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Pädagogik Erziehung nach Auschwitz

Eine Vorlesungsreihe der Frankfurter Forschungsstelle NS-Pädagogik widmet sich dem pädagogischen Umgang mit Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus heute.

Marsch der Lebenden
Junge Juden gedenken am 12. April in Auschwitz beim „Marsch der Lebenden“ der Opfer der Schoah. Foto: dpa

Welchen Einfluss hat die NS-Geschichte auf die pädagogische Praxis in Deutschland heute und müssen beispielsweise internationale Rassismus-Theorien auch eigens im deutschen Kontext betrachtet werden? Diese Fragen wollen Katharina Rhein und Z. Ece Kaya, die Leiterinnen der Forschungsstelle NS-Pädagogik, im Rahmen einer öffentlichen Vorlesungsreihe mit Erziehungswissenschaftlern, Experten sowie Studierenden diskutieren.

Historisches Hintergrundwissen über NS-Zeit unerlässlich

Angesichts der aufgeheizten „politischen Gemengelage“ gelte es aktuell genau hinzuschauen. „Wir alle sind in den latenten Alltagsrassismus involviert. Sich bewusst zu machen, dass man selbst nicht frei davon ist“, sei wesentlich auch für die gesellschaftliche Reflexion, betont Rhein. „Um Unrecht zu bekämpfen, müsse man es erst einmal erkennen“, ergänzt ihre Kollegin Kaya. Und dazu sei insbesondere für Pädagogen historisches Hintergrundwissen über die NS-Zeit unerlässlich.

Viele Lehrkräfte seien unsicher, wie sie etwa adäquat mit rassistischen Witzen umgehen sollen, sagt Rhein. Die Berichte über zunehmende antisemitische Äußerungen von Schülern seien ein Indiz dafür, „dass sich die Grenze des Sagbaren erweitert“. Genau das sei auch klare Strategie der Neuen Rechten, Pegida sowie der rechtspopulistischen AfD, wenn etwa AfD-Funktionäre den Hitlergruß zeigen oder deren Chef Alexander Gauland Hitler und die Nazis „nur als ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnet.

Nach der Vorstellung wissenschaftlicher Theorien kommen im zweiten Teil der Vorlesungsreihe Praktiker zu Wort, etwa Mirko Meyerding, Schulleiter der Gesamtschule Ebsdorfergrund. Zusammen mit Schülern hat der Lehrer in Dreihausen bei Marburg ein Gedenkort für deportierte Sinti-Familien angelegt. Zum Thema Antiziganismus hat Meyerding Unterrichtsmaterialien und zusammen mit dem hessischen Kultusministerium ein Handbuch herausgebracht.

Auch Rhein und Kaya halten Vorträge über ihre Forschungsschwerpunkte: den pädagogischen Umgang mit Antisemitismus und Rassismus nach 1945 sowie Kolonialrassismus und Kolonialpädagogik. „Obwohl die Deutschen nur 30 Jahre lang Kolonien hatten, sahen sie sich als die besseren Kolonialherren“, berichtet Kaya. Dabei begangen sie den „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“, bei dem Hunderttausende Herero und Nama umgebracht wurden. Andere Beiträge sensibilisieren Zuhörer für Erinnerungspädagogik oder analysieren rassistische Alltagsdiskurse sprachlich.

Neue Professur geplant

Nachdem der langjährige Leiter der Forschungsstelle, Benjamin Ortmeyer, Anfang des Jahres in den Ruhestand ging, zeichnet sich nun eine Perspektive ab: Die Ausschreibung für die geplante Professur an der Forschungsstelle NS-Padägogik werde noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht, sagte Isabell Diehm der Frankfurter Rundschau. Die Dekanin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften rechnet damit, dass nach der Abstimmung im Senat dann ab dem nächsten Jahr nach qualifizierten Kandidaten gesucht werden könne.

Es gebe einen breiten Konsens im Fachbereich, dass die thematisch ausgerichtete Professur gut vernetzt sein soll mit dem außeruniversitären Fritz Bauer Institut sowie der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank. Geplant sei die neue Professur der „Erziehung nach Auschwitz“ zu widmen.

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