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Pflege Und plötzlich ist sie da, die Verantwortung für die Eltern

Der Journalist Sebastian Schoepp hat ein bewegendes Buch zum Thema Pflege und den Abschied von der Kriegsgeneration geschrieben.

Seniorin
Eine Branche, in der viel Schönfärberei betrieben wird: Die tatsächliche Situation in Einrichtungen für alte Menschen ist oft ganz anders als angepriesen. Foto: rtr

Am Ende kommt es doch meistens unerwartet. Obwohl wir alle wissen, dass es uns irgendwann erwischt, wir uns vielleicht seit Jahren vor dieser Situation gefürchtet, sie im Kopfkino bereits durchlebt und uns bestenfalls darauf vorbereitet haben. Obwohl wir etliche Berichte über das Thema Pflege gesehen oder gelesen haben – es ist ja anerkanntermaßen ein brennendes – und obwohl wir wissen, wie stark die Sorge um hilfsbedürftige Eltern an den Kräften von Töchtern und Söhnen zehren kann.

Wenn es einen dann jedoch selbst trifft, kann man sich leicht überrumpelt fühlen von den lawinenartig anrollenden Problemen, die abgearbeitet werden müssen; und das meist sehr schnell. So erging es auch Sebastian Schoepp, Jahrgang 1964, ledig, kinderlos, Redakteur im Politikressort der Süddeutschen Zeitung. Vier Jahre lang, von 2012 bis 2016, hat er sich zunächst um beide Elternteile und nach dem Tod seines Vaters um seine Mutter gekümmert. Über seine Erfahrungen während dieser Zeit, das Abschiednehmen von seinen Eltern – auch von dem Bild, das er jahrzehntelang von ihnen hatte – und darüber, wie er sie fast noch einmal neu kennenlernte, hat der Journalist ein Buch geschrieben: „Seht zu, wir ihr zurechtkommt“, heißt es. Ein Titel, der sich doppeldeutig verstehen lässt: So mögen sich pflegende Angehörige angesprochen fühlen in ihren Empfinden, in einem „egozentrischen System“ – ein Zitat aus dem Buch – allein gelassen zu werden. Daneben kann der hartherzig klingende Spruch aber auch als eine Art Leitmotiv gelten, das jene Menschen begleitete, die wie die Eltern des Autors in den 1920er Jahren geboren wurden. Zu dieser Lesart passt der Untertitel des Buches: „Abschied von der Kriegsgeneration“.

Diese beiden Ebenen, das Verbinden von Schoepps Erleben während der „Pflegejahre“ mit den Biografien seiner Mutter und seines Vaters macht das Buch zu etwas Besonderem, hebt es ab von anderen, die sich mit dem Thema Pflege beschäftigen. Viele, die zwischen Ende vierzig und Mitte sechzig sind, werden Gedanken, Empfindungen und Momente aus dem eigenen Leben oder ihrem Verhältnis zu den Eltern wiedererkennen: das Gefühl, wichtige Dinge über Vater und Mutter nicht zu wissen zum Beispiel. Etwa, was ihnen im Krieg widerfahren ist, wie sie sich selbst verhalten haben, wie ihre Einstellung war zu dem, was damals in Deutschland geschah. Ob Vater im Krieg einen anderen Menschen erschossen hat? Wurde Mutter als junge Frau vergewaltigt? Das eigene Aufbegehren in den Siebzigern. Die verstörende Erkenntnis, wenn die Rollen vertauscht und die Eltern nicht mehr die „Festung“ sind, die sie in Kindertagen waren. Das schlechte Gewissen als stetiger Begleiter, das nagende Gefühl, nicht genug zu tun. Das Absagen privater Verabredungen und Urlaube. Die Kommentare anderer. Die verbreitete Unkenntnis zu diesem Thema, obwohl es doch so allgegenwärtig ist. Schwer verdauliche Eindrücke in Pflegeheimen. Der süßlich herablassende, distanzlose Tonfall, in dem so häufig über alte Menschen geredet wird. Die große Belastung, die es bedeutet, „neben dem eigenen Leben ein weiteres oder zwei Leben zu schaffen“, wie Sebastian Schoepp schreibt.

Für ihn stellte sich die Frage dennoch nicht. „Als Einzelkind hat man keine Wahl“, erklärt er. „Man ist als Kind verantwortlich, ob man es wahrhaben will oder nicht.“ Aus Sicht vieler Menschen dürfte er für die Entscheidung, sich um seine alten Eltern zu kümmern, einen hohen Preis bezahlt haben. Die Beziehung mit seiner Freundin scheiterte, er verzichtete auf berufliches Fortkommen und nahm eine Korrespondentenstelle in Buenos Aires nicht an. Sein Selbstbild als „unternehmungslustiger Kosmopolit“ zerstob. Bereut habe er seinen Entschluss nie, sagt er.

Sebastian Schoepp ist als Einzelkind in einer bayerischen Kreisstadt aufgewachsen. Eine behütete Kindheit in den 1960er und 1970er Jahren, typisch für viele aus der Babyboomer-Generation. Der Umgang zwischen Eltern und Kind war auf eine gemäßigte Weise liebevoll, immer auch geprägt von Distanz und wenig körperlicher Nähe. „Das Knuddelige war nicht präsent“, beschreibt er es. Die Eltern waren beide Chemiker, man hatte ein Häuschen, keine materiellen Sorgen, der Krieg lag mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte zurück, gesprochen wurde darüber so gut wie gar nicht. Vielen sei nicht bewusst gewesen, wie sehr ihnen der Krieg in den Knochen steckte, ist Sebastian Schoepp überzeugt, Erinnerungen seien „abgewehrt“ worden. Auf seine Fragen gab es nur einsilbige Antworten, über die Nazis wurde geredet, als wären das „Außerirdische gewesen, die sich zwölf Jahre lang im Land aufhielten“. Verdrängen als Überlebensstrategie – das eigneten sich Millionen Deutsche aus der Kriegsgeneration an und legten es bis an ihr Ende nicht ab.

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