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Organspende Widerspruchslösung ist eine große Chance

An der Widerspruchslösung führt beim Thema Organspende kein Weg vorbei. Sie zwingt jeden von uns, eine längst überfällige Entscheidung zu treffen. Eine Analyse.

Spenderorgan
Eurotransplant vermittelt Organspenden in mehreren europäischen Ländern, darunter auch Deutschland. Vermittelt wurden bislang mehr als 120.000 Organe - doch der Bedarf an Spenderorgane ist viel größer. Nur deshalb konnte es zu Skandale wie den um manipulierte Wartelisten kommen. Foto: Imago

Sie hat Angst um ihre Chance auf eine neue Niere, schreibt sie, Angst um ihr Leben. Deshalb möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Anna K., so nennen wir sie, ist Dialysepatientin und wartet dringend auf ein Spenderorgan. Es wäre die zweite Transplantation für sie – die erste Niere wurde nach einigen Jahren abgestoßen. Weil Anna K.s Körper viele Antikörper gegen fremdes Gewebe gebildet hat (was normal ist bei Transplantierten), sind ihre Chancen sehr gering, über Eurotransplant eine passende Niere zu bekommen. Erwachsene warten in Deutschland inzwischen im Schnitt zehn Jahre auf eine Niere, für Patienten wie Anna K. können es einige mehr sein. Es geht ihr nicht mehr gut. Je länger das Warten dauert, desto mehr verfällt der Körper. Herzrythmusstörungen, Blutdruck- und Skelettprobleme, fortschreitende Schwäche sind häufige Begleiterscheinungen. Nicht wenige sterben. Bei Herz- und Lungenkranken ist die Lage noch prekärer.

Anna K. will aber leben und ist deshalb nach Spanien ausgewandert, in das Land mit den europaweit höchsten Organspendezahlen. Sie hat dort eine kleine Wohnung gesucht, sich polizeilich gemeldet und die spanische Sozialversicherungskarte beantragt. Die war das Ticket für die Aufnahme auf die spanische Warteliste. Jetzt hat Anna K. wieder Hoffnung – aber auch Angst. „Ich will nicht von spanischen Behörden als diejenige gesehen werden, die sich hier ihre Niere abholen will“, schreibt sie, denn sie fürchtet, „dass das dann auch schnell unterbunden würde.“ Auch wolle sie keinen „Krankentourismus von Deutschland nach Spanien auslösen“.

Aber den gibt es ohnehin. Andere, die es sich leisten können, wählen den legalen Weg in die USA oder nach Österreich, wo die Wartezeiten auch viel kürzer sind als in Deutschland. Sie zahlen dafür hohe fünf- bis sechsstellige Beträge. Eine unbekannte Zahl schreckt auch vor illegalem Organhandel nicht zurück und kauft sich ein Spenderorgan in Indien, China oder Afrika. Die übergroße Mehrheit aber kann sich Transplantationstourismus schlicht nicht leisten.

Der in Deutschland extreme Organmangel schafft diese Zweiklassengesellschaft. Er stärkt den Organhandel und ist auch Nährboden für  Korruption: Ohne den Mangel hätte es den Skandal um manipulierte Wartelisten kaum gegeben. Auch deshalb ist es inzwischen Konsens, dass Deutschland mehr Spender braucht. Umstritten ist lediglich der Weg dorthin.

Es wird nicht reichen, Entnahmekrankenhäuser besser auszustatten und Transplantationsbeauftragten mehr Kompetenzen zu geben, wie es der Gesetzentwurf des Gesundheitsministeriums vorsieht. Ohne eine Widerspruchslösung, für die Minister Jens Spahn jetzt wirbt, kommt man dem Mangel nicht bei. Schon ein Blick ins europäische Ausland zeigt: Wo sie gilt, sind die Spenderzahlen fast überall höher. Spahn macht ordentlich Wind für sein Modell, und das zu Recht. Die Debatte ist bedeutsam – für die  10.000 Kranken, die auf ein Organ warten, aber auch für uns alle: Es geht um Grundsätzliches, wie die Zumutbarkeit von Solidarität am Lebensende, die Grenzen des Lebens um Menschlichkeit in der High-Tech-Medizin.

Widerspruchslösung lässt die freie Wahl

Falsch ist der Einwand, die Widerspruchslösung bringe durch die Hintertür einen Zwang zur Spende. Sie lässt im Gegenteil jedem die freie Wahl, Ja oder Nein dazu zu sagen. Allerdings zwingt sie dazu, dieses Ja oder Nein auch aktiv zu äußern. Damit muss sich jeder und jede der Frage stellen: Was soll mit mir passieren, wenn ich sterbe? Nur wer das nicht tut, soll automatisch als Spender gelten. Der Entscheidungszwang ist nicht nur zumutbar, sondern wünschenswert.

Denn für uns alle wird es immer unumgänglicher, sich schon früh mit dem eigenen Tod zu befassen. Der Fortschritt der Medizin zwingt dazu. Viele haben schon erlebt, wie die Segnungen der High-Tech-Medizin zum Fluch werden, wenn nur noch Maschinen unheilbar kranke Angehörige am Tod in Würde hindern. Um in dieser Phase die Verfügung über das eigene Leben zu behalten, gibt es inzwischen glücklicherweise Patientenverfügungen. Viele Menschen haben schon eine ausgefüllt - sie haben damit sich selbst etwas Gutes getan, und auch ihren Angehörigen, die ansonsten für sie entscheiden müssten, wann die Maschinen abgeschaltet werden.   

Das gilt ähnlich für die postmortale Organspende. Allgemein begrüßtes Ziel von Spahns Gesetzentwurf ist es ja, dass die Kliniken unter unheilbar hirnverletzten Intensivpatienten künftig mehr potenzielle Organspender identifizieren können als bisher. Weil aber die allermeisten von ihnen, wie es heute der Fall ist, zu Lebzeiten niemals verbindlich ihren Spenderwillen geäußert haben,  dann werden künftig noch mehr Angehörige als heute in die Lage kommen, anstelle der Sterbenden über eine Organentnahme entscheiden zu müssen. Wer mit Betroffenen gesprochen hat, weiß, wie extrem belastend das ist und wie sehr sie sich eine rechtzeitige Willenserklärung des hirntoten  Angehörigen gewünscht hätten. Die Widerspruchslösung zieht daraus die nötige Konsequenz und schreibt den Zwang zu dieser Willenserklärung fest.

Bleibt aber die Frage: Ist der Hirntote denn wirklich tot, wenn ihm Organe entnommen werden?  Aus ihr spricht eine tiefe Unsicherheit gegenüber dem Medizinapparat, der zu komplex geworden ist, um ihn noch verstehen zu können. Dass bei einem Menschen sämtliche Hirnfunktionen unabänderlich ausgefallen sind,  müssen aber mehrere Fachmediziner feststellen. Wer trotzdem zweifelt, ob die Patienten wirklich tot sind, weil er Ärzten nicht das letzte Wort lassen will, der müsste konsequenterweise auch fordern: Machen wir generell Schluss mit der Organentnahme bei Verstorbenen. Und er müsste die Frage beantworten, wer dann überhaupt noch entscheiden darf, ob lebensverlängernde Behandlungen beendet werden, damit noch ein Sterben in Würde möglich ist. Soweit aber gehen die, die diffuse Zweifel am Hirntod säen, bezeichnenderweise  nicht.

Der Tod, zugegeben, macht Angst. Immer mehr Lebende aber, zum Glück, können die Organspende als Chance sehen, ihrem Sterben noch einen Sinn zu geben.  Mehr als 80 Prozent hierzulande wären laut Umfragen bereit, nach dem Tod ihre Organe zu spenden. Gerade kam eine repräsentative Befragung für die „Welt“ zum Ergebnis, dass eine knappe Mehrheit auch die Widerspruchslösung gutheißt, von den unter 30-Jährigen sogar zwei Drittel. Jens Spahn hat diese Entwicklung endlich aufgegriffen, die Kanzlerin unterstützt ihn. Das Parlament sollte es schnellstens auch tun.

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