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Psychiatrie Die Ursachen der Schizophrenie

Forscher finden einen Gen-Defekt, der für Schizophrenie verantwortlich sein kann – doch bei der Früherkennung hilft das nur wenig.

13.06.2016 16:02
Rainer Kurlemann
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Bi polar Foto: Nick Dolding (Stone Sub)

Jeder normale Tag ist ein guter Tag für Patienten mit Depressionen oder Schizophrenie. Früherkennung könnte den Betroffenen helfen. Die psychiatrischen Kliniken in Köln und München beteiligen sich deshalb an einem ehrgeizigen Projekt. Die europaweite Studie PRONIA sucht ein Werkzeug, mit dem sich das Auftreten von Psychosen für jeden einzelnen Menschen frühzeitig und individuell vorhersagen lässt. Es geht um Menschen, die erste psychische Probleme spüren und Hilfe suchen. Die Schwelle für den Besuch in der Früherkennungsambulanz ist bewusst niedrig gehalten. PRONIA soll die Jahre nutzen zwischen den ersten Symptomen und der Eskalation mit einer Einlieferung ins Krankenhaus. Die Studie will den kleinen Teil der Gruppe identifizieren, der später Psychosen entwickeln wird.

Die Forscher kennen viele mögliche Ursachen für Psychosen: der frühe Verlust der Eltern, Gewalt oder sexuelle Misshandlung als Kind, Drogenmissbrauch oder ein schwerer emotionaler Schock. Manchmal ist es auch das Leben selbst: Britische Wissenschaftler haben ermittelt, dass junge Einwanderer aus der Karibik in England ein fünffach höheres Risiko für Psychosen besitzen als die einheimische Bevölkerung. Die Ursache dafür sei ständiger Stress durch soziale Ausgrenzung und mangelnde Anerkennung.

„Aber es gibt natürlich auch Personen, die per se eine hohe Verwundbarkeit besitzen“, erklärt Peter Falkai bei einer Expertentagung für Schizophrenie des LVR-Klinikverbundes im rheinischen Langenfeld. Nach seiner Überzeugung ist es eine Mischung äußerer und innerer Faktoren, die Menschen an Schizophrenie erkranken lässt. „Man muss beides sehen“, sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie der Universität München, „das genetische Setup, mit dem jemand in eine Umwelt geht und die Umwelt, die mit einem agiert.“

„Das Verschieben des Ausbruchs der Erkrankung wäre schon ein wesentlicher Gewinn“, sagt Stephan Ruhrmann, Leitender Oberarzt der Uni-Klinik Köln. Schaut man auf die Statistik, so besteht dazu eine gute Chance. Im Fall der Schizophrenie werden die Patienten im Durchschnitt kurz vor dem 30. Lebensjahr erstmals wegen einer Psychose in eine Klinik aufgenommen. Doch die Betroffenen zeigen die ersten, noch nicht charakteristischen, Symptome schon einige Jahre früher – durchschnittlich mit 22 oder 23 Jahren. Die ersten Monate der Studie verliefen vielversprechend. Eine Mischung aus Untersuchungen, kognitiven Tests, Elektrophysiologie und bildgebenden Verfahren zur Analyse der Hirnstruktur lieferte genug Daten, dass die Forscher den Übergang in eine Psychose womöglich mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent voraussagen können. „Die ersten Daten gehen in diese Richtung“, sagt Falkai betont vorsichtig, „aber wir müssen gucken, ob sich das hält.“

Die Rolle der Gene ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Dabei gibt es interessante neue Erkenntnisse. US-Forscher unter Führung des Broad-Instituts der Harvard-Universität werteten für eine Studie mehr als 65 000 DNA-Analysen aus: das Erbgut von Gesunden, von Schizophrenie-Patienten, etwa 700 Gehirne von Verstorbenen wurden ebenfalls untersucht. Die Wissenschaftler entdeckten dabei, wie ein einziger Fehler im Erbgut die Struktur des Gehirns schädigt und Schizophrenie begünstigt. Das fragliche Gen codiert ein Protein, das Verbindungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns (Synapsen) abbaut. Während der Mensch heranwächst, muss das Netzwerk der Nervenzellen immer wieder gestutzt werden. Manche Synapsen, die bei Kindern wichtig sind, benötigen Erwachsene nicht mehr. Nach den Erkenntnissen des Teams aus Harvard werden durch den genetischen Fehler zu viele Synapsen mit Schild „Kann weg“ belegt. Das Ergebnis ist ein überdurchschnittlich großer Verlust an grauer Substanz im Gehirn – ein Befund, den Ärzte bei vielen Schizophrenie-Patienten seit langem kennen. Die Betroffenen haben Halluzinationen, Denkstörungen, Verfolgungswahn und fremde Stimmen im Kopf: Vereinfacht bedeutet Schizophrenie die Krankheit der unkontrollierbaren Gedanken.

Falkais Team hat die neue Gen-Studie bereits in sein Vorhersagewerkzeug einfließen lassen – ohne erkennbare Auswirkungen. Die Rolle des Erbguts scheint bisher schwer zu fassen. Bisher wurden Fehler in 107 Genen mit Schizophrenie in Verbindung gebracht. Das Risiko durch ein einzelnes Gen ist deshalb nur gering. Meist müssen mehrere Fehler im Erbgut zusammen kommen. Falkai hofft, dass sich solche genetischen Muster finden lassen. „Wenn wir Gruppen bilden, bestimmte Gen-Orte kombinieren, könnte das Erfolg haben“, sagt er.

Generell ist fraglich, ob die Betroffenen das Ergebnis der Prognose überhaupt akzeptieren werden. „Wir können Schizophrenie ganz gut behandeln“, erklärt Wolfgang Gaebel, Präsident der European Psychiatric Association. Aber trotzdem gebe es eine große Behandlungslücke. „Etwa 20 Prozent der Betroffenen lassen sich nicht therapieren“, schätzt Gaebel. Einige halten sich nicht für krank. Andere beenden die Therapie zu früh. Doch gerade Schizophrenie hat noch ein anderes Problem. „Viele psychische Erkrankungen sind stigmatisiert und haben einen schlechten Ruf“, sagt Gaebel, „die Patienten kriegen das mit und wollen sich nicht erklären.“ Depressionen seien inzwischen etwas salonfähiger geworden. „Aber Schizophrenie?“, sagt er, „diese Krankheit möchte keiner haben.“

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