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Pädagogen der NS-Zeit Reformer oder Propagandisten?

Nach den "schrecklichen" Juristen, Medizinern und Wissenschaftlern stehen nun die Pädagogen erneut auf dem Prüfstand der Historiker. Von Katja Irle

07.07.2009 00:07
Von Katja Irle
Peter Petersen (1884-1952) ist der Begründer der richtungsweisenden Jenaplan-Pädagogik. Foto: Uni Jena

Nach den "schrecklichen" Juristen, Medizinern und Wissenschaftlern stehen nun die Pädagogen erneut auf dem Prüfstand der Historiker. Der Frankfurter Forscher Benjamin Ortmeyer attackiert mit seiner neuesten Publikation das Ansehen vier führender Köpfe der Erziehungswissenschaft. Die Enthüllungen über Eduard Spranger, Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen schlugen schon Wellen, bevor das Buch am Montag vom Beltz-Verlag und dem Frankfurter Fritz-Bauer-Institut offiziell vorgestellt wurde: Eine Schule für Lernhilfe in Darmstadt hat sich bereits von seinem Namensgeber Peter Petersen distanziert. Auch andere Schulen in Deutschland denken über Umbenennungen nach, weil ihre Namensgeber ins Zwielicht geraten sind.

Ortmeyer ist nicht der erste, der sich mit der NS-Vergangenheit von Petersen und anderen renommierten Pädagogen befasst. Er geht in seiner Analyse "Mythos und Pathos statt Logos und Ethos" jedoch weit über die bisherige Kritik an der "Anpassungsfähigkeit" der Pädagogen während der NS-Zeit hinaus. "Bisher hat man gesagt: Sie waren verstrickt, aber konnten einfach nicht anders", kommentiert Ortmeyer die bisherige Forschung. Nach der Auswertung aller Publikationen von Spranger, Nohl, Weniger und Petersen kam Ortmeyer zu einer anderen Einschätzung: So hätten alle vier großen Anteil an der Durchdringung der Pädagogik als Mittel der Kriegstreiberei sowie der rassistischen und nationalsozialistischen Hetze gehabt.

Petersens Tätigkeit für das Regime sei mehr als eine Bagatelle. So hatte Petersen als Begründer der Jenaplan-Pädagogik, die bis heute unter Erziehungswissenschaftlern als richtungsweisend gilt, auf Befehl Heinrich Himmlers im April 1944 einen Vortrag im KZ Buchenwald gehalten. Der Titel: "Wissenschaft im Dienst des Lebens Erziehungswissenschaft der Gegenwart." In der Zeitschrift "Blut und Boden" schrieb Petersen 1933: "Weil es dem Juden unmöglich wird, unsre Art innerlich mitzuleben, so wirkt er in allem, das er angreift, für uns zersetzend, verflachend, ja vergiftend und tritt alles in den Dienst seines Machtstrebens."

Für Ortmeyer ist eindeutig, dass Petersens Wirken unter den Nazis nicht länger als der Versuch eines Reformers gesehen werden kann, der zwischen Anpassung und Widerstand schwankte. "Petersen vertrat einen autoritären Erziehungsstil. Er war ein Anti-Demokrat."

Andere Forscher halten Petersen gerade die Jenaplan-Pädagogik mit ihrer humanistischen Grundausrichtung zugute. "Sein Schulkonzept passte nicht zu den Ideen der Nationalsozialisten", sagt Matthias Schwarzkopf, der sich an der Uni Jena, der ehemaligen Wirkungsstätte Petersens, mit der Historie der Erziehungswissenschaft befasst hat. Petersen habe das Individuum in den Mittelpunkt gestellt, begleitet von der Idee der Gemeinschaft.

Andererseits will auch der Forscher aus Jena die Verstrickung Peter Petersens mit dem NS-Regime nicht beschönigen.: "Er hat sich angebiedert."

Auch die Gesellschaft für Jenaplan-Pädagogik hatte sich nach diversen Veröffentlichungen über Petersens Tätigkeit in der NS-Zeit bereits vor einem Jahr von dem Pädagogen distanziert allerdings ohne den Erziehungswissenschaftler ganz in Frage zu stellen. "Man muss damit dialektisch umgehen", sagte der Vizepräsident der Gesellschaft, Hartmut Draeger, der FR.

Er hält Petersen trotz umstrittener Äußerungen für einen "hochengagierten Reformpädagogen", der selbst unter der NS-Diktatur versucht habe, sein humanistisches Schulkonzept aufrecht zu erhalten. Allerdings müsse man neue, belastende Dokumente genau prüfen, so Draeger.

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