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Rumänien Der bedrohte Urwald

Einer der letzten Urwälder in Europa ist bedroht. Jetzt kämpfen Aktivisten von Greenpeace in Rumänien gegen die Abholzung jahrhundertealter Baumriesen.

Ein seltener Anblick in Europa: Doch selbst in Rumänien ist der Urwald nun vom Holzeinschlag bedroht. Foto: Greenpeace

Deutschland hat keinen Urwald mehr. Und auch in Europa gibt es nur wenige Regionen, in denen noch praktisch unberührte Wälder stehen. Eines dieser Gebiete mit jahrhundertealten Baumriesen und hohem Artenreichtum liegt in Rumänien – doch es ist gefährdet, unter anderem durch Unternehmen, die mit illegaler Abholzung dort Profite machen. Die Umweltorganisation Greenpeace versucht nun mit einer Kampagne, zum Schutz der „letzten verbliebenen echten Naturschätze unseres Kontinents“ beizutragen.

Die Fläche in Rumänien, auf denen noch jahrhundertealte Wälder wachsen, wird auf rund 120 000 Hektar geschätzt – das entspricht knapp der anderthalben Fläche Berlins. Darunter finden sich auch einzigartige Buchen-Urwaldgebiete, die von der Unesco als Weltnaturerbe ausgezeichnet werden sollen. Eine vergleichbare Bedeutung haben nur wenige Wälder, etwa der Bialowieza-Urwald, der an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland liegt.

Die politischen Voraussetzungen, die rumänischen Urwälder dauerhaft zu schützen, sind derzeit günstig. Die aktuelle Regierung in Bukarest hat beschlossen, ein nationales Register der verbliebenen Urwälder und naturnahen Wälder („Quasi-Urwälder“) zu erstellen. Diese Flächen sollen dauerhaft vor Holzeinschlag geschützt werden. Seit der letzten Bestandsaufnahme dieser Wälder vor mehr als zehn Jahre ist dort viel Holz eingeschlagen worden.

Ein weiteres Problem: Bei dieser Inventarisierung wurden Greenpeace zufolge nicht alle geeigneten Wälder berücksichtigt, sondern teilweise „systematisch ignoriert, da es großes Interesse seitens der Holznutzer gab und gibt, möglichst viel Wald forstlich nutzen zu können“. Korruption und mangelnde Kontrollen haben zu einem groß angelegten Raubbau an den verbliebenen Wäldern geführt, die Heimat von mehr als 3000 Tierarten und der größten Braunbär-Population Europas sind.

Die amtierende Übergangsregierung von Ministerpräsident Dacian Ciolos, die im November 2015 nach dem durch Korruptionsverdacht ausgelösten Rücktritt des früheren Regierungschefs Victor Ponta ins Amt kam, hat auf dieses Problem reagiert.

Sie beschloss Mitte Juli, dass die verbliebenen Urwälder systematisch identifiziert und dauerhaft erhalten werden sollen. Ausdrücklich rief sie auch die Öffentlichkeit und NGOs auf, Wälder zu melden, die sich für die Aufnahme in den Urwald-Katalog eignen. Und hier schaltete sich jetzt Greenpeace ein.

Drei Wochen lang betrieb die Organisation in den Karpaten eine „Waldschutz-Station“. Insgesamt rund 90 Umwelt-Aktivisten und Freiwillige aus 14 europäischen Ländern beteiligten sich daran, darunter neben Rumänen unter anderen auch Deutsche, Österreicher, Kroaten, Bulgaren und Finnen. Sie kartierten den Bestand der noch intakten Waldflächen, aber auch die teils illegale Zerstörung durch Abholzung und den Bau von Forststraßen, die zu diesem Zweck angelegt worden waren.

Sie vermaßen dazu die Bäume, bestimmten die Baumarten und dokumentierten weitere Urwald-Strukturen – darunter die große Mengen an stehendem und liegendem Totholz. Greenpeace benutzte dabei auch High-Tech. Die Aktivisten gaben die registrierten Daten in GPS-Geräte ein, die genau den jeweiligen Standort erkennen. Das ermöglicht es, die Urwaldflächen auf sehr genauen Karten darzustellen.

Darüber hinaus wertete Greenpeace Satellitenbilder der zwei kartierten Täler aus. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Greenpeace stellte fest, dass dort binnen der letzten zehn Jahre von den vormals 2575 Hektar Urwaldfläche über ein Drittel zerstört worden ist, nämlich 985 Hektar. „Auch der restliche Urwald ist in Gefahr“, sagte Campaignerin Gesche Jürgens der Frankfurter Rundschau, „vor allem durch Straßenbau und Holzeinschlag“ (siehe Interview).

Die Umweltorganisation fordert die rumänische Umweltministerin Cristiana Pasca-Palmer auf, ein Moratorium für Holzeinschlag, den Bau von Straßen und andere Eingriffe in Wäldern zu erlassen, die auf die Urwald-Liste kommen könnten. Der größte Abnehmer von Holz und Holzprodukten aus Rumänien ist Österreich, es folgen Länder wie China, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate. Auch Deutschland ist kein unwichtiger Importeur, es bezieht unter anderem Holzabfälle und Brennholz von dort.

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