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Raubtiere auf Samtpfoten Mörderische Miezen

Fast acht Millionen Hauskatzen schnurren in deutschen Wohnungen - viele davon machen Jagd auf Vögel und Kleingetier. Von Walter Schmidt

06.11.2008 00:11
WALTER SCHMIDT
Will nicht nur spielen: Jagende Hauskatze. Foto: dpa

Katzen würden Whiskas kaufen, lautet ein Reklamespruch. Doch die Miezen mögen außer Dosenkost auch Sperling und Zaunkönig, Amsel und Zilpzalp - von Mäusen, Reptilien und Insekten ganz abgesehen.

"Hauskatzen sind sehr erfolgreiche Jäger", sagt der Zoologe Julian Heiermann vom Naturschutzbund NABU in Berlin. Sie folgten dabei oft nur ihrem Jagdinstinkt, "ohne Hunger zu haben". Dann schleppten sie die Beute zu ihrem Frauchen oder Herrchen und legten sie dort stolz ab. Die Katzen immer satt zu füttern, helfe wegen des unstillbaren Jagdtriebes nicht weiter.

Sie rauben Nester aus oder machen leichte Beute, "wenn die Jungvögel flügge werden", fügt der NABU-Experte hinzu. Dann lande der noch unbeholfen flatternde Vogelnachwuchs beim ersten Ausflug auf einem Ast oder auf dem Boden und werde dort leicht zur Beute. Manche Menschen hängten ihrer Mieze ein warnendes Glöckchen um den Hals, "aber das hilft nur bei älteren Vögeln" - die jungen Hüpfer können vor dem Gebimmel noch nicht flüchten.

"Die Katze ist und bleibt ein Raubtier", urteilt der Zoologe und Jäger Andreas David in der Jagdzeitschrift "Wild und Hund". Ihr Gebiss sei "vollständig darauf ausgelegt, Beutetiere zu reißen" Wer freilaufende Katzen schon einmal länger beobachtet habe, der wisse, "dass sie kaum eine Gelegenheit auslassen, Beute zu machen".

Dass bis heute über diese Seite der Hauskatzen eher selten in den Medien berichtet werde, ist für den Wildbiologen kein Wunder: Es geschehe zum Teil aus Unkenntnis des Katzenverhaltens im Freiland, "teilweise wohl aber auch, um Ärger und Verdruss mit der Leserschaft, mit dem zahlenden Kunden und Katzenhalter zu vermeiden".

In seinem Buch "Die Welt ohne uns" nennt Alan Weisman die Hauskatze gar ein "verhätscheltes Raubtier". Der US-Wissenschaftspublizist bedauert, dass die Jagd von Hauskatzen auf Vögel "totgeschwiegen wird", weil kaum jemand zugeben wolle, dass fast ein Drittel aller Haushalte in den USA "einen oder mehrere Serienmörder beherbergen".

Auch in etwa 15 Prozent der deutschen Haushalte lebt wenigstens ein Stubentiger. Nach Schätzungen des Industrieverbandes Heimtierbedarf (IVH) kommen so etwa 7,8 Millionen Katzen zusammen. Die genaue Zahl kennt niemand - schon deshalb nicht, weil keine Katzensteuer erhoben wird.

Artenschützer indes könnten gute Argumente für eine Steuer auf die Raubtiere mit den Samtpfoten anführen. Studien aus Großbritannien und den USA zeigen nämlich, "dass Hauskatzen mit Auslauf oder streunende Katzen eine große Anzahl wild lebender Tiere jagen und erbeuten", berichtet Heiko Haupt, der beim Bundesamt für Naturschutz (BfN) für "Zoologischen Artenschutz" zuständig ist.

Er bezieht sich dabei zum Beispiel auf eine elf Jahre alte Untersuchung aus Großbritannien. Die Forscher hatten Fragebögen an 618 Haushalte mit Hauskatzen ausgeteilt, um mit Hilfe der Katzenhalter zu ermitteln, welche Beutetiere die fast tausend erfassten Katzen nach Hause mitbringen. Insgesamt wurden so 14 370 Kleintiere erfasst, darunter gut zwei Drittel Kleinsäuger und fast ein Viertel Vögel. Reptilien und Amphibien machten etwa fünf Prozent der Mitbringsel aus. Das Beutespektrum hängt freilich stark von der örtlichen Tierwelt ab.

Aus den Ergebnissen rechnete das Wissenschaftler-Team hoch, dass die rund neun Millionen Katzen in Großbritannien von April bis August etwa 92 Millionen Beutetiere mit nach Hause brachten, darunter 57 Millionen Kleinsäuger, 27 Millionen Vögel und fünf Millionen Reptilien und Amphibien. Unterweg gefressene oder liegen gelassene Beutetiere kommen noch hinzu.

Und in Deutschland? "Die freilaufende Hauskatze ist die absolute Bedrohung der Singvögel im siedlungsnahen Bereich", heißt es in einem für das Umweltbundesamt erstellten Forschungsbericht des Instituts für Biodiversitätsforschung der Universität Rostock. Dabei liegen nach Ansicht des BfN-Experten Heiko Haupt "keine belastbaren Ergebnisse" darüber vor, ob Hauskatzen die Bestände von Vögeln, Kleinsäugern und anderen möglichen Beutetieren gefährden. Diese Frage sei "schlecht untersucht", bestätigt Hans-Günther Bauer von der Vogelwarte Radolfzell, die Teil des Max-Planck-Instituts für Ornithologie ist.

Immerhin liefen in der Schweiz in den vergangenen Jahren Untersuchungen an Hauskatzen, die mit einem kleinen Sender ausgestattet worden waren. "Aus den Ergebnissen wurden Zahlen an Vogelverlusten durch Katzen hochgerechnet, die schwindelerregend sind", sagt Wolfgang Fiedler, der Leiter der Vogelwarte Radolfzell.

Etwas Licht ins deutsche Dunkel könnte eine Studie bringen, die Jochen Hölzinger zurzeit erarbeitet. Für die baden-württembergische Landesregierung hat der Biologe die Frage untersucht, inwiefern Hauskatzen den Erreger der Vogelgrippe auf Menschen übertragen können. Doch Hölzinger möchte vor der Präsentation seiner Forschungsergebnisse im kommenden Mai keine genaueren Angaben machen. Immerhin sagt er, dass Hauskatzen "vor allem während der Brutzeit viele Nester ausrauben". Auch ihr Beute-Spektrum sei groß, wobei die häufig vorkommenden Vogelarten in der Stadt wie auf dem Land überwögen. Der Gutachter hält jedoch nichts davon, Katzen deswegen einzusperren: "Zwar hätten wir viele Probleme nicht, wenn man dies täte, aber Katzen brauchen unbedingt freien Auslauf."

Gewährleistet ist dies jedoch oft nicht. "Viele der betreuten Katzen sind reine Wohnungskatzen, sie kommen also nicht nach draußen", sagt Christel Becker-Kolle, Vorstandsmitglied beim "Freundeskreis Katze und Mensch". Und die freilaufenden Katzen schliefen und dösten die allermeiste Zeit des Tages "auf ihren Lieblingsplätzchen, in der Sonne oder unter irgendeinem Busch".

So verhalten sich freilich auch Löwen. Doch was ließe sich tun, um den Vögeln zu helfen? Von gesetzlicher Seite "kann man den Leuten nicht verbieten, Katzen draußen herumstreunen zu lassen", sagt NABU-Experte Julian Heiermann. Es gebe keinen Leinenzwang - anders als bei den zum Teil für Menschen gefährlichen Hunden. Der Zoologe wirbt aber dafür, Katzen rechtzeitig kastrieren oder sterilisieren zu lassen, um die Zahl verwildert lebender Katzen zu begrenzen. Der Applaus von Singvögeln ist Heiermann sicher.

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