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Richtig streiten Zoff mit den Eltern stärkt Teenager

Kommen Teenager in die Pubertät, bleibt Streit mit den Eltern nicht aus. Das ist laut einer neuen Studie auch gut so, denn der Streit kann die Heranwachsenden stärken.

20.12.2011 17:54
Torsten Harmsen
Mit dem richtigen Streiten können Eltern ihre Kinder stärken. Foto: Andreas Arnold

Familien mit Teenagern kennen das: Die Mutter regt sich auf, dass die Sachen wieder überall herumliegen, ein Wort ergibt das andere, die Türen knallen. Streit in der Pubertät nervt. Aber er kann Heranwachsende auch stärken und selbstbewusster machen. Zu diesem Ergebnis kommen jetzt US-amerikanische Forscher, die mehr als 150 Teenager aus ganz unterschiedlichen Familien über mehrere Jahre beobachteten und sie jeweils im Alter von 13, 15 und 16 Jahren befragten, ebenso ihre Eltern und Freunde.

Gesundes Selbstbewusstsein entwickle sich vor allem dort, wo sich Teenager häufiger im Schutz der eigenen Familie streiten und den eigenen Standpunkt vertreten könnten, schreiben die Forscher jetzt im Fachblatt Child Development. Vor allem die Auseinandersetzungen mit Müttern hätten eine stabilisierende Wirkung – auch darauf, wie Jugendliche auf Gruppendruck der Altersgefährten reagieren.

Jene, die sich häufig fundierte Streitgespräche mit ihren Müttern lieferten – über Taschengeld, Regeln im Haushalt, abendliche Heimkehrzeiten oder Freunde – und dabei das Argumentieren lernten, seien am wenigsten anfällig für negative Einflüsse, auch für Alkohol, Zigaretten oder Drogen. „Die gesunde Selbstständigkeit, die sie daheim entwickelt haben, scheint sich auf die Beziehung mit Gleichaltrigen zu übertragen“, sagt der Studienleiter Joseph P. Allen von der University of Virginia in Charlottesville.

Aber nicht jede Form von Streit stärkt. Als wirkliches Streiten bezeichnen die Forscher Überzeugungsversuche mittels sachlicher Argumente und nicht mittels Quengeln, elterliche Dauer-Monologe oder Beschimpfungen. Die Jugendlichen müssen ihre Argumente auch vorbringen können.

Selbstbewusste Jugendliche sind weniger anfällig für Alkohol und Drogen

Warum vor allem Diskussionen mit Müttern einen schützenden Einfluss haben, das versucht Josoph P. Allen so zu erklären: „Es könnte sein, dass Teenager, die sich unter Stress an ihre Mütter wenden können, weniger das Gefühl haben, übermäßig abhängig von ihren engen Freunden zu sein.“ Hier geht es offenbar um die Intensität der Beziehung.

Bereits vor einigen Jahren untersuchten Forscher des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Streitmuster in Familien und stellten dabei ähnliche Wirkungen fest. An ihrer Studie nahmen 67 Berliner Mittelschicht-Familien mit jeweils zwei Kindern teil. Das älteste war jeweils zwölf Jahre alt und stand somit kurz vor der Pubertät. In 20 Familien waren die Eltern getrennt, und die Mütter zogen die Kinder allein auf. Die Forscher um den Entwicklungspsychologen Kurt Kreppner nahmen im Halbjahres-Abstand, und zwar insgesamt acht Mal, typische Familien-Auseinandersetzungen auf. Jeweils ein Elternteil sollte mit dem ältesten Kind um ein bestimmtes Thema streiten, zum Beispiel das Zimmer-Aufräumen. Die Forscher analysierten per Video, wie beide miteinander sprachen, wie sie durch Worte und Gesten Nähe oder Distanz ausdrückten.

Dabei ergab sich: Mütter in intakten Familien legten im Gespräch ihre überlegenen Erfahrungen dar, pochten auf das Einhalten von Regeln und scheuten auch den Konflikt mit dem Kind nicht. Die Mutter-Kind-Beziehung stand dabei zu keiner Zeit in Frage. Es ging vor allem um die Sache. Die auf den ersten Blick strengere Haltung schien dem Kind weniger Freiräume zu lassen, vermittelte aber zugleich Orientierung und schützte vor Überforderung.

Der Streit kann heftig sein, darf aber nicht die Beziehung infrage stellen

Alleinerziehende Mütter und ihre Kinder dagegen kamen oft vom eigentlichen Thema ab und stritten sich um ihre Beziehung, „die Diskussion wurde schnell sehr emotional“, schrieben die Forscher. Zum Beispiel zitierten sie eine Mutter, die zu ihrem 15-jährigen Sohn sagte: „Du bist jetzt schon so groß … und da kannst du mich nicht hier als deinen Mülleimer benutzen … sonst hab ich nämlich auch keine Lust mehr, irgendwelche Geschichten von dir zu bereden“. Sie überfordere ihren Sohn, setze sich über die Schranke der Generationen hinweg und stelle die Mutter-Kind-Beziehung in Frage, so die Forscher. Ihr Resümee: Kinder aus gescheiterten Beziehungen fühlen sich zwar öfter als erwachsene Partner akzeptiert, aber sie zahlen dafür einen hohen Preis. Ihr Selbstvertrauen ist geringer, ihre Konfliktfähigkeit weniger ausgeprägt. Dagegen verläuft Streit in intakten Familien oft heftiger, was das Thema betrifft, hat aber vielfach günstigere Wirkungen.

Wie die Forscher in der Langzeitstudie feststellten, tauschten Mitglieder funktionierender Familien ständig nonverbale Zeichen von Verbundenheit aus. „Der Streit kann heftig sein, kostet aber nicht die Liebe“, so das Urteil. Mütter seien die alltäglichen „Hüterinnen der Ordnung“, aber auch Väter hätten eine wichtige Funktion. So führten sie Kinder allmählich an eine erwachsene Streitkultur heran. Beide Eltern lebten vor, dass man unterschiedliche Sichtweisen haben kann, ohne das vertraute Verhältnis zu zerstören.

Beide Studien – sowohl die Berliner als auch die neue aus den USA – zeigen: Die Zeit der Pubertät ist für alle schwer. Aber Kinder, die sich im Schutz einer funktionierenden Familie auseinandersetzen können, haben die besseren Chancen, sich ihr Erwachsenwerden zu „erstreiten“. Dabei kann es ruhig mal heftiger zur Sache gehen. (mit wsa)

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