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Rainer Forst „Eine bittere Enttäuschung“

Der Philosoph Rainer Forst spricht im Interview über die ungewisse Zukunft seines Frankfurter Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“.

Prof. Dr. Rainer Forst
Rainer Forst von der Uni Frankfurt will sein florierendes Forschungszentrum erhalten. Foto: Peter Jülich

Hat auch der wissenschaftliche Nachwuchs profitiert?
Ja, wir haben etwa für Post-Docs eigenständige Fünf-Jahres-Stellen geschaffen, so dass sie ihre Projekte verwirklichen konnten. Außerdem hatten wir hervorragende Doktoranden und Doktorandinnen. Die Berufschancen dieser jungen Leute sind sehr gut – die Palette der Orte, wohin sie berufen wurden, reicht von Hamburg über München bis nach Amsterdam, Cardiff und New York.

Von dem Expertengremium haben Sie nun ein Feedback erhalten. Was ist der Grund für die Ablehnung Ihres Antrags?
Ich kann nicht aus dem vertraulichen Gutachten zitieren und will auch nicht als schlechter Verlierer dastehen und das Verfahren kritisieren, nachdem wir davor zweimal so erfolgreich abgeschnitten haben. Dennoch ist das Ergebnis enttäuschend, zumal wir den Eindruck haben, dass unser Antrag nicht auf die wohlwollendste Lektüre gestoßen ist. Jeder weiß, dass unser Forschungsverbund in Frankfurter wissenschaftlichen und intellektuellen Traditionen steht – auch, aber nicht nur in der Tradition der Kritischen Theorie. Stets für Neues offen und pluralistisch – das gehört zu unserem Profil, und so erscheint es uns als widersprüchlich, dass die Errungenschaften der vergangenen zehn Jahre positiv hervorgehoben werden, während das Festhalten an diesem Profil nun als Makel gelten soll.

Welcher Ansatz zeichnet Ihr Zentrum für Normenforschung aus?
Unsere transdisziplinäre methodische Perspektive geht davon aus, dass normative Ordnungen, also gesellschaftliche Institutionen- und Regelwerke, „Rechtfertigungsordnungen“ darstellen. Uns sollte daher nicht nur interessieren, welche Regelsysteme und Institutionen bestehen, sondern auch deren normative Begründungen und ihre Akzeptanz. Dann ergeben sich neue Sichtweisen auf nationale und transnationale Krisen, etwa Migrations-, Klima- oder Finanzkrisen. Bei diesen Problemen versagen nicht einfach Institutionen, sondern es wird grundsätzlicher um die Normen und transnationalen Ordnungen gestritten, die auf diese komplexen Probleme antworten können. Um die Analyse solcher normativen Krisen und den gegenwärtigen Rückzug auf nationalistische Narrative ging es bei unserer Neubewerbung für die Exzellenzstrategie. Mit dabei sind viele neue Köpfe wie die Holocaustforscherin Sybille Steinbacher ebenso wie das Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser Gesellschaften in Göttingen, neben unseren bewährten Partnern wie den Planck-Instituten in Frankfurt und Heidelberg und der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Diese Innovationen werden uns im Gutachten nicht ausreichend angerechnet.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft betont ausdrücklich, dass es beim Wettbewerb ausschließlich um internationale Forschungsstärke geht. Andererseits stellt sich gerade in den Geisteswissenschaften die Frage, ob damit nicht auch eine politische Weichenstellung vorgenommen wird?
Ich kenne die Namen der Gutachter, die uns bewertet haben, nicht, habe aber keine Indizien für eine politisch motivierte Bewertung unseres Clusters. Dennoch fühlen wir uns an vielen Stellen mit unserem Antrag nicht richtig verstanden. Daher hätten wir gern die Gelegenheit gehabt, einen Vollantrag zu stellen und diesen zu verteidigen.

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