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Regenwald Illegales Tropenholz in deutschen Läden

In der EU verkaufte Papierprodukte, Möbel oder Musikinstrumente enthalten teilweise Arten aus Regenwäldern, zeigt eine Teststudie des WWF. Verbraucher sollten beim Kauf auf Siegel achten.

11.02.2015 13:01
Maximilian Staude und Susanne Götze
Regenwald wird bei einer Brandrodung auf der indonesischen Insel Sumatra zerstört. Foto: Getty Images/Universal Images Gr

Jeder, der intellektuell etwas auf sich hält, kennt Moleskine. Die Firma stellt exquisite Notizbücher her und wirbt mit Tradition und Qualität. Einige Produkte der beliebten Marke sind – ökologisch gesehen – allerdings nicht ganz sauber. Die Naturschutzstiftung WWF fand in den Notiz- und Adressbüchern Tropenholzrückstände. Moleskine ist kein Einzelfall. Noch immer enthalten in der Europäischen Union verkaufte Papierprodukte Hölzer aus Regenwäldern, vor allem aus Südostasien. Das ergab eine Teststudie des WWF, bei der die Rückstände von Experten ausgesiebt und die Holzarten zurückverfolgt wurden. In 27 von 144 unter die Lupe genommenen Produkten wie Briefpapieren oder Adressbüchern wurde Tropenholz gefunden.

An sich wäre das noch kein Skandal. Denn nach den jeweiligen Landesgesetzen ist auch in den Tropen eine Holzwirtschaft erlaubt. Tatsächlich aber werden rund 50 bis 90 Prozent der Tropenhölzer illegal geschlagen. Zur Verschleierung der Herkunft werden sie als Plantagenholz deklariert. Das führt etwa dazu, dass de facto dreimal so viel indonesisches „Plantagenholz“ verkauft wird, wie die vorhandenen Plantagen tatsächlich hergeben.

Die in den betroffenen Produkten verwendeten Papiere kommen oft aus China. Viele Papierfabriken in China wiederum arbeiten mit Holz, das sie aus Indonesien importiert haben. So vermeiden die chinesischen Behörden die Abholzung im eigenen Land, sagt der WWF. Das ist auch bei Moleskine der Fall. Das Design der Notizbücher entwirft die Firma in Italien, produzieren aber lässt sie ihre Notizbücher in chinesischen Papierfabriken.

Die europäischen Hersteller wissen oft nicht einmal etwas von dem Tropenholz in ihren Produkten. Die Firma Moleskine etwa wirbt mit dem FSC-Zertifikat, das eigentlich dafür bürgen sollte, dass das Holz aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern stammt. Eigentlich ist die Kontrolle der Importhölzer in Deutschland gut organisiert. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), eine Unterbehörde des Bundes-Landwirtschaftsministeriums, gibt biochemischen Analysen in Auftrag. Die Herkunft der Hölzer stellt dann das Thünen-Institut in Braunschweig fest. Derzeit baue es eine Referenzdatenbank von Zellbestandteilen der Holzarten auf, erklärt Institutssprecher Michael Welling.

Die staatliche Kontrolle orientiert sich an der EU-Holzhandelsverordnung, die seit März 2013 gilt. Nach dieser darf Europa kein illegal geschlagenes Holz importieren. Was aber illegal ist, bestimmt das Herkunftsland. Außerdem müssen laut EU-Verordnung die Unternehmen die Herkunft des Holzes in ihren Produkten dokumentieren und ihre Lieferketten offenlegen. Das gilt nicht nur für Papiere, sondern auch für Holzprodukte für Bau- und Gartenmärkte. Besonders hier ist die Nachfrage nach Tropenholz hoch.

Die Attraktivität liege aber weniger am niedrigen Preis als an der Beschaffenheit des Materials: Im Vergleich zu heimischen Hölzern sind einige tropische Arten wie rotes Meranti Vorteile wetterfester und weniger anfällig für Schimmel- und Pilzbefall. Inzwischen werde das knapp gewordene rote Meranti durch das weniger hochwertige weiße Meranti ersetzt – und in Baumärkten dann gerne als bloßes „Meranti“ verschleiert.

Der Herkunftsnachweis in der EU-Verordnung gilt allerdings nicht für alle Produkte: Musikinstrumente, Holzkohle oder Bücher sind zum Beispiel gar nicht aufgeführt – und unterliegen damit auch nicht der Prüfpflicht.

Eine weitere Vorschrift: Beim Import müssen Unternehmen auf gefährdete Holzarten achten. Welchen Schutzstatus ein Holztyp genießt, regelt das Washingtoner Artenschutzabkommen, das derzeit mehr als 200 Holzarten katalogisiert. Holzarten mit der höchsten Schutzstufe dürfen gar nicht mehr gehandelt werden. Darunter fällt zum Beispiel Rio-Palisander, das wegen seiner Klang-Eigenschaften lange für Gitarren verwendet wurde. „Das ist so geschützt wie Elfenbein“, sagte Welling. Wer solch ein Produkt besitzt, darf es zwar behalten und vererben, nicht aber weiterkaufen – auch nicht über das Internet-Auktionshaus Ebay oder auf dem Flohmarkt.

Wer hingegen Holzarten mit niedrigeren Schutzstufen handeln will, muss bestimmte Auflagen und Zertifikate erfüllen. Neben dem FSC hat sich in Deutschland das PEFC-Siegel für eine Herkunft des Holzes aus nachhaltiger Waldwirtschaft etabliert. Das Thünen-Institut hält diese Labels für relativ verlässlich. „Die Kontrolleure der Zertifizierungsstellen schauen sich in den Einschlagsgebieten vor Ort um“, sagt Welling. „Die Siegel greifen nicht erst am Hamburger Freihafen.“

Ein Problem sei aber, dass Kontrollen und Nachweise in der Europäischen Union nicht einheitlich abliefen – manche Länder gehen weniger streng als Deutschland mit dem Tropenholz um. Ein Holzkonzern könnte demzufolge sein Holz nicht über Deutschland, sondern einfach über einen Schwarzmeer- oder Ostseehafen importieren. „Wenn es in der EU drin ist, ist es erst mal drin“, sagt Institutssprecher Michael Welling.

Die WWF-Liste der Tropenholz-Nutzer könnte für Unternehmen wie Moleskine oder dem Discounter Kick Depesche noch ein Nachspiel haben. Ihnen drohen Strafen, falls sie die Legalität des gefundenen Tropenholzes nicht nachweisen können. Laut der EU-Holzhandelsverordnung sollen die Strafen „verhältnismäßig“, „wirksam“ und „abschreckend“ wirken. Die konkrete Ausgestaltung unterliegt allerdings den Mitgliedsstaaten. Umweltverbände kritisieren die Auflagen und Strafen als zu lasch. Wenn ein Lieferant in China seine Ware beispielsweise falsch deklariert, würden die Behörden oft gar nicht genau hinschauen. Der WWF und die Naturschutzorganisation Robin Wood verlangen deshalb eine Kennzeichnungspflicht wie bei Lebensmitteln und Fleisch.

Barbara Moitz, Sprecherin der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, hingegen wirbt um Geduld. Das Kontrollsystem sei noch jung und werde weiterentwickelt. Anfangs hätte man sich auf die Möbelbranche konzentriert, weil dort die größten Defizite herrschten. Jetzt gehe man aber dazu über, Papierproben zu nehmen. Die Behörden würden also durchaus auf die Probleme in der Praxis reagieren – und nicht, wie es die Umweltverbände kritisierten, „nur Papiere abheften“. Letzteres hoffentlich nicht auf Tropenholz-Basis.

Maximilian Staude, Susanne Götze und Eva Mahnke sind Redakteure beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem FR in einer Kooperation die Berichterstattung zu den Themen Klima und Umwelt intensiviert.

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