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Rainer Forst „Eine bittere Enttäuschung“

Der Philosoph Rainer Forst spricht im Interview über die ungewisse Zukunft seines Frankfurter Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“.

Prof. Dr. Rainer Forst
Rainer Forst von der Uni Frankfurt will sein florierendes Forschungszentrum erhalten. Foto: Peter Jülich

Der Schock war groß: In der Vorrunde der Exzellenzstrategie, einem Forschungsförderungsprogramm von Bund und Ländern, schnitt die Frankfurter Goethe-Universität mit ihren Anträgen schlecht ab. Nur das Cardio Pulmonale Institut, ein Forschungsvorhaben gemeinsam mit der Uni Gießen, hat noch Aussichten auf eine Millionenförderung. Das renommierte Frankfurter Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ dagegen erhält ab 2019 keine Mittel mehr. Rainer Forst, der Co-Sprecher des Zentrums, will dennoch weitermachen.

Herr Forst, das Exzellenzcluster Normative Ordnungen an der Frankfurter Universität wird nicht mehr im Rahmen der Exzellenzstrategie gefördert.
Das ist für uns eine bittere Überraschung, weil wir viel dafür getan haben, weiter gefördert zu werden. Das, was wir in den vergangenen zehn Jahren am Cluster geleistet haben, besitzt einen hohen wissenschaftlichen Stellenwert und ist in der internationalen Fachwelt hoch anerkannt. Nur ein Schlaglicht: Allein drei unserer Hauptwissenschaftler sind in den letzten Jahren mit Leibniz-Preisen ausgezeichnet worden.

Um welche Summen geht es?
Dank zweier erfolgreicher Anträge wurden wir seit 2007 mit jährlich rund fünf Millionen Euro gefördert. Das Geld haben wir in Köpfe investiert. Wir haben insbesondere zehn Professuren an Schnittstellen verschiedener Disziplinen installiert und so hervorragende Wissenschaftlerinnen gewinnen können, etwa die Friedens- und Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff, die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln, die wir aus Harvard berufen haben, oder die Islamforscherin Susanne Schröter. Daneben andere herausragende Leute wie den Philosophen Christoph Menke oder den weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet der Klimagerechtigkeit, Darrel Moellendorf aus San Diego. Ohne uns sähe die wissenschaftliche Landschaft an der Goethe-Universität anders aus.

Hat auch der wissenschaftliche Nachwuchs profitiert?
Ja, wir haben etwa für Post-Docs eigenständige Fünf-Jahres-Stellen geschaffen, so dass sie ihre Projekte verwirklichen konnten. Außerdem hatten wir hervorragende Doktoranden und Doktorandinnen. Die Berufschancen dieser jungen Leute sind sehr gut – die Palette der Orte, wohin sie berufen wurden, reicht von Hamburg über München bis nach Amsterdam, Cardiff und New York.

Von dem Expertengremium haben Sie nun ein Feedback erhalten. Was ist der Grund für die Ablehnung Ihres Antrags?
Ich kann nicht aus dem vertraulichen Gutachten zitieren und will auch nicht als schlechter Verlierer dastehen und das Verfahren kritisieren, nachdem wir davor zweimal so erfolgreich abgeschnitten haben. Dennoch ist das Ergebnis enttäuschend, zumal wir den Eindruck haben, dass unser Antrag nicht auf die wohlwollendste Lektüre gestoßen ist. Jeder weiß, dass unser Forschungsverbund in Frankfurter wissenschaftlichen und intellektuellen Traditionen steht – auch, aber nicht nur in der Tradition der Kritischen Theorie. Stets für Neues offen und pluralistisch – das gehört zu unserem Profil, und so erscheint es uns als widersprüchlich, dass die Errungenschaften der vergangenen zehn Jahre positiv hervorgehoben werden, während das Festhalten an diesem Profil nun als Makel gelten soll.

Welcher Ansatz zeichnet Ihr Zentrum für Normenforschung aus?
Unsere transdisziplinäre methodische Perspektive geht davon aus, dass normative Ordnungen, also gesellschaftliche Institutionen- und Regelwerke, „Rechtfertigungsordnungen“ darstellen. Uns sollte daher nicht nur interessieren, welche Regelsysteme und Institutionen bestehen, sondern auch deren normative Begründungen und ihre Akzeptanz. Dann ergeben sich neue Sichtweisen auf nationale und transnationale Krisen, etwa Migrations-, Klima- oder Finanzkrisen. Bei diesen Problemen versagen nicht einfach Institutionen, sondern es wird grundsätzlicher um die Normen und transnationalen Ordnungen gestritten, die auf diese komplexen Probleme antworten können. Um die Analyse solcher normativen Krisen und den gegenwärtigen Rückzug auf nationalistische Narrative ging es bei unserer Neubewerbung für die Exzellenzstrategie. Mit dabei sind viele neue Köpfe wie die Holocaustforscherin Sybille Steinbacher ebenso wie das Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser Gesellschaften in Göttingen, neben unseren bewährten Partnern wie den Planck-Instituten in Frankfurt und Heidelberg und der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Diese Innovationen werden uns im Gutachten nicht ausreichend angerechnet.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft betont ausdrücklich, dass es beim Wettbewerb ausschließlich um internationale Forschungsstärke geht. Andererseits stellt sich gerade in den Geisteswissenschaften die Frage, ob damit nicht auch eine politische Weichenstellung vorgenommen wird?
Ich kenne die Namen der Gutachter, die uns bewertet haben, nicht, habe aber keine Indizien für eine politisch motivierte Bewertung unseres Clusters. Dennoch fühlen wir uns an vielen Stellen mit unserem Antrag nicht richtig verstanden. Daher hätten wir gern die Gelegenheit gehabt, einen Vollantrag zu stellen und diesen zu verteidigen.

Sie haben viel vor, Sie haben viel geleistet, aber nun steht Ihr Zentrum ohne Perspektive da. Was erhoffen Sie sich nun?
Unsere Förderung bricht nicht sofort ab. Wir brauchen aber eine Perspektive, die nicht auf Abbau, sondern auf produktive Fortentwicklung abhebt. Wir haben hier ein florierendes Forschungszentrum aufgebaut, das auch stark in die Lehre der Universität hineingewirkt hat. Die Liste der Seminare, die unsere rund hundert Wissenschaftler seit 2007 angeboten haben, ist lang. Wir trauen uns zu, weiterhin neue Mittel einzuwerben und sehen uns nicht als Eintagsfliege; das internationale Interesse an unserem Verbund ist nach wie vor sehr hoch. Wir wissen die Unterstützung der Universität und ihrer Präsidentin Wolff, wie auch die des hessischen Wissenschaftsministers Boris Rhein sehr zu schätzen, wenn es um Zukunftsperspektiven geht; das ist ermutigend. Erst in der Krise zeigt sich ja die Substanz des Geschaffenen.

Was passiert mit den bereits geschaffenen Professuren?
Die Professuren sind an verschiedenen Fachbereichen angesiedelt, und es ist dem Land und der Universität zu verdanken, dass sie als Dauerstellen erhalten bleiben. Diese Professuren sind ein Pfund für die Weiterarbeit. Die Bereitschaft aller, die bei uns beteiligt waren, jetzt erst recht zu zeigen, was wir können, ist vorhanden. Wir denken, die Dynamik, die wir entfaltet haben, sollte nicht abbrechen – im Interesse der Erforschung der gesellschaftlichen Konflikte und globalen Probleme, die uns alle beschäftigen, nicht nur unseren Verbund.

Interview: Franziska Schubert

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