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Pflanzensterben Fataler Domino-Effekt

Das Verschwinden von Pflanzen führt in der Folge zum Aussterben von Tierarten.

Die Glockenblumen-Scherenbiene ist gleich auf doppelte Weise vom Aussterben bedroht. Foto: Andreas Haselböck

Die Glockenblumen-Scherenbiene ist bei ihrem Speiseplan so wählerisch wie einseitig: Die Insekten sind auf die Rundblättrige Glockenblume als wesentliche Nahrungsquelle spezialisiert. Genau diese Fixierung könnte den Tieren zum Verhängnis werden. Denn die einstmals so häufige, vor allem auf nährstoffarmen Böden wie mageren Wiesen oder Weiden gedeihende Rundblättrige Glockenblume wird in unserem Ökosystem zunehmend seltener – eine Folge des Klimawandels und der Vernichtung des für von ihr benötigten Lebensraumes. Weil damit den Glockenblumen-Scherenbienen ihre Nahrungsquelle verloren geht, ist auch ihre Existenz durch das Verschwinden der Pflanzenart gefährdet.

Kein Einzelschicksal indes: Wissenschaftler vermuten, dass das Verschwinden von Pflanzenarten auch im größeren Stil das Aussterben von Tierarten in Gang setzt. Zu diesen Erkenntnissen ist ein internationales Team unter der Leitung von Senckenberg-Forschern gekommen, ihre Studie wurde kürzlich im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht.

Die Forscher erstellten für ihre Studie Modelle, wie empfindlich mehr als 700 Pflanzen- und Tierarten in Europa auf mögliche zukünftige Klimaveränderungen reagieren könnten. Diese Modelle wiederum verknüpften sie mit Informationen zum Zusammenspiel von Pflanzen mit ihren Bestäubern und Samenausbreitern. Die Simulation zeige, „dass der initiale Funke von Aussterbekaskaden“ in Folge des Klimawandels vor allem von Pflanzen ausgehe – und sich dann indirekt auf Tiere übertrage, erklärt Matthias Schleuning vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.

Den Wissenschaftlern zufolge bedroht dieser Domino-Effekt vor allem Insekten, die auf die Interaktion mit bestimmten Pflanzenarten angewiesen sind – das gilt umso mehr, je kleiner die Auswahl an potenziellen Nahrungsquellen ausfällt. Anders als Generalisten reagieren diese Tiere auch empfindlicher auf den Klimawandel. „Diesen Spezialisten geht in Zukunft gleich doppelt an den Kragen“, erklärt Christian Hof vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum: „Nach unseren Analysen haben sie nämlich zudem eine enge klimatische Nische und sind damit auch direkt durch eine zukünftigr Temperaturerhöhung bedroht.“

Genauso verhält es sich mit der Glockenblumen-Scherenbiene. Auch sie hat ein doppelste Risiko, auszusterben, wie Jochen Fründ, Ko-Autor der Studie von der Universität Freiburg sagt: „direkt durch den Klimawandel als auch indirekt durch das Verschwinden einer wichtigen Nahrungspflanze wie der Rundblättrigen Glockenblume“. Pflanzen hingegen verkrafteten den Verlust ihrer tierischen Partner besser, hier gebe es nur „geringe Rückkopplungseffekt“, schreiben die Forscher. Das habe damit zu tun, dass die Tiere, die besonders unter dem Klimawandel leiden, in der Regel nur mit wenigen Pflanzenarten vernetzt seien und letztere zudem meist von verschiedenen Bestäubern besucht würden, daher kaum unter dem Verlust einzelner Insektenarten litten.

Ihrem Schicksal könnten Tiere wie die Glockenblumen-Scherenbiene nur entgehen, wenn sie beim Verschwinden bestimmter Pflanzenarten „in großem Umfang“ auf andere Partner ausweichen, schreiben die Wissenschaftler. Indes: Inwieweit diese Tiere in der Lage sind, sich umzuorientieren, ist ungewiss. Die Forscher befürchten, dass Insekten, die während ihres gesamten Lebenszyklus‘ auf bestimmte Arten angewiesen seien, die Umstellung kaum gelingen wird. Diese Tierklasse sei deshalb stärker gefährdet als etwa Vögel, die ebenfalls Pflanzen fressen, sich aber in der Regel bei der Nahrungswahl als flexibler erwiesen. „Unsere Studie zeigt, dass der Klimawandel viele Tierarten nicht nur direkt bedroht, sondern zusätzlich indirekte Effekte zum tragen kommen“, erklärt Matthias Schleuning. „Der Klimawandel könnte sich daher negativer auf die biologische Vielfalt von Tieren auswirken als bisher angenommen.“

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