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Pisa-Studie Benachteiligte holen auf

Teilerfolg bei der Pisa-Studie: Auch in Deutschland profitieren Jugendliche von gut durchmischten Lerngruppen.

Unterricht
Mit der Stärkung der Schwächsten den Teufelskreis durchbrechen. Foto: dpa

Ein Bildungssystem muss sich auch daran messen lassen, ob sozial Benachteiligte ordentliche Schulleistungen erreichen. Deutschland ist in diesem Punkt deutlich besser geworden, wie eine Sonderauswertung der 2017 veröffentlichten Pisa-Studie zeigt. 32,3 Prozent der sozial besonders benachteiligten 15-Jährigen in Deutschland erreichen demnach mittlerweile Kompetenzstufe 3 im Pisa-Test, dem wichtigsten internationalen Bildungsvergleich.

Bei Kompetenzstufe 3 handelt es sich nicht um herausragende Ergebnisse. Aber es geht um das, was nach Einschätzung der Forscher nötig ist, um später einigermaßen gut am modernen Berufsleben teilzunehmen. Im Jahr 2006 erreichte nur ein Viertel der besonders benachteiligten Schüler in Deutschland dieses Niveau. Deutschland liegt, was die Stärkung der Schwächsten angeht, jetzt über dem OECD-Durchschnitt.

In der Sonderauswertung der Pisa-Daten, die mit Förderung der Vodafone-Stiftung erstellt wurde, gingen Forscher insbesondere der Frage nach, unter welchen Bedingungen die Förderung von Schülern mit schwierigen Startbedingungen besonders gut gelingt. Oder, wie OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher es ausdrückt: „Wie kann es gelingen den Teufelskreis von einem ungünstigen sozialem Umfeld, schwachen Schulleistungen und schlechten Chancen am Arbeitsmarkt zu durchbrechen?“ Ein zentrales Ergebnis: Diese Jugendlichen profitieren von gut durchmischten Lerngruppen. Doch sind solche Gruppen womöglich ein Nachteil für stärkere Schüler? Nein, sagt Schleicher. Gemeinsames Lernen wirke sich für alle positiv aus.

Der Chef der Pisa-Studie lobt, dass in Deutschland Ganztagsschulen ausgebaut und Haupt- und Realschulen enger miteinander verzahnt worden seien. Nach dem Schock des katastrophalen Abschneidens bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 habe Deutschland viel getan, sagt Schleicher. Zuletzt sei aber die Dynamik „ziemlich abgeflacht“. Noch einen Hinweis hat Schleicher für die bildungspolitische Diskussion. Es gehe nicht nur darum, wie viele Ressourcen zur Verfügung stünden – sondern auch darum, dass sie richtig eingesetzt würden. „Ein geordnetes und lernorientiertes Klima im Klassenzimmer ist ein entscheidender Faktor hinter dem Schulerfolg bildungsferner Schüler“, sagt er. Dazu sei es wichtig, dass der Schulleiter einen motivierenden Führungsstil habe, und einzelne Lehrer nicht mit schwierigen Klassen alleingelassen würden.

Bemerkenswert ist übrigens: Im internationalen Vergleich macht die Klassengröße keinen entscheidenden Unterschied, ob die sozial benachteiligte Schüler ein ordentliches Niveau erreichen. Vielmehr verweist Schleicher auf das Erfolgsbeispiel Schanghai. Dort unterrichten Lehrer deutlich größere Klassen. Dafür müssen sie weniger Unterrichtsstunden geben. Sie haben mehr Zeit für individuelle Förderung außerhalb des Unterrichts, Treffen mit den Eltern und Unterrichtsbesuche bei Kollegen.

Fragen zur Herkunft

Wer aber gilt in der Auswertung überhaupt als sozial benachteiligter Schüler? Im vergangenen Pisa-Test haben die Schüler auch Fragen zu ihrer Herkunft beantwortet. Dabei wurden Bildung und Beruf der Eltern, aber auch die Verfügbarkeit von Büchern abgefragt. Gebildet wurde ein sozioökonomischer Index – das untere Viertel gilt als benachteiligt.

Eines ist trotz positiver Tendenzen klar: Bildungsgerechtigkeit herrscht in Deutschland noch lange nicht. Es gibt zwar mehr benachteiligte Schüler, die ordentliche Ergebnisse erreichen. Aber zu wenige schaffen sehr gute Ergebnisse. Deutschland hat in der Bildungspolitik in den vergangenen Jahren ein Netz gespannt, durch das weniger Benachteiligte hindurch fallen als zuvor. Aber es fehlt, bildlich betrachtet, noch immer am Trampolin, das es denjenigen mit schlechten Startchancen ermöglicht, bei den Leistungen abzuheben.

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