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PR-Aktion Krebshilfe täuscht Tierversuch vor

Um Menschen auf Hautkrebs aufmerksam zu machen, simuliert die Deutsche Krebshilfe einen brutalen Tierversuch - und lässt besorgte Internetnutzer tagelang im Unklaren.

Dem kranken Schwein geht es in Wahrheit gut. Foto: screenshot

Anfang September tauchte auf Twitter ein Link auf (inzwischen Offline), ein Nutzer war scheinbar zufällig darauf gestoßen. Wer darauf klickte, landete auf einer Seite, die einen brutalen Tierversuch dokumentierte: Ein Schwein, das permanent UV-Strahlung ausgesetzt ist.

Bilder zeigten, wie sich die rosa Haut des Tieres erst rötete, dann bildeten sich auf dem Schweinskörper Blasen und offene Wunden. Dazu Laborbilder und das Video eines angeblichen Arztes, der über den Versuch spricht.

Schnell machte der Link im Internet die Runde, unter anderem ein gewisser Nilz Bokelberg, Ex-Viva-Moderator, machte sich daran, es zu verbreiten.

Die Ungereimtheiten

Einigen Bloggern fiel auf, dass einiges an dem Tierversuch seltsam war. Warum war auf der Versuchsseite ein Google-Analytics-Tool eingebaut, um Besucher statistisch zu erfassen? Warum wurden die Videos auf der Seite alle am selben Tag erstellt? Warum wird vor allem das Personal gefilmt anstatt des Versuchstiers?

„Entweder läuft unter … eine geschmacklose Inszenierung eines Tierversuchs, oder es sind Amateure am Werk. Vielleicht sogar beides“, schlussfolgert der Blogger Martin Ballaschk.

Sein erster Vorschlag war ein Treffer: Wenige Tage darauf verkündete die Deutsche Krebshilfe in Stern-TV, dass es sich bei dem Versuch um einen Fake handelte; die Wissenschaftler seien von Schauspielern dargestellt, das „Labor“ ein Raum in einem Krankenhaus in Berlin, das Schwein glücklich und gesund.

Das Ziel der Aktion: Die Krebshilfe will Menschen auf die Gefahren von Hautkrebs aufmerksam machen, insbesondere durch den Besuch von Solarien.

„Die Menschen haben ja oft mehr Mitleid mit einem Tier,  als mit sich selbst oder mit einem anderen Menschen“, begründet Fritz Pleitgen, Präsident der Deutschen Krebshilfe, die Aktion in einem Video. „Mit dieser Aktion werden wir, glaube ich, schon die Leute wachrütteln“, sagt sein Hauptgeschäftsführer.

"Das misslungenste Viral des Jahres"

Das mit dem Wachrütteln hat tatsächlich funktioniert. Allerdings anders als gedacht. „Das misslungenste Viral des Jahres – die Schweinequäl-Videos wären 'Werbung' gewesen“, twitterte der Netzaktivist Sascha Lobo, und der Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier verkündet auf Facebook, er habe Nilz Bokelberg von seiner Freundesliste entfernt.

„Es gibt eine schmale Grenze zwischen Aufrütteln und Erschüttern – erst recht bei einer Kampagne, die sich vorrangig an junge Menschen richtet – und Ihr habt sie überschritten“, ärgert sich dieBloggerin Meike Lobo. „Wegen Videos wie Eurem werden diese Nutzer wahrscheinlich beim nächsten Mal wieder nichts tun.“

Nach so viel Gegenwind veröffentlichte Bokelbergeine eigene Erklärung in seinem Blog. Er habe alles von Anfang an gewusst, gesteht er, „Ich bitte euch ehrlich um Verzeihung“. Er werde so etwas nie wieder tun.

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