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Rechtsextremismus Hakenkreuze in der Kita

Ein Kindergartenkind malt bevorzugt Hakenkreuze aufs Papier - das freut den Vater und schockiert die Erzieherinnen in Südhessen. Jetzt werden Rufe nach einer Bildungsoffensive gegen rechts laut.

13.01.2012 16:25
Katja Irle
Playmobil-Hitler. Plakat von einer Berliner Demo. Foto: BLZ/MIKE FROEHLING

Die Erzieherinnen einer Tagesstätte in Südhessen waren schockiert: Da zeichnete ein kleines Kind in seiner Malgruppe ein Hakenkreuz nach dem anderen aufs Papier. Auf den Vorfall angesprochen, antwortete der Vater sinngemäß: „Ist doch schön, dass mein Kind gut malen kann.“

Daraufhin wandten sich die Kita-Mitarbeiter an den Erziehungswissenschaftler und Rechtsextremismusforscher Benno Hafeneger. Der Professor der Universität Marburg, der das Beratungsnetzwerk Hessen gegen Rechtsextremismus koordiniert, kennt weitere Beispiele, etwa von dem Kind in einer Tagesstätte, das vorschlug, doch mal „das Gaskammerspiel zu spielen“. Und Jugendliche einer Berufsschule in Marburg skandierten auf dem Pausenhof rechtsextreme Parolen.

Diese Fälle seien nicht typisch, sagt Hafeneger. Dennoch hält er eine präventive Bildungsarbeit für das einzig probate Mittel gegen rechtsextreme und demokratiefeindliche Tendenzen.

Nach der Blamage um die Aufklärung der Neonazi-Mordserie wird die Forderung nach einer bundesweiten Bildungsoffensive immer lauter. Die Kritik: Zwar sei der Nationalsozialismus sehr präsent im Unterricht, werde aber fast nur aus historischer Perspektive beleuchtet – selten mit Bezug zum Rechtsextremismus heute.

Die hessische SPD beklagt zudem, dass die Bedeutung demokratischer Spielregeln in den Schulen zu kurz komme. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, vermisst laut Deutscher Presseagentur „eine verlässliche Finanzierung“ für Präventionsprojekte. Die Vorsitzende der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft für Bildung, Eva-Maria Stange, will die Kultusministerkonferenz (KMK) in die Pflicht nehmen.

Deren neuer Präsident, der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD), sieht die Schulen zwar „in besonderer Verantwortung“, wenn es um die Achtung von Grundwerten wie Toleranz, Menschenrechte und Demokratie geht. Gleichzeitig verweist er aber auf das bundesweite Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ und zahlreiche Landesinitiativen. „Das Thema ,Moderner Rechtsextremismus’ ist zudem in allen Ländern fest in den Lehrplänen für alle Schularten verankert. Insbesondere die Fächer Geschichte, Sozialkunde und Politik, aber auch Deutsch, Religion und Ethik, haben entsprechende Unterrichtseinheiten“, sagte Rabe der FR. Zudem gebe es ein großes Angebot an Lehrer-Fortbildungen.

Dem Vorsitzenden des konservativen Deutschen Philologenverbands (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, reicht das jedoch nicht aus. Er fordert von der KMK eine Strategie in Form einer gemeinsamen Bund-Länder-Initiative gegen Gewalt und Extremismus. Dazu müsste auch eine flächendeckende Lehrerfortbildung gehören. Bislang liege es am Engagement einzelner Schulen und Lehrer, ob der Rechtsextremismus im Unterricht hinreichend zur Sprache komme, kritisiert der Schulleiter: „Das Thema ist aber zu wichtig, um es wie bisher allein den Geschichts- oder Sozialkundelehrern zu überlassen.“

Ein extra Fach ist unnötig

Aber selbst wenn sich die Kultusminister auf eine bundesweite Strategie einigen könnten, was aufgrund der Kulturhoheit der Länder eher unwahrscheinlich ist: Wie wirkungsvoll wäre eine Initiative, die Lehrer zu Experten in Sachen Rechtsextremismus machen will und Lehrpläne ändert?

„Das ist gut gemeint, kann aber auch furchtbar nach hinten losgehen“, warnt Dierck Borstel vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Uni Bielefeld, der auch Schulen und Kommunen berät. Viele Schüler seien den Lehrern beim Thema Rechtsextremismus meilenweit voraus, sagt er. Anstatt den Jugendlichen neue Lehrpläne oder gar ein Fach „Rechtsextremismus“ vorzusetzen, sollte man besser die Strukturen verändern und die Mitbestimmung der Schüler ernster nehmen als bisher, so Borstel: „Die beste Prävention ist eine demokratische Schule.“ Dazu rät auch der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften, Professor Werner Thole von der Universität Kassel. Demokratieerziehung müsse auch an den Schulen selbst gelebt werden, sagte er.

Dierck Borstel, der Praktiker, hat noch einen Tipp: Aussteiger aus der Neonazi-Szene sollten an Schulen über ihre rechtsextreme „Karriere“ und den schwierigen Weg zurück berichten, schlägt er vor. Das bewirke mehr, als jede noch so gut vorbereitete Unterrichtsstunde über demokratiefeindliche Tendenzen.

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