Während „bildungsaffine“ Eltern den Weg in die Schreiambulanzen meist von selber finden, sei dies bei sozial benachteiligten und bildungsungewohnten Eltern kaum der Fall. Korczak findet es deshalb sehr schade, dass sich das Bremer Modell der Familienhebamme, die sich vor und nach der Geburt intensiv um die Familie kümmert, nicht durchsetzen konnte.

Neben Korczaks Rat, die Familienhebamme wiederzubeleben, empfehlen die Autoren, künftig auch zu überprüfen, inwieweit „ursprüngliche Basismodelle der Betreuung“ das exzessive Schreien reduzieren können. Dazu zählt häufiger Körperkontakt am Tag und in der Nacht, häufigeres Stillen und späteres Abstillen. „Es gibt Hinweise auf ethnologische Unterschiede, die bislang aber wissenschaftlich nicht fundiert sind“, so Korczak.

Vor „schnellen Ratschlägen“ an betroffene Eltern warnt indes Jutta Kunde-Trommer, psychologische Psychotherapeutin am Kinderzentrum Maulbronn. Entgegen der Dimdi-Studie handle es sich bei Schreikindern, die in die Maulbronner Ambulanz kommen, „sehr häufig“ um Erstgeborene. Auch Frühgeborene seien überdurchschnittlich oft betroffen. Bei den Eltern dominieren ihrer Erfahrung nach sehr junge Eltern und Alleinerziehende.

Günstiges soziales Netz

„Migrantenkinder trifft es eher selten. Da sorgt vermutlich die Großfamilie noch für genügend Entlastung“, meint Jutta Kunde-Trommer. Das Hauptproblem vieler Eltern sei heute, isoliert zu leben und alles perfekt machen zu wollen. „Die Großeltern sind häufig noch berufstätig, und oft fehlt das soziale Netz in der Stadt, vor allem, wenn man gerade zugezogen ist.“

Viele hätten zudem unrealistische Erwartungen. Je schneller Eltern wieder in den Beruf müssten, desto höher sei der Druck, dass das Kind durchschlafe. „Ein Kind schläft aber nicht so schnell durch, auch wenn das immer wieder anders propagiert wird.“

Die Ärztin bemängelt, dass Sondersituationen wie Früh- oder Mehrlingsgeburten vom Gesetzgeber nicht anders behandelt würden als normale Einkindgeburten. „Eigentlich müsste es das Elterngeld bei Zwillingen doch doppelt geben, genau wie den Anspruch auf Elternzeit.“ Stattdessen werde „nur die Schere aufgemacht“ und die „anstrengende Sondersituation nicht berücksichtigt“. Dabei bräuchten gerade solche Kinder eine andere Betreuung, in der Krippe seien die meisten überfordert.

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