Lade Inhalte...

Private Stiftungen Die geheimen Bildungsmacher

Stipendien, Förderprogramme für Migranten, Beratung von Hauptschülern beim Übergang in den Beruf – private Stiftungen haben fast überall ihre Hand im Spiel. Sie bestimmen mit, was an deutschen Schulen läuft. Rechtfertigen müssen sie sich für Fehlschläge aber nicht.

28.10.2010 20:58
Karl-Heinz Heinemann
Skateboarder in Köln (Archivbild) Foto: dpa

Lange hatte die Stadt Köln die Sanierung der Schulen rund um den Klingelpütz-Park aufgeschoben. Dabei hatten sie wie das gesamte Viertel mit seinem Hinterbahnhof-Charme Erneuerung dringend nötig. Etwa die örtliche Hauptschule: Weil es im Schulgebäude nicht mehr ging, wurden die Schüler in Containern unterrichtet. Bis sich die Montag-Stiftungen der Sache annahmen.

Die Stiftungen „Urbane Räume“ und „Jugend und Gesellschaft“ des millionenschweren Bauunternehmers Carl Richard Montag organisierten Workshops und Ideenkonferenzen. Herauskommen soll nun unter dem Titel „Altstadt Nord“ eine ganz neue Bildungslandschaft, in der verschiedene Schulformen und Freizeiteinrichtungen enger zusammenarbeiten. Montags Jugend-Stiftung steckte einige Hunderttausend Euro in die Planung. Die Baukosten von rund sechs Millionen Euro muss die Stadt tragen. Doch die Schuldezernentin Agnes Klein ist darüber nicht unglücklich, im Gegenteil: Ohne die Unterstützung von außen, findet sie, hätte sich im Gestrüpp städtischer Planungsbürokratie eine so breite Beteiligung der Betroffenen vor Ort nicht verwirklichen lassen. Offenbar brachte die Initiative die Kommune in Zugzwang, sich endlich um stiefmütterlich behandelte Quartiere zu kümmern.

Stipendien, Förderprogramme für Migranten, Beratung von Hauptschülern beim Übergang in den Beruf – private Stiftungen haben fast überall ihre Hand im Spiel, wo mehr als die Standardleistungen der öffentlichen Schulen geboten werden. Jährlich kommen rund 1000 neue Stiftungen zu den 17500 hinzu, die derzeit im Bundesverband Deutscher Stiftungen registriert sind. Der Aufwärtstrend erklärt sich wohl auch damit, dass seit 2007 jeder, der Geld übrig hat, eine Million Euro steuerfrei in einer Stiftung anlegen kann.

Fördern, was man kreiert hat

So schätzt der Bundesverband das Gesamtvermögen deutscher Stiftungen auf über 100 Milliarden Euro. Rund ein Fünftel fließt in Bildungsprojekte, mindestens noch einmal so viel geht in den Wissenschaftsbereich.

Im Licht der Öffentlichkeit stehen die Robert-Bosch-Stiftung mit ihrem Schulpreis, die Hertie- und die Telekom-Stiftung mit ihren Programmen zur Förderung des technisch-naturwissenschaftlichen Nachwuchses oder von Migrantenkindern. Die kleinen Stiftungen fördern meist Projekte oder Stipendien, die großen sind dagegen auch operativ tätig: Sie zahlen nur für die Projekte, die sie selbst entwickelt haben.

Der Münchner Journalist Thomas Schuler hat jüngst am Beispiel der Bertelsmann-Stiftung nachgewiesen, dass deren Zwecke dabei keinesfalls nur gemeinnützig sind. Die Hauptfunktion der Stiftung sei, das Vermögen der Bertelsmann AG steuerlich günstig zusammenzuhalten. 77 Prozent des Konzerns gehören der Stiftung.

Dabei ist die lukrative Verbindung von Unternehmen und Stiftung nicht frei von Tücke. Ein Konflikt wäre im Fall Bertelsmann wohl vorprogrammiert gewesen, wenn die konzerneigene Dienstleistungsgesellschaft „Arvato“, wie geplant, Privatschulen eingerichtet hätte. Der Plan wurde verworfen. „Man ist in der Stiftung sensibler geworden und achtet jetzt schon darauf, dass sich die Interessen nicht überschneiden“, meint Jörg Dräger, das für Bildung zuständige Vorstandsmitglied der Stiftung. Tatsächlich aber hat „Arvato“ auf das neue Geschäftsfeld verzichtet, weil Privatschulen bisher kein profitables Geschäft darstellen.

Realität geworden ist dagegen das Projekt der „Selbstständigen Schule“, angelehnt an die Mission von Stiftungsgründer Reinhard Mohn, der den öffentlichen Sektor – und damit auch Schulen – nach seinem Modell einer gelungenen Unternehmensführung umgestalten wollte. Das Modellvorhaben „Selbstständige Schule“ ist bereits abgeschlossen – und der Gedanke, Schulleitungen sollten Bildungsstätten eigenverantwortlich führen, in der Schulpraxis von NRW und Niedersachsen angekommen.

Passend dazu initiierte die Stiftung auch „Seis“, ein computergestütztes Instrument, mit dem sich Schulen selbst evaluieren können. Dahinter steht die klare Firmen-Philosophie, nach der auch der Erfolg einer Schule an Zahlen ablesbar sein soll. Dass diese Einstellung heute die Schulpolitik beherrscht, ist auch der Stiftung geschuldet. Um die Umsetzung von Seis kümmern sich mittlerweile die Kultusministerien.

Das ist charakteristisch für die Arbeitsweise der Bertelsmann-Stiftung: Sie kümmert sich nicht um das Klein-Klein in einzelnen Schulen. Vielmehr „ist es unser Anspruch, mit unserer Arbeit möglichst flächendeckend die gesamte Bundesrepublik oder ein ganzes Bundesland zu erreichen“, sagt auch Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Seine Stiftung, die rund 75 Millionen Euro im Jahr investiert, arbeite „am System“ selbst und unterscheide sich in diesem Punkt auch klar von anderen.

Bei Kultusministern zu Gast

Die Stiftung fördert nicht einzelne Schulen, die auf einem Gebiet vielleicht Vorbildliches leisten; sie holt vielmehr die zuständigen Abteilungsleiter aus den Kultusministerien in einer Arbeitsgruppe zusammen, um mit ihnen Innovationen vorzubereiten und durchzusetzen. So ist es kein Wunder, dass Kritiker davon sprechen, in der Gütersloher Stiftungszentrale sitze das heimliche Bildungsministerium des Landes.

Auch die Robert-Bosch-Stiftung will Großes bewegen, versucht dies aber mit anderen Mitteln. Etwa mit dem Deutschen Schulpreis. Damit verschafft sie Projekten Geld und Aufmerksamkeit. Ja, auch sie wolle unternehmerisches Denken fördern, erklärt Ingrid Hamm, die Geschäftsführerin der Stuttgarter Stiftung, die mit einem Vermögen von fünf Milliarden Euro die reichste in Deutschland ist. Im „Change Management“, der Königsdisziplin guter Unternehmensführung, seien die preisgekrönten Schulen besser als die meisten Unternehmen, die sie kenne, so Hamm.

Allen Stiftern ist dabei gemein, dass sie ihr Geld nach eigenem Gusto einsetzen können, sei es für ein Sprachförderprogramm oder ein Beratungsangebot für Hochbegabte. Sie müssen sich keinen Wahlen stellen und keine Rechenschaft ablegen. Und genau da liegt das Problem, meint Wilfried Lohre. Er war lange Projektleiter bei der Bertelsmann-Stiftung und weiß: „Da wird gesagt, das Programm läuft, wir möchten es nun an die Kommune weitergeben. Doch die war an der Entstehung nicht beteiligt und interessiert sich vielleicht gar nicht dafür.“

Das Problem ist immerhin erkannt. Städte und Stifter besser zu vernetzen, ist nun Grundidee der gerade vom Bundesbildungsministerium geförderten Initiative „Lernen vor Ort“. Lohre ist ihr Geschäftsführer. Das Programm soll ein Bildungsmanagement unter der Beteiligung von Stiftungen und Gemeinden in Gang setzen. Lohre: „Die vielen bunten Blumen, die in einer Gemeinde blühen, sollen zu einem Strauß zusammengebunden werden.“

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum