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Rassismus Zum Monstrum abgestempelt

Bruno Lüdke galt lange Zeit als schlimmster Serienmörder Deutschlands. Dabei zeigt gerade dieser Kriminalfall, wie rassistische Menschenbilder und Vorstellungen vom Bösen fabriziert werden. Ein Buchtipp.

Berliner  Polizeimuseum
Im Berliner Polizeimuseum finden sich zahlreiche Materialien zu Bruno Lüdke. Foto: Jonas Zilius

Alternative Fakten hatten schändlicherweise noch Jahre nach der Nazizeit Hochkonjunktur, wie der Fall Bruno Lüdke deutlich macht. Er galt lange Zeit als schlimmster Serienmörder Deutschlands – auch Presse und Film präsentierten dem sensationslüsternen Publikum noch in der Nachkriegszeit den Mythos vom mordenden Monstrum. 

Geboren wurde Lüdke 1908 in Köpenick bei Berlin, er stammte aus armen Verhältnissen. Nach mehreren Kleindiebstählen wurde der Kutscher 1940 auf Beschluss eines „Erbgesundheitsgerichts“ zwangssterilisiert, die Diagnose lautete „erblicher Schwachsinn“. In suggestiven Verhören gestand er später, zwischen 1924 und 1943 im gesamten Reichsgebiet 84 Morde begangen zu haben, meist an Frauen. 

Obwohl das Umfeld schon damals dem geistig behinderten und ängstlichen Mann keinen Mord zutraute, zweifelte der ermittelnde Kriminalkommissar Heinrich Franz nicht an, dass Lüdke die finanziellen Mittel und die planerischen Fähigkeiten besaß, um lange Zeit unbemerkt Dutzende Morde an den verschiedensten Orten zu begehen. Kommissar Franz, der darauf bestand, die Verhöre allein zu führen, fahndete nach ungeklärten Mordfällen im gesamten Reichsgebiet, um Lüdke anschließend gezielt Geständnisse zu entlocken, sich in dem Zeitraum dort aufgehalten zu haben. Auch Täterwissen unterstellte der Kommissar dem Verdächtigen. 

Bernd Wehner, der in der NS-Zeit eine leitende Funktion im Reichskriminalpolizeiamt hatte, berichtete im Rahmen einer Artikel-Reihe noch im Jahr 1950 im „Spiegel“ über den „Tiermenschen“ Bruno Lüdke, den er trotz Ungereimtheiten zum Täter abstempelte. 1957 heimste dann Robert Siodmak mit seinem Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ zahlreiche Preise ein – Mario Adorf spielte darin Bruno Lüdke. 

Lüdke wurde manipuliert

Erst Mitte der 1990er-Jahre konnte der niederländische Kriminalist Jan Blaauw nach Analyse der Untersuchungsakten beweisen, dass Lüdke keineswegs alle Taten begangen haben konnte und wahrscheinlich von Kriminalkommissar Heinrich Franz manipuliert worden war. 

Das fürchterliche Schicksal, das dem Menschen Bruno Lüdke widerfuhr, der fälschlicherweise zum geisteskranken „Massenmörder“ erklärt wurde, zeichnen die Wissenschaftler Axel Doßmann und Susanne Regener in dem soeben erschienenen Buch „Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte“ nach. Damit Leser sich selbst ein Bild machen können, enthält das Buch viele Quellen wie Tatortfotos, Verhörprotokolle, Geheimdokumente, Filmplakate sowie Zeitschriftenartikel der 1950er-Jahre. 

Teufel in Menschengestalt: Der Kriminalfall Bruno Lüdke zeigt, wie rassistische Menschenbilder und Vorstellungen vom Bösen fabriziert werden. „Zweifellos war Bruno Lüdke ein NS-Opfer und kein Massenmörder“, betont Axel Doßmann vom Historischen Institut der Universität Jena.
Indizien deuten stattdessen darauf hin, dass ranghohe Nationalsozialisten vom Reichssicherheitshauptamt den Fall als Vorwand nutzen wollten, um ein sozialrassistisches Gesetz gegen sogenannte „Gemeinschaftsfremde“ auf den Weg zu bringen. „Damit wäre es legal geworden, alle unangepassten Deutschen zu verfolgen und sie zu ermorden“, sagt Doßmann. Bis heute gerieten geistig behinderte Menschen und andere Außenseiter „allzu leicht in die Mühlen von Strafverfolgung und Justiz“, obwohl sie unschuldig seien. 

Zweifel haben Axel Doßmann und Susanne Regener, Professorin für Mediengeschichte an der Universität Siegen, auch an den bisherigen Thesen zur Ermordung Lüdkes. Er starb 1944 im Gewahrsam des nationalsozialistischen Kriminalmedizinischen Zentralinstituts der Sicherheitspolizei in Wien. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kam Lüdke infolge eines Experiments mit vergifteter Munition um. Ziel dieser „Geheimen Reichssache“ war es, Attentate auf hochrangige Politiker zu erproben. 

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