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Organspende Wann gilt ein Mensch als hirntot?

Erst, wenn ein Mensch für hirntot erklärt wird, dürfen Ärzte Organe entnehmen. Doch was sind die Kriterien für diese Diagnose? Der Facharzt Martin Söhle erklärt sie.

Gehirnströme
Das Messen der elektrischen Aktivität des Gehirns ist nur eine der Diagnosemethoden, um einen Ausfall der Hirnfunktion festzustellen. Foto: Imago

Ein Mensch ist dann tot, wenn sein Gehirn gestorben ist. Seit 1968 gilt dieses Kriterium – und erst wenn Ärzte den Hirntod eindeutig festgestellt haben, dürfen einem Patienten Organe entnommen werden. Doch was bedeutet dieser Begriff eigentlich genau? Martin Söhle, stellvertretender Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Bonn und Sprecher des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Neuroanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, gibt Antworten.

Herr Söhle, welchen Zustand beschreibt der Begriff Hirntod?
Hirntod bedeutet, dass ein „irreversibler Hirnfunktionsausfall“ vorliegt, dass also keine Chance auf ein Wiedereinsetzen der Hirnfunktionen besteht. Hirntod ist ein Phänomen, das nur im Krankenhaus auftritt und erst mit der modernen Intensivmedizin aufgekommen ist. Ein Beispiel: Wenn ein Patient eine schwere Kopfverletzung  erlitten hat, kommt er ins Krankenhaus, wo er beatmet und sein Kreislauf künstlich aufrechterhalten wird. Jetzt kann ein Zustand eintreten, der außerhalb der Klinik gar nicht möglich wäre: dass Organe wie das Herz noch funktionieren, das Gehirn aber nicht mehr, es also bereits tot ist.

Das heißt, außerhalb des Krankenhaus kann man nicht an einem Hirntod sterben, da gibt es immer eine andere Ursache?
So ist es, zuhause oder auf der Straße ist ja niemand, der   Organfunktionen aufrecht erhält. Im Krankenhaus geht das beim Herz, bei der Lunge, den Nieren – aber beim Gehirn eben nur sehr eingeschränkt.

Wie habe ich mir das Sterben des Gehirns vorzustellen? Stellt es plötzlich seine Aktivität ein oder ist es ein allmählicher Prozess?
Das geschieht nach und nach. Damit das Gehirn funktionieren kann, muss es über das Blut mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Bei einer schweren Schädigung reagiert das Gehirn, indem es anschwillt, wie bei einem Knöchel, den man sich gestoßen hat. Allerdings kann dieser nach außen dicker werden, beim Gehirn gibt es keinen Platz, weil es von Knochen umgeben ist. In dem Moment, in dem es anschwillt, drückt es sich selbst die Blutzufuhr ab. Es wird nicht mehr versorgt, deshalb sterben die Nervenzellen ab. Das ist ein Prozess, der etliche Stunden dauert.

In dieser Zeit wird der Rest des Körpers noch vom Gehirn versorgt?
Die meisten Organe in unserem Körper arbeiten – zeitlich begrenzt - auch dann noch, wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert.

Wie lange könnte ein Körper ohne das Gehirn überleben?
Theoretisch eins, zwei Wochen – aber nur mit maximalem Aufwand.

Es gibt ja Berichte von Schwangeren, die im hirntoten Zustand noch ihr Kind ausgetragen haben.
Das sind absolute Ausnahmesituationen. Häufig sind diese Patientinnen auch nicht hirntot, sondern liegen im Wachkoma. Das wird gerne verwechselt. Dabei ist das Gehirn zwar auch schwer geschädigt, aber der Hirnstamm, wo Atmung und Kreislauf gesteuert werden, funktioniert noch. Da gibt es eine Chance, irgendwann wieder aufzuwachen – auch wenn sie sehr gering ist. Beim Hirntod sind alle Gehirnbereiche abgestorben.

Wie wird denn der Hirntod sicher festgestellt?
Es gibt keine andere Art der Todesfeststellung, die so sicher ist wie die Hirntod-Diagnostik. Für diese gibt es genaue Vorgaben der Bundesärztekammer, an die sich Mediziner halten müssen. Die erste Besonderheit ist, dass nicht wie sonst nur ein Arzt den Tod feststellen muss, sondern es müssen mindestens zwei sein – und zwar aus verschiedenen Fachrichtungen. Einer muss zwingend ein Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein, der zweite ist häufig ein Anästhesist oder Internist. Außerdem müssen diese Mediziner erfahren sein, nicht nur in der Behandlung von Patienten auf der Intensivstation, sondern auch in der von Patienten mit einer schweren Hirnschädigung.

Wie wird in der Praxis untersucht, dass der Hirntod vorliegt?
Erst einmal müssen bestimmte Umstände ausgeschlossen werden, etwa, dass ein Patient unterkühlt ist oder unter dem Einfluss von Medikamenten steht, die ihn künstlich am Schlafen halten. Wenn das klar ist, muss festgestellt werden, dass das Hirn abgestorben ist. Ein funktionierendes Gehirn hat typischerweise Reflexe, die aus dem Hirnstamm kommen. Saugt man zum Beispiel Sekrete ab und es hustet jemand nicht, können wir davon ausgehen, dass der Hirnstamm nicht mehr funktioniert. Für den Hirntod müssen wir zudem feststellen, dass ein Patient keinen Atemantrieb mehr hat. Je höher der CO2-Spiegel im Blut, desto stärker ist dieser Antrieb. Diese Situation stellen wir künstlich her und schalten testweise das Beatmungsgerät aus. Holt jemand dann keine Luft, kann man sicher sein, dass ein Atemstillstand vorliegt.  Das dritte Kriterium ist, dass der Patient in einem tiefem Koma liegt, dafür setzt man einen Schmerzreiz, auf den ein lebender Patient reagieren würde.

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