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Schlörwagen Windschnittigstes Auto verschollen

Göttinger Wissenschaftler haben das Geheimnis gelüftet, mit dem der bislang beste CW-Wert eines Autos erreicht wurde - schon 1939.

06.05.2009 12:05
Kerstin Holzheimer
Das "Göttinger Ei" wurde 1939 auf der Autobahn getestet. Foto: DLR

Göttingen. Göttinger Wissenschaftler haben das Geheimnis gelüftet, mit dem der bislang beste CW-Wert eines Autos erreicht wurde - schon 1939. Davon können heutige Autokonstrukteure nur träumen. Der deutsche Ingenieur Karl Schlör konstruierte den nach ihm benannten Wagen extrem windschlüpfrig.

Er erreichte sein Hauptziel: Das Auto würde nur wenig Benzin verbrauchen, denn der dafür so wichtige Strömungswiderstandskoefficient (CW-Wert) lag bei nur 0,186. Die Windschlüpfigkeit des sogenannten Schlörwagens bleibt damit bis heute unerreicht. Moderne Autos haben 0,3 bis 0,4 CW.

Messen musste sich der Schlörwagen dabei bei den ersten Testfahrten mit einem Serienmodell des Mercedes 170H, der 105 Kilometer pro Stunde schaffte. Den ließ der Stromlinienwagen mit 134 bis 136 Stundenkilometern locker hinter sich.

Auch der Verbrauch lag niedriger: Auf 100 Kilometer acht Liter schluckte der Schlörwagen - das Serienmodell hingegen zehn bis zwölf Liter - eine Reduzierung um 20 bis 34 Prozent.

Das "Göttinger Ei" sorgte damit 1939 auf der IAA in Berlin für Furore. Besonderes Aufsehen erregte der Wagen in Göttingen bei einer ungewöhnlichen Testfahrt: 1943 wurde zusätzlich ein Propeller auf dem Auto installiert, der daraufhin mit 130 Pferdestärken angetrieben werden konnte.

Das Experimentalauto des deutschen Ingenieurs Karl Schlör (1911-1997) könnte noch heute auf einer Automesse Furore machen und das Straßenbild prägen - wenn es seit Kriegsende nicht verschollen wäre.

Geheimnis der Stromlinie gelüftet

Jetzt haben Wissenschaftler vom DLR-Institut für Strömungstechnik den Schlörwagen wieder im Windkanal getestet - mit einem Modell des Schlörwagens. Der Göttinger Strömungsforscher Sigfried Loose griff dabei das Experiment von 1939 in der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen (Vorgänger des DLR) auf.

Mit einem High-Tech-Ölanstrich versehen, landete das Modell im Maßstab 1:5 im Windkanal. Das sollte helfen, den Strömungsverlauf darzustellen, wie das DLR erklärt. Mit einem Laser wurde die Strömung per Blitz sichtbar gemacht. 1939 wurde noch Rauch benutzt, um die Strömung zu messen.

Doch nicht etwa die Bestätigung des niedrigen CW-Werts war Ziel der Forscher, sondern dessen Ursache: Wie hatte es Schlör geschafft, den Wagen so perfekt zu tunen?

Der Erfinder dachte dabei gar nicht an hohe Geschwindigkeiten, sondern hatte ganz moderne Vorstellungen: Besonders niedriger Verbrauch und Platz für die ganze Familie.

Unter anderem orientierte er sich dabei an Flugzeugtragflächen, die bereits in den Göttinger Windkanälen entwickelt worden waren. Heraus kam das "Göttinger Ei" - dessen Design allerdings nicht alltagstauglich schien. "Das Design empfinden viele einfach als hässlich", erklärt Strömungsforscher Loose vom DLR.

Das tut der Begeisterung für die erstaunlich konsequent umgesetzten Erkenntnisse zur Aerodynamik keinen Abbruch: Die Strömung schmiegt sich eng an das Modell an - Verwirbelungen, die das Auto bremsen würden, fanden die heutigen Forscher nicht.

"Als geradezu ideal erwies sich das lang hinuntergezogene Heck: Hier zeigte sich keinerlei Luftrückströmung, die bei den meisten Autos für erhöhten Luftwiderstand sorgt", sagt der Aerodynamik-Forscher Loose. Dazu wurde der Boden des Fahrzeugs geschlossen und die Fenster schlossen bündig mit der Außenhaut.

Dafür wurde der Schlörwagen trotz Aluminium-Karosserie jedoch auch rund 250 Kilo schwerer als das Serienmodell Mercedes 170H.

Zwei Probleme hatte der Schlörwagen außerdem: Eine Breite von 2,10 - das war nötig, um die Vorderräder innerhalb der Karosserie laufen zu lassen - und Mängel bei der Fahrsicherheit.

"Fahrdynamisch war der Schlörwagen eine Katastrophe. Er war nicht nur sehr schwer fahrbar, stärkerer Seitenwind hätte das Fahrzeug von der Straße gefegt", mutmaßt Loose. Heute könnte dieses Problem von elektronischen Helfern vielleicht gelöst werden. Doch der Prototyp bleibt verschwunden und wird mal in England und mal in Göttingen vermutet.

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