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"Rising Star"-Höhle In der Wiege der Menschheit

Die „Rising Star“-Höhle 50 Kilometer nordwestlich von Johannesburg birgt eine Fülle an versteinerten Urmenschenknochen.

Grabungsszenen, die live aus 30 Metern Tiefe kommen. Foto: privat

Sie haben nicht zu viel versprochen. „Wir machen dies zur offensten paläoanthropologischen Ausgrabung aller Zeiten“, kündigte das Team der Wissenschaftler um den US-Forscher Lee Berger an: Und tatsächlich öffnet der Wächter bereitwillig das Tor mit dem Schild „Privatgelände. Zutritt verboten.“ „Ich muss mit Lee Berger sprechen“, genügte als Passwort, um auf das Ausgrabungsgelände in der „Wiege der Menschheit“ vorzudringen: Eine hügelige Region knapp 50 Kilometer nordwestlich von Johannesburg, die mit ihren unzähligen Höhlen als reichste Fundstätte versteinerter Urmenschenknochen der Welt gilt.

Seinen Ruf hat das rund 50000 Hektar große Gebiet nun ein weiteres Mal bestätigt und zwar gleich auf sensationelle Weise: Zweieinhalb Wochen nach Beginn der „Rising Star Expedition“ hat ein internationales Wissenschaftlerteam bereits mehr als 1000 Knochenteile aus einer Höhle geborgen. „Und wir sind noch lange nicht fertig“, sagt der Schweizer Paläoanthropologe Peter Schmid.

Überreste von mindestens elf Individuen

Eigentlich hätte dem Reporter der Zutritt zu der Zeltsiedlung gar nicht gewährt sollen: So wörtlich war das mit der „offenen Ausgrabung“ auch wieder nicht gemeint. Schließlich können die Wissenschaftler außer mit der Flut täglich geborgener Fossilien nicht auch noch mit Besucherströmen fertig werden – und außerdem wird die „Expedition“ größtenteils von der amerikanischen „National Geographic Society“ finanziert, die sich die exklusive mediale Vermarktung der Ausgrabung im Internet nicht von streunenden Reportern streitig machen lassen will. Anfragen auf einen Besuch zur Berichterstattung wurden deshalb auch abgelehnt.

Da der Reporter seinen Weg an zahlreichen Wärtern vorbei ins „Wissenschaftszelt“ nun aber schon mal gefunden hat, zeigt ihm der Züricher Wissenschaftler Schmid auch schnell den Unterkieferknochen, der zusammen mit mehreren makellos erscheinenden Zähnen gerade erst aus der Höhle geborgen wurde. „Und davon haben wir gleich mehrere“, sagt Schmid, ohne seine Begeisterung mit wissenschaftlicher Nonchalance zu übertünchen. Die Forscher haben außerdem schon eine Schädeldecke, zahlreiche Ober- und Unterschenkelknochen, ein Stirnbein sowie unzählige Wirbel und Beckenfragmente geborgen: Derzeit wird davon ausgegangen, dass es sich um die Überreste von mindestens elf Individuen handelt.

Im Nachbarzelt, das als „Kommando-Zentrale“ kenntlich gemacht ist, sitzt unterdessen US-Anthropologe John Hawks vor einem Schirm, auf dem die Bilder von neun Kameras zusammenlaufen. Darauf zu sehen sind Frauen in Overalls und mit Grubenlampen auf der Stirn, wie sie vorsichtig mit kleinen Bürsten und Schabern Knöchelchen aus weichem Dreck befreien – Szenen, die live aus 30 Metern Tiefe kommen.

Der Eingang zur Höhle befindet sich nur wenige Meter hinter dem Kommando-Zelt: Er steht allerdings nur Spezialisten und – vor allem – nur grazilen Personen offen. Denn in dem teils schräg, teils senkrecht abfallenden Höhlengang müssen sich die Fossiliensucher auch durch eine nur 18 Zentimeter breite Spalte quetschen – der Grund, warum es sich bei sämtlichen der sieben „Untergrund-Astronauten“ (Lee Berger) um zierliche weibliche Personen handelt. Die in aller Welt rekrutierten Forscherinnen müssen allerdings außer schlank auch hochqualifiziert sein: Es handelt sich ausnahmslos um promovierte Paläo- oder Archäologinnen.

Höhlenforscher finden Knochen

Gefunden wurde die beispiellose Schatzkammer von zwei südafrikanischen Höhlengängern: Steve Ticker und Rick Hunter, die sich zum Zeitvertreib durch die ausgehöhlte Landschaft der „Wiege der Menschheit“ hangeln. Der in Johannesburg lehrende US-Paläoanthropologe Berger, der bereits vor fünf Jahren durch den Fund zweier weitgehend erhaltener Australopithecus-Skelette (australopithecus sediba) internationales Aufsehen erregte, hatte den Club der Höhlenforscher aufgefordert, eventuelle Knochenfunde unverzüglich zu melden.

Diesen Oktober war es so weit: Ticker und Hunter stießen in der in Sichtweite zur weltberühmten Ausgrabungsstätte Sterkfontein gelegenen Rising-Star-Höhle auf frei herumliegende Fossilien. Merkwürdigerweise sind die Knochen hier nicht in den Sandstein eingebacken, sondern liegen auf weichem, entkalktem Grund: Warum das so ist, ist den Wissenschaftlern noch ein Rätsel.

Wie es überhaupt von Rätseln nur so wimmelt. Verblüfft sind die Forscher auch über die Tatsache, dass bislang fast ausschließlich Hominiden- und keine Tierknochen gefunden wurden: Lediglich die Überreste einer zeitgenössischen Eule waren auf dem Höhlenboden auszumachen. Völlig offen sind schließlich auch die elementarsten aller Fragen: Die nach dem Alter der Knochen und der genealogischen Zuordnung der Wesen, denen sie einst innewohnten. „Wir wissen es momentan einfach noch nicht“, sagt Schmid.

Ausschließen will der Züricher Wissenschaftler, dass es sich um Exemplare der zwei bis über vier Millionen Jahre alten Gattung Australopithecus handele. Eher seien die Knochen der seit rund zwei Millionen Jahre die afrikanische Savanne bevölkernden Gattung der „Homo“ zuzuordnen – auf den ersten Blick falle eine Ähnlichkeit zu dem bereits ganz aufrecht gehenden Homo Erectus auf. Es könne sich aber auch um eine neue, bisher nicht bekannte Art des Homo handeln, sagt Schmid: „Das wird sich alles noch herausstellen müssen.“

Spätestens da wird klar, warum es sich bei der „Rising Star Expedition“ tatsächlich um eine „offene“ und ganz neue Art paläoanthropologischer Ausgrabung handelt. Wenn ein Paläoanthropologe bisher das Glück hatte, auf einen äußerst seltenen frühmenschlichen Knochen zu stoßen, hielt er den Mund, ließ die Grabungsstätte absperren und beschäftigte sich in den kommenden Monaten oder Jahren in völliger Abgeschiedenheit mit der Bergung und der Bestimmung seines Fundes.

Gut erhaltenes Australopithecus-Skelett

Bestes Beispiel dieser Praxis ist der Paläoanthropologe Ron Clarke, der 1997 in der benachbarten Sterkfontein-Höhle ein einzigartig gut erhaltenes Australopithecus-Skelett fand. Clarke ließ die Fundstelle absperren und ist seit nunmehr 16 Jahren damit beschäftigt, „sein“ Fossil Millimeter um Millimeter aus dem Fels zu meißeln. Sehen darf die Sensation so gut wie keiner, viel mehr als sein Spitzname „Little Food“ und sein vages Alter zwischen 2,2 und vier Millionen Jahren ist selbst der Fachwelt nicht bekannt.

Im Streit um diese Praxis setzte Lee Berger bereits vor Jahren Clarke als Angestellten der Johannesburger Witwatersrand-Universität vor die Tür, der seine Arbeit nun im Dienst der Frankfurter Universität fortsetzt: Einer der leidenschaftlichen persönlichen Zwiste, an denen die Paläoanthropologen-Szene reicher als jede andere Disziplin ist. Als Grund dafür wird gewöhnlich der Umstand angegeben, dass das öffentliche Interesse an diesem Sektor der Wissenschaft so groß, die Fundstücke aber so selten sind. „Unsere Disziplin“, sagt US-Anthropologe Hawks, „war bisher immer ein Haifisch-Becken“.

Lee Berger & Co wollen aus dem Haifischbecken nun ein Zierfischaquarium machen – gewiss auch von der Tatsache entspannt, dass der Notstand der Knochenfunde zumindest in Südafrikas „Wiege der Menschheit“ der Vergangenheit angehört. Statt die Hunderte von Knochen aus der Rising-Star-Höhle eifersüchtig abzuschotten und selbst zu bestimmen, lädt Berger fürs nächste Jahr zum internationalen Symposion ein, auf dem sich die gesamte Fachwelt auf die Fossilien stürzen kann: Schon jetzt vermochte jeder dem Verlauf der Ausgrabung übers Internet zu folgen. „Wir sind dabei, die bisherige wissenschaftliche Praxis auf den Kopf zu stellen“, sagt Schmid.

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