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Peru Der Preis des Avocado-Booms

Die Avocado gilt als wundersame Superfrucht. Sie ist im Dip, im Smoothie, in der Körperlotion. Eines ihrer Hauptanbaugebiete ist Peru. Dort zeigt sich die Kehrseite des Trends.

06.01.2017 15:51
Constanze Bandowski
Welthungerhilfe Peru
Putzig sehen die Alpakas aus. Es sind aber Nutztiere. Foto: Karin Desmarowitz

Gwyneth Paltrow schwört seit Jahren auf die Kraft der Avocado. Gerade erst hat die US-Schauspielerin ein neues Kochbuch herausgebracht. Vor allem ihre Avocado-Toasts sind bei ihren Fans beliebt. Miley Cyrus schmiert sich das grüne Fruchtfleisch ins Gesicht und erntet dafür 3570 Kommentare auf Instagram. Auf dieser Plattform warb auch der deutsche Lebensmittelhändler Edeka im vergangenen Sommer anlässlich der Olympischen Sommerspiele für die ovale Frucht: „Unsere Avocado ist in Topform – genau wie die Sportler der Deutschen @Olympiamannschaft! Keep it on!“

Im Rennen um die Goldmedaille der sogenannten Superfoods ist die Avocado ganz weit vorn. Ihr hoher Nährstoffgehalt macht sie zu einer der gesündesten Obstsorten weltweit: Mehr als 20 Vitamine und Mineralstoffe stecken unter der ledrigen Schale, darunter Vitamin A, C, E und K, Folsäure, Kalzium, Kalium und Magnesium. Trotz hoher Fettanteile enthält die Avocado kaum Cholesterin, dafür aber jede Menge ungesättigte und damit gesunde Fettsäuren. Richtig konsumiert soll sie sogar beim Abnehmen helfen. Seit langem schon verarbeitet die Kosmetikindustrie die Wunderfrucht in Cremes und Lotionen für die Gesichts- und Körperpflege. In Deutschland ist der Verbrauch von Avocados in den vergangenen fünf Jahren um mehr als ein Drittel auf zuletzt 44 650 Tonnen gestiegen.

Für den Boom sorgt nicht nur der zeitgeistige Gesundheitstrend. Die Erzeugerländer bewerben die grüne Frucht auch mit allen Raffinessen moderner Marketingstrategien. Peru, der Hauptlieferant des deutschen Marktes, startete 2014 eine breit angelegte Kampagne mit Probierständen in Supermärkten, intensiver Pressearbeit und einer Website unter dem Namen „Köstliche Avocados“. Dahinter steht der peruanische Verband der Produzenten von Avocados der Sorte Hass. Der will Weltmarktführer Mexiko den Rang ablaufen.

Wie Mexiko hat jedoch auch Peru mit den Folgen der exportorientierten Agrarindustrie zu kämpfen. Landwirtschaftliche Produkte belegen nach Bodenschätzen und Fischereierzeugnissen Platz drei auf der Liste peruanischer Ausfuhrgüter. Neben Kaffee, Zucker oder Baumwolle vertreibt der Andenstaat immer mehr Weintrauben, grünen Spargel oder eben Avocados.

Eines der Hauptanbaugebiete der Modefrucht ist die Region Ica an der trockenen Pazifikküste, 300 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Lima gelegen. Allein in der Provinz Ica rund um die gleichnamige Regionalhauptstadt stehen rund 400 Quadratkilometer Land unter Pflug. Die Plantagen sind zusammengenommen etwas größer als der Stadtstaat Bremen und dehnen sich von Jahr zu Jahr aus. Allein die Anbaufläche von Avocados hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Im Jahr 2014 wurden auf 1235 Hektar mehr als 10 000 Tonnen der birnenförmigen Früchte mit dem harten Kern produziert. Mehr als 90 Prozent der Ernte ging per Schiff oder Flugzeug in alle Welt, der größte Teil nach Europa und in die Vereinigten Staaten. Jetzt wollen die Avocadoproduzenten auch den chinesischen Markt erobern, wofür sie den Ertrag extrem steigern müssen.

Die peruanische Pazifikküste ist staubtrocken. Avocadobäume, grüner Spargel oder Weinstöcke brauchen aber viel Feuchtigkeit. 2011 hatte die nationale Wasserbehörde ANA (Autoridad Nacional del Agua) erstmalig den Wassernotstand für die Region Ica erklärt, die seit Jahren über ihre Wasserverhältnisse lebt. Aktuell verbraucht sie 76 Prozent mehr Wasser, als die lokalen Ressourcen hergeben. Der Grundwasserwasserspiegel, die Böden versalzen. Da hilft auch das Wasser aus den oberen Anden nicht. Seit einem halben Jahrhundert ermöglicht ein System aus Stauseen auf bis zu 4500 Metern Höhe und Kanälen die grüne Revolution in Icas Wüste.

Ohne weitere Maßnahmen, so prophezeit es die Behörde, sind innerhalb von zehn Jahren mehr als drei Viertel aller landwirtschaftlichen Nutzflächen von extremer Wassernot betroffen. Der exportorientierte Anbau soll aber wachsen, und so beschloss das peruanische Landwirtschaftsministerium im April 2014, knapp 175 Millionen Euro in die Erweiterung des Kanalsystems und größere Stauseen 200 Kilometer nordöstlich von Ica zu investieren.

Damasco Auris Nuñez ist stinksauer. Der Alpakazüchter steht mit bebender Brust vor dem Hauptkanal Choclococha, der sich durch die karge Hochgebirgslandschaft windet. Die Sohle des Kanals liegt drei Meter tief in der steinigen Erde, an der Oberfläche ist der Wasserweg neun Meter breit. Noch ist das Betonbett leer, aber wenn in der Regenzeit der Pegel des Stausees Choclococha steigt, verwandelt sich der Kanal in eine Hochleistungstrasse, durch die das Wasser mit hoher Geschwindigkeit hinab in Richtung Küste rauscht.

„Hier sind schon Menschen zu Tode gekommen“, wettert Damasco Auris Nuñez. Zum Beispiel der Neffe seines Nachbarn Julián Villa Ramos. Der Vierjährige fiel beim Spielen in den reißenden Strom. Elf Kilometer weiter unten blieb seine Leiche an einem Brückengitter hängen. Nur wenige Zäune schützen Menschen und Tiere vor dem Absturz. Im vergangenen Jahr ersoffen fünf Alpakas von Auris Nuñez in den Fluten.

Der Kanal durchtrennt traditionelle Weidegründe und Landbesitz. Er verhindert natürliche Abläufe und Versickerungsprozesse. Hochmoore und Weiden vertrocknen, den Alpakas geht das Futter aus.

Auch der Klimawandel wirkt sich aus: Die Gletscher schmelzen, die Temperaturen steigen, die Böden werden trockener und Extremwetter wie plötzliche Starkregen nehmen zu. Wenn der Kanal das Wasser nicht mehr aufnehmen kann, öffnet das staatliche Unternehmen Petacc (Proyecto Especial Tambo Ccaracocha) die Schleusen. Und dann überschwemmen die Wassermassen die Weiden, Felder und Hütten der Viehzüchter.

Ricardo Pérez kann ein Lied davon singen. „Wenn sie den Kanal öffnen, steht mein Land wochenlang unter Wasser“, berichtet der 72-Jährige und seufzt müde. Wie jeden Morgen hat er seine Herde auf die Weide getrieben und verschnauft in der taufrischen Luft. Kein Laut ist zu hören. Nur die Alpakas summen beim Grasen wie ein emsiger Bienenschwarm. Pérez sagt: „Die Sonne erhitzt das stehende Wasser, es bilden sich Bakterien, Gase steigen hoch. Die Tiere bekommen Durchfall und Infektionen. Viele sterben.“

Der Kanal windet sich mitten durch das Land des Alpakabauern. Weil Brücken fehlen, kann Pérez die oben am Berg liegenden Flächen nicht mehr nutzen. So ist sein Land und damit auch seine Herde um mehr als die Hälfte geschrumpft. Die Zahl seiner Alpakas ist von 500 auf 230 zurückgegangen, statt 90 Schafe besitzt er heute nur noch 55.

„In zehn Jahren habe ich rund 200 Alpakas und 90 Schafe durch Krankheit oder Ertrinken verloren“, sagt der alte Mann. Er zeigt einen Haufen Briefe und Anträge, in denen er Entschädigungen von Petacc für seine Verluste sowie den Bau von zwei Brücken fordert. 2013 hatte er um Arbeitsplätze für seine Kinder gebeten, da der Kanal die Familie in schwere Armut gestürzt hat. „Nichts ist passiert“, sagt er leise. „Petacc beschäftigt schon lange niemanden mehr von uns. Ich habe oft überlegt, dass ich weggehen müsste. Aber wohin soll ich denn gehen? Ich habe immer hier gelebt. Das ist mein Land.“

Seine Vorfahren haben seit Jahrhunderten auf dem Hochplateau von Castrovirreyna Alpakazucht betrieben. In Höhen zwischen 4000 und 5000 Metern gibt es kaum andere Einkommensmöglichkeiten. Das Leben der Viehzüchter ist immer hart und voller Entbehrungen gewesen, aber es hat eine lange Tradition.

Die Quechua gehören zu den indigenen Völkern und genießen nach internationalen Vereinbarungen wie dem Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation oder den Freiwilligen Leitlinien zu Landnutzungsrechten besondere Rechte auf ihr Land, das Wasser und ihre Kultur.

Peru hat beide Verträge ratifiziert. Das Übereinkommen trat allerdings erst 1989 in Kraft, die Leitlinien 2012. Das Kanalsystem Choclococha jedoch entstand bereits in den 1950er Jahren. Unter dem diktatorischen Präsidenten Alberto Fujimori wurde es in den 1990er Jahren modernisiert und seitdem regelmäßig erweitert. Jetzt soll die Staumauer am See Choclococha um sechseinhalb Meter erhöht werden. Zudem ist geplant, einen zusätzlichen Kanal von 73 Kilometer Länge in die Erde zu fräsen. Das wollen die Quechua-Familien in dieser Form nicht hinnehmen.

„Wir sind nicht gegen das Projekt, aber wir wollen endlich unseren Nutzen daran haben“, sagt Damasco Auris Nuñez. Der 43-Jährige lässt seinem Frust freien Lauf: „60 Jahre leiden unsere Familien nun schon unter dieser Ungerechtigkeit. Der Kanal nimmt uns das Wasser weg, damit die Unternehmen in Ica reich werden, und wir dürfen es nicht einmal nutzen. Ich bin es leid. Wir werden handeln. Wir werden uns wehren, die Straße blockieren und die Arbeiter nicht zum See durchlassen.“

Seinen Worten zufolge droht dem Andenstaat ein neuer sozialer Konflikt. Die peruanische Ombudsstelle zählte im September 2016 bereits 146 aktive Auseinandersetzungen. Die meisten drehen sich um den Abbau von Bodenschätzen wie Kupfer, Zink oder Gold. Oft greifen die Protestierenden zum Mittel der Gewalt. Sie sind wütend, da sie meist weder in die Planungen miteinbezogen werden, noch bekommen irgendeine Art von Entschädigung bekommen.

Private Unternehmen und die Regierung in Lima handeln die Lizenzen meist unter sich aus. So geschah es auch in der Provinz Ica. Während die Produzenten von Avocados, Baumwolle oder Spargel erfolgreiche Lobbyarbeit betreiben, bleiben die Rechte von Don Ricardo, Damasco Auris Nuñez und den anderen 5000 Quechua-Familien im Wassereinzugsgebiet unbeachtet.

„Dies ist ein klarer Fall von Wasserenteignung“, sagt Javier Alarcón von der Welthungerhilfe. Der Koordinator für Südamerika besucht zum ersten Mal das Projektgebiet. Zusammen mit der peruanischen Partnerorganisation Cepes (Centro Peruano de Estudios Sociales) und der Regionalregierung von Huancavelica, in der die Provinz Castrovirreyna liegt, will die deutsche Organisation die Rechte der Bevölkerung und damit ihre kleinbäuerliche Landwirtschaft und Viehzucht stärken. Dafür führt sie Workshops und Aufklärungskampagnen vor Ort durch und betreibt Lobbyarbeit für die Kleinbauern auf verschiedenen politischen Ebenen bis hin zur Nationalregierung.

„Huancavelica gehört zu den ärmsten Regionen des Landes, obwohl sie reich an natürlichen Ressourcen wie Quecksilber, Kupfer, Gold oder Wasser ist“, erklärt Alarcón. „Davon haben schon immer die privaten Exportunternehmen profitiert. Von den Gewinnen fließt kaum etwas in die Region zurück.“ Zwar gibt es staatliche Sozialprogramme wie Schulspeisungen oder Hilfe für Senioren, auch für die Krankenversicherung ist gesorgt. In den mittleren Höhenlagen existiert seit 2015 zudem ein staatliches Bewässerungsprogramm für kleine bis mittlere Familienbetriebe. Trotzdem ist jedes dritte Kind unter fünf Jahren unterernährt, und die Armutsrate liegt bei knapp 50 Prozent.

„Der natürliche Reichtum unserer Region ist schlecht kapitalisiert worden“, sagt Pedro Cabrera, Leiter für Natürliche Ressourcen und Umweltmanagement der Regionalregierung von Huancavelica. „Die benachteiligte Bevölkerung hat keinerlei Nutzen von diesem Kanalsystem. Alles folgt nur der Logik, bei uns das Wasser abzuzapfen, damit die Küste davon profitieren kann. Es existiert kein ganzheitliches Wassermanagement und das macht sich bemerkbar. Die Wassereinzugsgebiete sind ein fragiles Ökosystem, das gepflegt und nachhaltig bewirtschaftet werden muss. Das ist keine Kuh, die man endlos melken kann. Uns geht das Wasser aus.“

Cabrera fordert Mitsprache bei der Planung der Projekte. Er will die wirtschaftlichen Aktivitäten in seiner Region fördern, die Wasserquellen und Hochmoore schützen und das Wissen der Quechua-Bauern für den Aufbau eines nachhaltigen Wassermanagements nutzen. „Wir wollen ein Spezialprojekt Huancavelica-Ica, das allen nutzt“, sagt er mit Nachdruck.

Ein erster Meilenstein auf diesem Weg ist der Runde Tisch, an dem seit August 2015 Regierungsvertreter aus beiden Regionen und der Hauptstadt Lima mit Kleinbauern, Unternehmern und Vertretern der Zivilbevölkerung ins Gespräch kommen.

Dass dieser Dialog den weiteren Ausbau des Kanalsystems aber tatsächlich beeinflussen kann, glaubt selbst Cabrera nicht so recht. „Da sind sehr starke Interessen im Spiel“, weiß er. Und weltweit steigt die Nachfrage nach grünem Spargel etwa, nach Weintrauben und natürlich nach der wunderbaren Avocado.

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