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Problemviertel Pariser Banlieue trifft Berliner Kiez

Die Problemviertel Clichy-sous-Bois und Neukölln kämpfen beide gegen Jugendgewalt und Perspektivlosigkeit, doch ihre Strategien sind sehr unterschiedlich.

20.04.2011 20:37
Jeannette Goddar
Bei einem Theaterprojekt kommen die Jugendlichen sich näher. Foto: Boris Bocheinski

Die französischen Sozialarbeiter hatten keine genauen Vorstellungen von einem deutschen Brennpunkt-Viertel. Doch derart pittoreske Einschübe hatten die Besucher aus der Pariser Vorstadt nicht erwartet. Was sie auf ihrem Weg durch den Berliner Kiez alles zu sehen bekommen, können sie kaum glauben: Eine alte Dorfschmiede, böhmische Bauernhäuser, ein historisches Schulgebäude.

Das Viertel um den Neuköllner Richardplatz ist der älteste Teil, den Berlin vorzuweisen hat. Und, natürlich so hübsch zurecht gemacht, dass Gäste hier nur beeindruckt sein können. Als kurz vor dem Rathaus auch noch linkerhand eine Oper ins Blickfeld rückt, ist die Verwirrung der französischen Besucher komplett: So sehen in Berlin die Banlieues aus?

Aus einer solchen stammt nämlich die Gruppe; und zwar aus einer, deren Berühmtheit einen zweifelhaften Anlass hat: Als ein 15- und ein 17-jähriger Junge auf der Flucht vor Polizisten ums Leben kamen, gingen 2005 von Clichy-sous-Bois die schwersten Jugendunruhen der französischen Nachkriegsgeschichte aus. Autos gingen in Flammen auf, Turnhallen brannten – über Wochen, in immer mehr Vorstädten.

Tausende Jugendliche, die gern etwas erleben würden

Aus aller Welt blickte man plötzlich nach Clichy, das im Kern so aussieht wie die meisten Brennpunkt-Viertel dieser Art: Es gibt kein Kino und kein Schwimmbad, vor allem aber keinen Anschluss an die Außenwelt. Die Busfahrt ins 15 Kilometer entfernte Pariser Zentrum dauert mehr als eine Stunde. Was es gibt, sind tausende Jugendliche, die gern etwas erleben würden und auch gern eine Perspektive hätten. Doch die meisten von ihnen kommen aus Einwandererfamilien und haben wegen ihrer Herkunft und ihres Wohnorts kaum Chancen auf eine Ausbildung.

Seit den Unruhen im Jahre 2005 hat sich Einiges getan in Clichy-sous-Bois. Unter anderem ist ein Austausch mit Neukölln entstanden: jenem Berliner Bezirk, der in der Öffentlichkeit vor allem als „Endstation Neukölln“ bekannt wurde. Als ein Ort, an dem Lehrer Hilferufe aus unregierbaren Schulen schreiben und wo, so hört man es jedenfalls auch in Clichy-sous-Bois immer wieder, arabische Großfamilien ganze Quartiere kontrollieren, in die sich auch die Polizei kaum noch traut. Und wo, genau wie in Clichy, tausende Jugendliche mit wenig glorreichen Zukunftsaussichten auf engem Raum zusammenkommen.

Welches Potenzial die an sich unrühmlichen Parallelen haben, hat als erster Ditmar Staffelt erkennt: Ein SPD-Abgeordneter, den die Neuköllner in den Bundestag gewählt haben. Bei einem Besuch einer Schule in Clichy, erzählt er, da sei ihm sofort klar geworden: „Die Probleme sind ähnlich – dann muss doch auch ein Austausch sinnvoll sein.“

Den gibt es seither auf mehreren Ebenen. Unterstützt wird die Kooperation vom Deutsch-Französischen Jugendwerk und dem Institut für Migrations- und Sicherheitsstudien in Berlin. Schüler proben gemeinsam ein Theaterstück. Polizisten besuchen sich auf der Wache. Sozialarbeiter in Sozialprojekten, Bezirkspolitiker in ihren Ämtern – sie alle treffen sich immer wieder zur Diskussion. So wie kürzlich im Rathaus, zur Eröffnung der Ausstellung „Clichy ohne Klischee“.

Welche Gemeinsamkeiten es tatsächlich gibt, gilt es bei diesen Treffen erst einmal herauszufinden. Dass der idyllische Eindruck des Spaziergangs über den Richardplatz täuscht, liegt auf der Hand: Die Arbeitslosenquote im Norden Neuköllns ist doppelt so hoch wie in Berlin. Sechzig Prozent der Menschen sind nichtdeutscher Herkunft; die meisten aus türkischen, gefolgt von jugoslawischen und arabischen Familien.

Die Last ihrer sozialen Lage tragen vor allem die Kinder. „An manchen Schulen bekommen acht von zehn Kindern staatliche Unterstützung,“ erklärt die Bildungsstadträtin Franziska Giffey. Und dennoch, sagt die erst 33-jährige Stadträtin mit Blick auf Fotos von Jugendlichen aus Clichy, „gibt es Hoffnung. Dort wie hier.“

Die Fotos an den Stellwänden zeigen tatsächlich, dass auch in einer Satellitenstadt nicht alles Elend ist. Auch dort rasen Jugendliche auf dem Skateboard umher, halten Händchen auf der Mauer oder stehen beim Breakdance Kopf.

In Neukölln macht nicht zuletzt das immense Engagement Hoffnung: Hunderte, wenn nicht tausende, kämpfen für mehr Chancengleichheit. Unter ihnen sind die aktuelle Präsidentengattin Bettina Wulff und die ehemalige Christina Rau, Kabarettisten wie Kurt Krömer und Murat Topal und Unzählige, die nicht so bekannt sind. „2025 wird es soweit sein,“ lästert einer der Helfer bereits, „dann wird jeder Neuköllner sein Projekt haben!“

Der das sagt, ist kein Comedian. Dennoch ist er in Neukölln fast so bekannt wie Kurt Krömer und Murat Topal. Kazim Erdogan ist Psychologe, und zwar einer, der sich selbst als „Artist“ bezeichnet: ein Künstler darin, „die Schätze in den Menschen zu bergen.“ Der 58-Jährige lädt türkische Väter und Ehemänner zur Männergruppe, mit Erfolg: „50 kommen jede Woche.“

Die zehn Franzosen aus Clichy, von denen jeder dritte ebenfalls selbst aus einer Migrantenfamilie stammt, wollen kaum glauben, was sie da hören. Mit Männern über Familie und Erziehung reden? Über Sex, Gewalt und Ehre? Über Spielsucht und Alkoholismus? „Ja, ja!“, ruft Erdogan ihnen entgegen. Und wie froh die Männer seien, über ihre Probleme einmal jenseits von Moschee oder Männercafé reden zu können. „Plötzlich mischen sie sich ein“, schwärmt er, „in Debatten über Erziehung oder Bildungspolitik – über Dinge, über die sie angeblich nie sprechen wollen“!

Beeindruckte Franzosen

Die Franzosen sind beeindruckt, aber skeptisch. Auch in Clichy-sous-Bois, erzählt ein Stadtrat, seien zahllose Väter „physisch oder mental abwesend“. Ihr Selbstbewusstsein sei durch Jahre in Arbeitslosigkeit zerstört: „Wie soll man ihr Interesse wieder wecken?“ Eine Sozialarbeiterin klagt: „Wir kommen mit unseren Themen nicht an sie ran.“

Kazim Erdogan hat einen einfachen Tipp – wenn auch einen, der viel Raum für Spekulation lässt, wen und wie viele er damit eigentlich kritisiert: „Wenn Sie oben stehen und nach unten schreien, wird das nichts! Sie müssen zu den Menschen!“ Dann entlarvt er noch den Begriff „Bildungsferne“ als schlimmes Schimpfwort; Stigmatisierung als Gift für jeden Erfolg. Am Ende sagt eine Französin zu ihrer Kollegin: „Ich glaube, ich muss darüber noch einmal nachdenken.“ Das ist auch Sinn und Zweck des Austauschs. „Wer sieht, wie es andere machen, denkt automatisch auch darüber nach, was er selber tut. Und was zu Hause selbstverständlich ist, wird anderswo ebenso selbstverständlich in Frage gestellt,“ erläutert Mechthild Baumann, die den Austausch für das Institut für Migrations- und Sicherheitsstudien koordiniert. Wolfgang Hecht vom Nachbarschaftsheim Neukölln hat ein plastisches Beispiel: „Wenn ich sehe, dass in ehemaligen Kolonialstaaten viel mehr Kinder die Sprache gut sprechen – und sie trotzdem benachteiligt sind, dann frage ich mich doch: Ist unsere Annahme, die Sprache sei das größte Hindernis, überhaupt richtig? Und wenn nicht: Welche anderen Hürden gibt es?“

Der Besuch von Menschen mit einem anderen Hintergrund hilft aber auch, sich selbst neu zu verorten. Die Besucher aus Clichy sind nicht nur über das einst böhmische Dorf überrascht. Sondern auch darüber, dass Neukölln so ganz anders liegt: Die meisten sozialen Brennpunkte in Deutschland, wird den Gastgebern da schnell klar, liegen immerhin mitten in der Stadt – und nicht auf der anderen Seite der Autobahn. Auch die Ausstattung der Sozialarbeiter-Räume in Berlin überrascht viele. „Wer hat das hier bezahlt, woher haben Sie das Geld?“

Diese Frage wird immer wieder gestellt. Mechthild Baumann erinnert sich an den Besuch der Berliner 2010 in Frankreich. „Viele Vereine dort arbeiten unter noch schwierigeren Bedingungen.“ Das heiße zwar noch lange nicht, dass in Berlin „alles gut und schön ist.

Aber es ändert die Perspektive.“ Unvergessen ist auch das Erstaunen der deutschen Besucher darüber, dass in Clichy die Polizei Jugendfreizeitzentren betreibt. So etwas, staunte die inzwischen verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig, wäre in Deutschland undenkbar.

Während die Jugendlichen weite Teile des Wochenendes mit Proben für ihr gemeinsames Theaterstück verbringen, gehen deutsche und französische Bezirkspolitiker, Polizisten und Sozialarbeiter am Tag nach dem Besuch bei Kazim Erdogan in Klausur. Gesucht werden neue Wege der Kooperation. „Wie wäre es wenn wir Frauen ins Gespräch brächten?“ schlägt Nassim Bitout, Stadtentwickler in Clichy-sous-Bois, vor. „Per Skype könnten sie miteinander reden; in ihrer Landessprache. Das würde Frauen auf beiden Seiten der Grenze die Möglichkeit geben, zu Wort zu kommen. Sie könnten über ihr Leben reden, aber auch darüber, wie das jeweilige Land sie behandelt.

Die Franzosen, das ist ihnen anzumerken, würden am liebsten sofort mit der interaktiven Verständigung beginnen. Die Deutschen reagieren deutlich zurückhaltender. Da müsse man doch erst einmal gucken, in den kommenden Wochen, ob das überhaupt auf Interesse stoße.

Eines jedenfalls hat sich dem Beobachter an diesem Wochenende auch gezeigt: Auch die Experten der Verständigung verstehen sich noch lange nicht blind.

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